Dunkel, kalt und unsicher

Ich wusste schon lange, dass ich die Kälte nicht mag. Dafür brauchte ich nicht viel zu forschen – ich gehe im Winter raus und merke, es gefällt mir nicht, wenn’s kalt ist. Die Kältetoleranz ist durch Sport auch durch den Winter hindurch besser geworden, aber noch immer mag ich es lieber, wenn die Sonne auf mich scheint und die Temperatur es erlaubt, der Sonne viel Haut zu zeigen – auch beim Sport. 30 °C beim Laufen? Kein Problem für mich!

Das bringt mich zum anderen Punkt. Dunkel! Als Mensch, der in seinen Zwanzigern noch gerne bis Mittag schlief und in den krassesten Zeiten zwei bis drei Mal die Woche bis zum Morgengrauen in Discos mit bevorzugt schwarz gekleideten Menschen tanzte, war ich eigentlich der Ansicht, dass die Dunkelheit mich nicht stört. Tatsächlich gehe ich auch gerne mal bei Dunkelheit spazieren, laufe auch mal im Streulicht der Großstadt ohne Stirnlampe über die Felder, vorausgesetzt ich werde nicht geblendet. In zunehmendem Maße merke ich aber, dass nun, in meinen Vierzigern, mir das frühe Dunkeln im Winter zusetzt. Schon beim Pendeln nach Stuttgart, das den größten Teil meiner Dreißiger einnahm, störte es mich, im Dunkeln aus dem Haus zu gehen und dann im Dunkeln wieder nach Hause zu kommen. Im Auto geht das ja sogar noch besser, aber auf dem Fahrrad macht es gar keinen Spaß. Nun, wo ich wegen der Corona-Pandemie auch einiges an Homeoffice machen darf oder muss – ich empfinde es eher als ein „Dürfen“, wo ich mich nun daran gewöhnt habe – bemühe ich mich, so früh wie möglich zu Arbeiten zu beginnen, um nach dem Feierabend gegen 15:00 oder 15:30 noch ein bis zwei Stunden im Hellen zu haben – für Sport, Spaziergänge, irgendwas.

Zu Kälte und Dunkel kommt dieses Jahr die Unsicherheit. Als Sportlerin mag ich es eh nicht, mich zu erkälten. Rhino-, Grippe- und Coronaviren (nicht nur Sars-CoV-2) treiben sich im Winter ja sowieso überall herum, und ich möchte diesen Mist nicht in meiner Nase, meinen Bronchien, Lungen und erst recht nicht an meinem Herzen haben. Dass ich das nicht möchte, hat sich mit der zunehmenden Bedeutung des Lauf- und nunmehr auch Radsports in meinem Leben verschärft, denn Erkältung heißt Sportverbot, damit der Infekt schnell weggeht und nicht auf’s Herz schlägt, und Herzmuskelentzündung hieße LANGE keinen Sport. Aber das ist ja nicht alles! Da man sich Sars-CoV-2 leichter einfängt als irgendeinen HxNy-Grippevirus und Covid-19 tendenziell mehr Spätfolgen, die einem den Sport verleiden, haben kann, ist das sowieso super-ätzend mit einem solch neuen Erreger auf dem Markt der winterlichen Erkältungsviren. Aber es kommt ja dazu, dass nicht nur ich Sorge vor dem Erreger habe, und nicht nur ich mit allem Recht. Sars-CoV-2 mit seinem Erkrankungsbild Covid-19 mag vielleicht nicht schlimmer sein als die spanische Grippe damals, problematischer als die übliche saisonale Grippe-Epidemie ist es aber definitiv, denn erstens haben bisher nur einige Menschen durch Infektionen mit anderen Corona-Viren eine gewisse Resistenz gegen das Zeug und zweitens sind die Folgen potenziell schwerwiegender und noch nicht voll bekannt. Deswegen finde ich es richtig, dass Gesellschaften, Staaten und Menschen mehr Infektionsschutz als sonst betreiben. Ich finde es auch in normalen Wintern ohne neue, aggressive Influenza-Variante oder neues Coronavirus nicht gut, wenn ein rotnäsig-schniefend-hustender Mensch sich in der Bahn neben mich setzt oder wild in den Zug niest oder hustet. Auch wenn ich es nicht auf meinen Alltag anwenden konnte oder wollte, hatte für mich der Usus fernöstlicher Gesellschaften, mit Mund-Nase-Maske in Zug oder anderweitig die Öffentlichkeit zu gehen, wenn man erkältet ist, einen großen Appeal. Meine Idee war einfach, dann zuhause zu bleiben, um die anderen nicht anzustecken. Mit dem Mix aus schweren und symptomlos-ansteckenden Verläufen verschärft Sars-CoV-2 bzw. Covid-19 all das und ich bin voll dabei, dass wir das Infektionsgeschehen unter Kontrolle halten müssen. Vielleicht verabschiedet sich nun endlich auch der letzte davon, dass man sich erkältet, weil man in der Kälte steht oder mit nach dem Sport feuchten Haaren irgendwo sitzt… freilich sind Sport und Kälte Aspekte, die das Immunsystem vorübergehend ein wenig schwächen, während mindestens der Sport es langfristig stärkt. Dieses „Open Window“ für Infektionen aber als den Grund von Erkältungen zu sehen, spricht für eine Haltung, die die allgemeine Verbreitung, die Allgegenwart von Erkältungserregern im Winter als unausweichliche Tatsache akzeptiert. Das ist aber nicht so! Das Kind, das beim gemeinsamen Essengehen über zwei Stunden hinweg unaufhörlich Tisch, Besteck, Geschirr aller Begleiter der Eltern anhustet und anniest ist genauso vermeidbar wie der „heldenhaft“ mit knallroter Nase, Husten und Schnupfen im Büro krächzende Mensch, der sich für unersetzlich hält. Dass man nicht bei jedem kleinen Naselaufen daheim bleiben muss, wenn nicht gerade Sars-CoV-2 oder ein neuer Influenza-Flavour grassiert, ist mir auch klar – als Läuferin läuft mir im Winter durchaus auch mal ohne Infektion die Nase, weil die Schleimhäute in Nase und Augen auf Kälte und starke Temperaturwechsel nunmal mit Sekretion von Schleim reagieren. Feucht-kalte Luft, die angewärmt wird, wird dadurch nunmal in relativer Luftfeuchtigkeit trockener und reizt auch wieder die Schleimhäute. Aber verantwortungsvoll mit dem eigenen Körper und dem Infektionsrisiko der anderen umgehen fängt nicht erst bei Fieber an. Egal, was Kollegen und gegebenenfalls der Arbeitgeber sagen, den schlappen, infektiösen Körper nicht in den ÖPNV und nicht das Büro zu schleppen, ist kein Drückebergertum.

Tja. Ich schweife ab. Unsicherheit war das Thema. Mit einem neuen, auf schnelle Verbreitung sehr gut angepassten Erreger mit verhältnismäßig häufigen schweren Verläufen auf dem Markt ist unsere europäische Haltung zu Infektionsschutz und Drückebergertum gefährlich. An der Stelle ist es sinnvoll, die nicht „aus Vernunft“ heraus von jedem einzelnen ergriffenen Schutzmaßnahmen doch anzuordnen. Das beschränkt natürlich Freiheiten – und das sehen wir gerade. Mich nervt das ebenso wie so ziemlich jeden. Der lange, abschweifende Absatz vor diesem Absatz hier ist jedoch daraus geboren, dass ich mir selbst klar gemacht habe – schon vor Corona – und anderen klar machen will, dass Infektion durch Viren Erkältungen erzeugt und nicht die Kälte – und dass der Infektionsschutz sinnvoll ist. Freilich ist extreme Eindämmung bei eher milden Erregern übertrieben – es beschränkt unsere Freiheit zu sehr, macht die Produktivität kaputt und hindert zudem an der Entwicklung von Immunität gegen genau diesen und von Resistenz gegen ähnliche Erreger. Ist aber ein Erreger mit heftigeren Eigenschaften auf dem Markt, muss man das anpassen. Aber im Gedanken an „Kälte verursacht Erkältung“ und in der Erfahrung, dass die jährliche Grippewelle ja „noch nie so schlimm war, wie das immer aufgebauscht wurde“ sind wir nicht geübt in Infektionsschutz, auch wenn er nötig wäre. Und so lassen wir in Freiheitsdrang, Unwissen und teils der bewusst die Fakten durch Verschwörung ersetzender Kombination daraus den Infektionsschutz auch da zu gering, wo er nötig wäre – und bekommen ihn verordnet, in entsprechend harter Form.

Hier beschränkt dann unser Staat Grundrechte, um ein anderes Grundrecht, nämlich das Recht auf Leben und Unversehrtheit des Körpers (Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG) zu schützen. Damit greift die Beschränkung des Rechts auf freie Entfaltung der Persönlichkeit (Art. 2 Abs. 1 erster Halbsatz GG) durch den zweiten Halbsatz: „soweit er nicht die Rechte anderer verletzt“. Genau da kommt die Unsicherheit auf. Wir alle sind nicht daran gewöhnt, ICH bin nicht daran gewöhnt, dass unsere, meine freie Entfaltung der Persönlichkeit das Leben und die Unversehrtheit anderer gefährdet (bzw. insbesondere im Straßenverkehr sind wir zu sehr dran gewöhnt, dass wir’s nicht mehr sehen). Und so entstehen „plötzliche“ Einschränkungen, und je weniger Leute es einsehen, dass an dieser Stelle die Beschränkung der freien Entfaltung der Persönlichkeit, die im SELBEN Artikel des Grundgesetzes festgelegt ist, desto härter und unvorhersehbarer werden diese Einschränkungen.

Das Ergebnis ist eine Unsicherheit, die zusätzlich zu Kälte und Dunkelheit in diesem Winter auf meiner Seele liegt. Es gesellt sich in meinem Fall in diesem Jahr noch eine gewisse Unsicherheit in anderen Bereichen dazu – mit neuer Chefin, neuen Aufgaben und neuen Kollegen ist die Abstimmung der Gruppe noch nicht final, und wo durch den Corona-Winter Sicherheiten wegbrechen, sind zusätzliche Unsicherheiten für mein sprödes Nervenkostüm Gift.

Dunkel, kalt, unsicher. Keine gute Kombination, um froh, gesund, produktiv und kreativ zu sein. Ich musste mir das mal von der Seele schreiben.

Ein Kommentar zu „Dunkel, kalt und unsicher

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