Überwindung

Es ist albern. Das vorweg. Ich weiß, dass es vielen nicht schwer fällt, was mich massive Überwindung gekostet hat, einfach, weil ich es seit Ewigkeiten nicht getan habe, aber auch ein bisschen, weil ich an ein Ereignis denken musste, das meinen Vater einmal für ein paar Wochen völlig ausgeknockt hat.

Das Ereignis, das meinem Vater da widerfuhr, war ein Flaschenboden, der mit den abgebrochenen Teilen des Flaschenkorpus nach oben auf dem Grund der Jagstmündung lag. Beim Baden trat mein Vater darauf und hatte daraufhin relativ lange mit den Verletzungen zu kämpfen, die ihm dieser Unfall beschert hatte. Im Wissen, wie viel achtlos weggeworfenes Glas überall herumliegt, macht mir das eine Heidenangst vor dem Barfußlaufen und Barfußstehen an Stellen, wo ich den Boden nicht sehen kann – wegen Gras, oder wegen trüben Wassers. Der ganze Rest – „Ihgitt, meine nassen Füße werden sandig/erdig/dreckig“ – ist der rein alberne Teil.

Habt Ihr’s schon rausbekommen? Genau! Ich bin das erste Mal seit vielen, vielen Jahren in einem See gewesen, habe meine ersten 886 Meter Freiwasserschwimmen seit… ja, wahrscheinlich seit meinem 25. Geburtstag absolviert. Wahrscheinlich war ich sogar noch ein ganzes Stück länger nicht mehr Freiwasserschwimmen. Allerdings war das heute nicht völlig freiwillig. Mein Mann und ich hatten vereinbart, dass wir heute gemeinsam Schwimmen gehen wollten. Dafür ist er extra aufgestanden, damit wir rechtzeitig loskämen – aber schon kurz bevor er aufstand, war die corona-bedingte „Füllstandsampel“ des Sonnenbads in Karlsruhe von Grün auf Gelb gesprungen. Wir rollten also nicht zum Sonnenbad, sondern trieben unsere Fahrräder in Richtung Rheinstrandbad Rappenwört. Beim Losfahren war’s noch grün – als wir dort ankamen, gewann ich den Eindruck, dass die Warteschlange vor der Kasse des Bads bis nach Mühlburg ginge (ist natürlich übertrieben…), mein Browser auf dem Handy verkündete auch, dass das Bad sich schnell fülle und ein Einlass nicht garantiert sei – die Ampel stand auf Gelb. Eine 100 Meter lange Warteschlange durchwarten, um dann nicht sicher rein zu kommen? Nein, das wollten wir uns dann nicht antun.

Wir drehten also um und radelten bis zum Fermasee. Dort stellten wir unsere Räder an einer Bank ab – ich war reichlich genervt von der ganzen Situation und führte ein Wölkchen der Missstimmung über meinem Radhelm mit, so dass mein Mann schon vermutete, ich gäbe ihm die Schuld, dass es nicht geklappt habe. Aber eigentlich ging mir vor allem auf die Nerven, dass eine halbe Stunde Radfahrt reichte, um das Schwimmbad wieder zunichte zu machen.

Dann tastete ich mich vorsichtig ans Wasser. Zuerst guckte ich nur. Dann zog ich meine Radklamotten, die ich über dem Schwimmanzug hatte, an der Bank aus und guckte nochmal – nunmehr barfuß. Schließlich stelle ich fest, dass ich meine normale Brille noch auf hatte – inakzeptabel, die hätte ich bestimmt verloren. Also nochmal zur Bank, Brille gegen Schwimmbrille mit Stärke vertauscht, vorsichtig hineintasten ins Wasser – und dann nach vorne sinken lassen. Ich schwamm! In einem See! Meine Güte, was eine Überwindung für etwas, das für andere so unglaublich normal und schön ist! 886 Meter wurden es, über den See hinüber zu schwimmen habe ich mich noch nicht getraut, weil ich nicht wusste, wie’s mit der Kondition aussieht. Ich schwamm also parallel zum Ufer hin und her.

Die Erinnerung an den Unfall meines Vaters hat mich aber eben doch noch beschäftigt. Nicht, dass ich mich abhalten habe lassen. Ich glaube auch, ich werde mich daran gewöhnen. Als Kind und Jugendliche bin ich öfter an der Jagst gewesen und barfuß im Fluss geschwommen – oder im Plattensee gewesen, oder auch auf Korsika oder Formentera im Meer. Wobei: Das Meer ist eine andere Liga, das ist klar, da sieht man mehr. Nun, wie gesagt: Ich werde mich wohl dran gewöhnen. Aber falls nicht – und für den Fall, dass ich mir mal richtig unsicher bin – habe ich mir nun noch Fivefingers V-Aqua bestellt. Dann bin ich – recht platzsparend und ohne völligen Verlust des Barfuß-Aspekts – für unsicheres Gefühl beim Freiwasserschwimmen gewappnet.

3 Kommentare zu „Überwindung

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