Es ist kein Spaß

Ich habe mich lange darum gedrückt, aber es ist nun so weit. Es ist einfach kein Spaß mehr.

Im vergangenen Frühjahr, fast noch im Winter, feierte ich noch Fasching. Am Wochenende zwischen „schmutzigem Donnerstag“ oder Weiberfastnacht und Aschermittwoch lief ich auf zwei Umzügen mit. Parallel hörte man immer mehr vom neuen Corona-Virus Sars-CoV-2 und dessen Ausbreitung. Der Umzug, an dem ich theoretisch am Tulpendienstag mitgelaufen wäre, fiel dann wegen Witterung und wohl auch Sorgen in Sachen des Virus und wegen eines Vorfalls mit einem Auto, das in Hessen in einen Umzug hineingerast war, sowieso aus. Ein wenig ein mulmiges Gefühl war schon da.

Das ist ein Jahr her, ein paar Tage mehr, ein paar Tage weniger. Wir hatten Ungewissheit und Lockdown im Frühjahr ’20, Absage aller Laufveranstaltungen, stückweise, dann zunehmend en bloc, über das Jahr 2020, schließlich schleichenden Anstieg nach dem Sommer und Explosion im Herbst, erneuten Lockdown, verlängerten Lockdown, fulminant schnelle und (trotz der momentanen Diskussionen um den Impfstoff von AstraZeneca) dafür verdammt gute Impfstoffentwicklung, dann aber ein Desaster bei der Beschaffung, zumindest in Europa. Nun steuern wir mit langsamen Impfungen und schnellen Lockerungen auf eine dritte Welle mit erneut härterem Lockdown zu.

Ja, ich beklage, dass im Management dieser Krise vieles komisch und schlecht und falsch lief. Anfangs wusste man es nicht besser, später agierten Politik und Verwaltungen an neuralgischen Punkten teils überaus schwierig. Auch ich habe keine Lust mehr auf Lockdown. Aber mir geht es auf den Nerv, dass ein paar (wenige), aber (sehr) laute Leute den Eindruck erwecken, eine Mehrheit glaube nicht an Existenz und Gefahr dieses Virus und seiner Mutationen, lehne vernünftige Eindämmungsmaßnahmen ab und sei gegen die Impfungen.

Wir erleben eine Situation, die schwer fassbar ist. Ich habe vielleicht den Vorteil, dass ich als Kind noch die Auswirkungen von Tschernobyl mitbekommen habe. Auch hier war etwas Unsichtbares, Gefährliches im Spiel, dessen Auswirkungen und Verbreitung man noch nicht genau verstand. Radioaktivität und ein Virus mögen sehr unterschiedlich funktionieren, aber sie sind gleichermaßen außerhalb dessen, was die Instinkte von Menschen handhaben können. Harmlos erscheinende Erde ist kontaminiert, symptomlose Menschen sind ansteckend. Ob und wie man geschädigt wird, merkt man erst mit Verzögerung. Es gibt keine sensorische Wahrnehmung für die Gefahr und kein direktes Feedback, dass der Schaden bereits angerichtet ist. Das ist naturgemäß schwer fassbar.

Dennoch ist klar, dass Covid-19 mit schweren Verläufen und langwierigen Folgen nicht nur alte Menschen trifft, genau wie die Radioaktivität aus Tschernobyl nicht nur ein Ostblock-Problem war. Ebenso ist klar, dass man selbst bei symptomlosen oder symptomarmen Verläufen bereits vor Beginn der Symptome ansteckend ist. Dazu kommt das exponentielle Wachstum, insbesondere bei Versagen lokaler Eindämmung. Diese drei Faktoren zusammengenommen sind der Grund für die Lockdowns.

Am Ende des Tages schockiert, deprimiert und ermüdet mich das Leugnen einer pandemischen, gefährlichen Situation und die Unterwanderung der Eindämmungsmaßnahmen ebenso wie das Versagen der Politik in der rechtzeitigen Installation wirksamer Eindämmungsmaßnahmen und auch derer hinreichender Erklärung. Ich bin diese Pandemie nicht annähernd so leid wie das offenkundige Versagen vieler Menschen – Corona-Leugner und Maßnahmen-Brecher ebenso wie Politiker – in der Reaktion auf die nunmehr schon lange nicht mehr SO fremde und neue Situation.

7 Kommentare zu „Es ist kein Spaß

  1. Daran iist u.a. eine über 10 Jahre dauernde Freundschaft zerbrochen. Ich musste die Freundschaft beendet weil mein Kumpel sich zum Hardliner – Leugner und Verschwörungsschwurbbler gewandelt hat und der Meinung ist, dass liegt an der Diktatur der Merkelregierung.

    1. Ich glaube Dir, dass das verdammt hart ist. Es gibt viele Ansichten und viel Politik, die man auf Freundschaften raushalten kann, aber wenn die gemeinsame Basis der Realitätswahrnehmung nicht mehr da ist, lässt sich vermutlich nichts mehr machen. Schade, es tut mir sehr leid für Dich!

      1. Da lässt sich nichts mehr machen. Vor drei Tagen erst eine gemeinsame Bekannte getroffen. Sie sagte nur, dass fast der gesamte Freundeskreis ihn inzwischen ausgeschlossen hat. Weil sie dieses Gelaber nicht mehr aushalten.

        1. Ich kann das Nachvollziehen. Mein Ideal ist zwar, den Menschen im Gespräch zu halten und nicht in seine Blase abgleiten zu lassen – aber ich habe an solchen Stellen auch schon mehr als einmal aufgeben müssen. Zum Glück noch nicht so richtig im langjährigen und/oder engen Freundeskreis, aber eben doch nicht nur bei nur flüchtigen Bekannten.

        2. Dieses Ideal funktionert nur mit Menschen, die bereit sind zuzuhören. Diese Schwurbbler hören ja nicht zu. Nehmen nicht mal Argumente an. Da lohnt kein diskutieren.

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