Tomaten auf den Augen? Karotten in den Ohren!

Ich will ja nicht zu denen gehören, die den Verlust der „guten alten Zeit“ beklagen. Eine Sache allerdings stößt mir sauer auf die es in dieser intensiven Form noch nicht so lange gibt. Nein, es ist nicht der auf das Display des Smartphones geheftete Blick. Der ist mir egal, denn den erkenne ich, wenn ich laufend oder mit dem Rad einem unaufmerksamen Fußgänger näher komme. Wesentlich schwieriger finde ich die ausufernde Nutzung von Kopfhörern – von sichtbaren, die die Ohren völlig isolieren, ebenso wie von In-Ear-Kopfhörern.

Das Backup zur optischen Wahrnehmung im Straßenverkehr ist nämlich die akustische Warnung. Wem ich mich von hinten nähere, dem nutzt auch ein aufmerksamer Blick nichts, er sieht mich nicht. Aber wenn ich klingele oder rufe… Indes, viele Menschen auf der Straße sind akustisch nicht mehr erreichbar. Die, die schwer hören, können nichts dazu. Die, die sich von ihrer Umgebung absichtlich isolieren und so am Straßen- oder Rad-Fußweg-Verkehr teilnehmen, tun nicht nur etwas, das nicht nur Grauzone bis nicht rechtens ist, sondern sie tun auch etwas sehr Gefährliches. Sie können nicht mehr hören, wenn jemand sich auf dem Weg nähert, bewegen sich so, als käme da nichts – und verursachen so gegebenenfalls Unfälle. Mit dem Rad umgehe ich Fußgänger auf gemischten Rad-Fußwegen stets. Ich bin schneller, also schere ich aus, wenn es der Gegenverkehr erlaubt, und fahre an den Fußgängern vorbei. Bei zwei, drei nebeneinander gehenden Menschen, die den Weg voll dicht machen, behalte ich mir auch mal zu klingeln vor, damit ich vorbeikomme. Vorbeugend klingele ich nicht immer – aber gelegentlich schon. Denn wer nicht weiß, dass ich komme, bewegt sich so, als gehöre ihm der ganze Weg, und ob ich dann noch bremsen kann, wenn im Takt der Musik auf die Ohren ein Ausfallschritt zur Wegmitte erforderlich erscheint, ist gelegentlich fraglich.

Manchmal merkt man’s auch im letzten Moment erst. Nichts ist passiert, nichts wäre passiert, ich klingelte heute morgen einfach, damit die in Gedanken versunkene, auf ihr Handy starrende Person auf dem gemischten Rad-Fußweg nicht erschrecke, während sie im morgendlichen Zombie-Mode zur Bushaltestelle stiefelte. Ich klingelte nochmal, sie ging leicht zur Seite. Aber das war nur Instinkt, denn als ich an ihr vorbeirollte, erschrak sie sehr heftig und wäre dann doch beinahe auf die Straße gesprungen – obwohl ich nicht schnell war und die maximale Breite des Radweges Abstand von ihr suchte, beim vorbeifahren.

Manchmal fühle ich mich dann doch bestätigt, wenn ich klar mache: Musik direkt im oder am Ohr hat im Straßen- oder Radwegverkehr nichts zu suchen.

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