Entertainer

Wie es scheint, ist an mir wohl ein Entertainer verloren gegangen. Freilich liegt das immer im Auge des Betrachters, aber heute hatte ich gewisse Indizien, dass ich eine Geschichte im realen Leben, sofern ich viel Anteil daran nehme, ganz gut erzählen kann.

Heute Mittag hatte ich aus irgendeinem Anlass kurz mit einer Kollegin zu tun, die auch Physik studiert hat, wenn auch mit anderen Fokus als ich. Wir hatten es dann kurz von Physik-Professoren und wie die so drauf sind, dann erzählte ich ihr noch etwas anderes und sie fragte nach. Wie es so kam, verquatschten wir uns: Von meinem Physik-Hauptdiplom in theoretischer Physik kamen wir auf meine (ganz gegensätzlich verlaufene) Hauptdiplomprüfung in experimenteller Physik. Dann kam das Thema auf meine Selbstbelohnung danach (eine abenteuerliche Fahrt mit dem Auto über mautfreie Straßen durch die Schweiz und Frankreich nach Le Bourg d’Oisans, Übernachtungen im Auto, das Bergzeitfahren in l’Alpe d’Huez während der Tour de France 2004) und dann auf Radsport.

Schließlich landeten wir dabei, dass sie fragte, wie Radsport schauen so sei. Also schilderte ich, was mich daran fasziniert – anhand dreier Bergankünfte, die großen Eindruck bei mir hinterlassen haben, durch die Bank aber schon sehr lange her sind:

  • Miguel Indurains Verfolgungsjagd nach Lourdes Hautacam 1994, als er zusammen mit Luc Leblanc alle Spitzengruppen jagte, einholte und hinter Luc Leblanc zweiter in Hautacam wurde.
  • Bjarne Riis‘ Angriff von der Spitze der fünfköpfigen Spitzengruppe, diese schiere Demonstration bloßer Überlegenheit, als vier starke Bergfahrer, die normal sehr wechselschnell fahren können, einem von der Spitze der Gruppe wegradelnden Riis nicht mehr folgen konnten – wieder in Lourdes Hautacam.
  • Jan Ullrichs Zurückfallen zum Teamwagen mit Walter Godefroot, sein lässiges zurückradeln in die zerrupften Reste des Hauptfeldes – und dann seine Attacke, wie er in der Serpentine forciert, wie er Virenque abhängt, die Zweiergruppe um Cédric Vasseur im gelben Trikot stehen lässt.
    Wie er dann den Kopf schüttelt, als er den führenden Ausreißer stehen lässt, höher hinaus stürmt, seinen Trikot-Reißverschluss schließt und sich dann umschaut, ob ihm jemand folgt, doch da ist keiner mehr…

Ich scheine es gut gemacht zu haben. Ich scheine meine Begeisterung, meine Gänsehaut von damals gut transportiert zu haben, denn sie tupfte kurz ihre Augen. Es ist selten, dass jemand die Dramatik, die unglaubliche Spannung und diese Gänsehaut nachfühlen kann, die es in mir weckt, einen Helden an einem Berg eines Straßenradrennens geboren werden zu sehen. Und sei’s nur bis zum nächsten Tag, wenn die anderen ihn deklassieren, oder bis herauskommt, dass er gedopt hat, oder alles zusammen.

Vermutlich kann ich das wirklich nur bei Dingen, von denen ich überzeugt bin, zu denen ich eine emotionale Bindung habe. Aber bei denen scheine ich es zu können – eine Spannung aufzubauen, eine Erzählung zu kreieren, die mitreißt. Das freut mich, denn ich weiß, dass es mir sehr viel bedeutet, diese enorme Begeisterung transportieren zu können. Vielleicht werde ich, wenn ich nun wieder anfange, Radsport zu schauen, neue solche Szenen erleben und den Leuten erzählen… das wäre schon klasse, finde ich.

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