Auszug aus einem Rant auf Facebook

Am vergangenen Wochenende war in Berlin der 100-Meilen-Mauerlauf. Ich bezog mich auf diesen Lauf, als ich in einer Gruppe dort meinen Sonntagslauf postete – denn mit 160 Kilometern konnte ich nicht aufwarten. In einem Kommentar wurde daraufhin angemerkt, dass ich nicht mit dem Mauerlauf aufwarten könne, sei auch gut so – denn Laufveranstaltungen seien Viren-Spreader-Events. So weit, so gut.

Ich antwortete, dass ich nicht ganz auf Laufveranstaltungen verzichte – denn ich möchte ja beim Baden-Marathon meine Halbmarathon-Zeit verbessern und, sofern alles halbwegs bleibt, beim Köhlbrandbrückenlauf mitlaufen. Beide Veranstaltungen haben Hygiene-Konzepte: Wie weit sie auf Masken und Tests setzen, weiß ich noch nicht, aber Abstand zur Reduktion des Ansteckungsrisikos wird durch gestaffelten Start in Kleingruppe hergestellt. Als Geimpfte komme ich zudem mit geringerem Risiko dort hin. Daraufhin wurde ich belehrt, dass Masken und Impfung keinen vollständigen Schutz bilden… Da ich all das erläuterte, als ich meine beiden Anmeldungen zu diesen Läufen benannte, fühlte ich mich von dieser Belehrung schon ein wenig angegangen. Daraufhin formulierte ich folgende Antwort, die ich so auch hier teilen möchte:

Schutzkonzepte und auch die Impfung sind keine völligen Verhinderer des Weitertragens des Virus‘ – sie verringern das Risiko aber dennoch. Das Schwarz-Weiß-Denken stört mich in der Pandemie: Was nicht zu 100% schützt, ist für die einen fruchtlos und darf daher keine Treffen und Veranstaltungen ermöglichen, für die anderen ist’s unnötig und man sollte es daher nicht brauchen und trotzdem Normalität haben. Die Wahrheit liegt zwischen den beiden Polen. Ich betrachte die Impfung und das Schutzkonzept nicht als 100%-Schutz, bin aber auch in der Vergangenheit trotz potentiell ansteckender, noch symptomloser Grippe-Patienten ganz ohne Schutzmaßnahmen in Massenstarts in Winterlaufserien gestanden. Das Denken „100%-Schutz oder alle bleiben daheim“ gegen „gibt keinen 100%-Schutz, daher bleibt keiner daheim“ ist eines der Probleme unserer Zeit. Denn gegen die meisten Gefahren gibt es keinen 100%-Schutz. Aber das heißt nicht, dass Schutzmaßnahmen sinnlos sind – in die öffnende wie auch die schließende Richtung nicht. Geimpft sein und im Startblock Abstand halten und Maske tragen – und die Maske an den Arm packen, wenn sich‘s auf der Strecke verläuft, schützt mich nicht zu 100%, sondern vielleicht zusammengenommen zu 80% vor Infektion, zu 85% davor, dass ich’s weitertrage und zu 98% vor einem schweren Verlauf (keine Garantie für die Werte), das heißt für mich aber weder zwingend, dass ich diese Maßnahmen fruchtlos nenne, noch dass ich wirklich alles lassen muss. Ich versuche das differenziert zu sehen.

Meine Antwort auf Facebook

Am Ende des Tages glaube ich auch, dass wir über dieses Schwarz-Weiß-Denken dem Virus Vorschub leisten. Denn wenn ich, die ich eigentlich schon eine differenzierte Sichtweise zum Ausdruck gehabt zu haben glaubte, mich dann von einer Belehrung, alle Veranstaltungen seien schlimm, angegangen fühle, wie mag es dann Leuten gehen, die schon länger und mit mehr psychischem Druck zurück zu Veranstaltungen möchten? Sicher gibt’s Leute, die nicht abwägen, sondern einfach losschlagen. Aber ich denke, die große Mehrheit hat ein ausgebildetes Risiko-Bewusstsein und wägt ab, wird aber mit generellen Totschlagargumenten „nur Lockdown“ mit dem mitschwingenden Bass „für immer“ angegangen – und das schürt Trotz, der gegebenenfalls kein guter Berater ist.

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