Fehlerkultur, Wandel und Klima

Derzeit kocht’s mal wieder. Das erste Mal wird diskutiert, ob nach einer Bundestagswahl die neue Person im Kanzleramt kein Parteibuch von Union oder SPD hat, gefühlt war auch das Klima – trotz Pandemie! – nie so präsent in einem Wahljahr. Zugleich bekommt man um die Ohren geschlagen, was das mit dem Klimawandel eigentlich solle, so windig, kalt und regnerisch sei das Frühjahr schon lange nicht mehr gewesen. In mir regt sich Widerspruch, weil die geringere Stabilität der Westwindlagen und ein eventuelles grönland-schmelze-bedingtes Zusammenbrechen des Golfstroms Klimawandelfolgen sind, aber eben genau nicht Europa zum Hitzeofen machen, unsere Lebensgrundlage aber dennoch gefährden. 

Ich will die großen Zusammenhänge allerdings eigentlich gar nicht diskutieren, sondern auf etwas anderes hinaus: Auf den Verkehr und was man machen kann. Freilich kann man nun eine Verzichts-Debatte aufmachen: Zuerst einmal stellen wir fest, was alles viele Ressourcen verbraucht und viel CO2 in die Atmosphäre bläst. Dann finden wir raus: Das betrifft ja alle Lebensbereiche! Uff, das geht mal gar nicht. Also lassen wir’s sein, weil ganz richtig können wir es ja nicht machen und dann macht das Leben auch keinen Spaß mehr. 

Aber das ist genau die Fehlerkultur, die Menschen dazu bringt, Fehler lieber zu verschweigen, als sie anzuführen, eine Verbesserung zu starten und weiter zu machen. Natürlich können wir nicht so einfach von „Täglich Autopendeln, Flug nach Berlin, Klimaanlage und jeden Tag günstiges Fleisch auf dem Teller“ auf – naja, auf das umschalten, was wir machen sollten, wenn acht oder neun Milliarden Menschen auf dem Planeten leben sollen, ohne ihn zu zerstören. Viele Dinge sind eingefahren und man muss Stück für Stück ändern – aber dafür muss man etwas ändern, irgendwo anfangen, und nicht ächzend aufgeben, weil es zu viel ringsum ist. 

Analog zu Michael Jacksons Song beginne ich mit der Frau im Spiegel: Ja, mir schmeckt, als Luxusgut, weiterhin das Rindersteak auf dem Teller. Mir würde es sehr schwer fallen, darauf völlig zu verzichten. Aber geflogen bin ich zum Beispiel seit etlichen Jahren nicht mehr, obwohl ich wohl zu der Einkommensgruppe gehöre, die sich das nicht nur leisten kann, sondern auch oft leistet. Kurzstreckenflüge lehne ich sowieso ab – aber noch nicht mal aus prinzipiellen Überlegungen, sondern weil ich es unglaublich unbequem finde, meine Reisezeit zu „zerreißen“: Fahre ich mit der Bahn, habe ich bei gut abgestimmtem Reiseplan ÖPNV-Zubringer zum nächsten Fernbahnhof, Fernzug, ÖPNV-Zubringer zum Ziel. Meine ruhige Reisezeit ist zweimal durch Transfer und Warten unterbrochen. Beim Fliegen fahre ich erstmal zum nächsten Flughafen, dort warte ich ggf. auf das Abgeben des Gepäcks (Check-In geht ja elektronisch), dann warte ich auf das Boarding, dann sitze ich für ein paar Minuten im Flugzeug, renne wieder auf mein Gepäck… und die Flughäfen liegen weiter weg von Start und Ziel als die Fernbahnhöfe. Das, was eine Bahn-Fernreise länger dauert als ein Flug, kommt an Qualität der Reisezeit, weil nicht zerrissen, Toilette verfügbar, keine Gurte… direkt wieder rein. Aber wir wissen ja aus der aktuellen Debatte, dass ich hier Augenwischerei betreibe: Kurzstreckenflüge sind nicht DER brennend-riesige Punkt in unserer Klimabilanz, während man beim Fleischkonsum schon mehr Stellschrauben hat – nicht zuletzt kommt dann noch der Stromverbrauch dazu, da ich ja durchaus gerne mal am Rechner spiele. 

Wo ich aber wirklich sagen kann: „Ich hab‘ was geändert! Ich habe was gemacht!“, das ist beim täglichen Verkehr. Pendeln zur Arbeit, Einkaufen, Freunde Besuchen… von 2011 bis 2017 bin ich mit dem Auto von nahe Karlsruhe nach Stuttgart gependelt. 170 Kilometer am Tag, zwar mit einem kleinen Auto, aber nichtsdestotrotz mit einem Auto. Ich habe 800 Kilogramm Fahrzeug bewegt, um 60-75 Kilogramm Person (gelegentlich eine weitere Person) und vielleicht zwei, drei Kilogramm „Nutzlast“ zu befördern. Über zwei Wechsel zu näheren Arbeitsstätten, Experimenten mit Laufen zur Arbeit, ÖPNV und mittlerweile dem Fahrrad bin ich auf den Punkt gekommen, dass ich 63 Kilogramm Person plus drei bis zehn Kilogramm Nutzlast (Notebook, Wechselklamotten, Papiere) mit dem 13 Kilogramm schweren „Red Flash“ befördere und dafür keine fossilen Brennstoffe, sondern pflanzlich und ggf. tierisch aufgebaute Kalorien verbrenne. Mittlerweile habe ich auch das Einkaufen, das Besuchen von Freunden und die Transfers zum Training so ersetzt. 

Freilich: Es ist eventuell nicht genug. Es gibt Dinge zu optimieren – große Dinge, wie das Ersetzen von Auto- oder ÖPNV-Fahrten mit dem Fahrrad, kleinere Dinge wie die Reduktion des Energieverbrauchs durch effizientere Beleuchtung z.B. durch LED. Es gibt viele Baustellen, vor denen ich noch etwas ratlos stehe: Heizen mit Öl durch Heizen mit ebenfalls fossilem Gas zu ersetzen? Oder mit Strom, der eventuell auch durch fossile Energieträger erzeugt wird? Durch Biomasse, wo wir beim Hochskalieren auf „alle Menschen“ allmählich auch an die Grenzen stoßen werden? Ich habe keine Lösung, aber ich bewundere das Problem. Das heißt aber nicht, dass ich es bei anderen Sachen gleich lassen kann. Dort, wo was geht, kann ich was tun, dort, wo noch nichts geht, halte ich still und gucke mal, ob mir oder wemanders was einfällt. 

Deswegen geht es nicht um Symbole. Es geht auch nicht drum, dass alles schlecht ist und wir dran scheitern und es gleich lassen können. Es geht drum, da was zu tun, da was zu verbessern, wo es geht, und das andere eben zu lassen, bis da was geht. 

Das gilt übrigens nicht nur für Klimaschutz, Plastik und dergleichen. Es gilt für alles. Bloß weil ein guter, großer Schritt unbequem oder gar unmöglich ist, all die kleinen, vielleicht gar nicht so schlimmen Schritte zu lassen, weil es sich ja doch nicht lohnt und danach immer noch schlecht ist, führt uns nirgendwohin. Und gerade fällt mir endlich ein, wie die Melodie trotzdem passt: 

I’m starting with the girl in the mirror.
I’m asking her to change her way.
And no message could have been any clearer.
If you want to make the world a better place.
Take a look at yourself, and then make a change.

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