Doppelt virtuell

Dieses Jahr ist es schwierig mit den Wettkämpfen, denn wegen der Corona-Pandemie finden viele große Veranstaltungen nicht statt. Man rennt bei einem Laufwettkampf zwar den größten Teil der Zeit mit mehr oder minder großem Abstand zu anderen Läufern durch die Gegend – durch Straßen, Wälder, über Brücken… aber beim Start ist es eng und insbesondere in der kalten Jahreszeit hängt man am Ziel eng aufeinander, und da ist dann auch nach dem Wettkampf das Immunsystem etwas schwächer. Ist also durchaus richtig…

Natürlich tut’s mir nach dem Wettkampf- und Bestleistungsfeuerwerk von 2019 ein bisschen weh, dass nichts geht. Aber ich seh’s ein. Auch für den Köhlbrandbrückenlauf habe ich meine Teilnahme auf das kommende Jahr verschoben, denn infektionsschützend in kleinen Blöcken starten und dafür sechs Stunden hin und sechs Stunden zurück mit Maske im Zug sitzen… das ist irgendwie nicht das, was ich mir von einem Wettkampf erhoffe.

Was blieb also? Virtuelle Wettkämpfe… nur dass ich mir mit denen schwer getan habe. Am Wettkampf ist das direkte Messen aneinander, das anfeuernde Publikum, all das, ein entscheidender Teil des Erlebnisses. Virtuelle Wettkämpfe reduzieren das alles auf pure, unpersönliche Konkurrenz. Bei sowas habe ich dann ehrlich gesagt eher auf die gesondert ausgerichteten, zeitlich beschränkten virtuellen Wettkämpfe verzichtet und mich auf Strava-Segmente verlegt. Diesem Grundsatz bin ich aber an einer Stelle untreu geworden – beim Campus Run. Da ist es allerdings kompliziert…

Wie Ihr vielleicht wisst, oder auch nicht wisst, habe ich beim Campus Run der Uni Stuttgart seit Beginn immer teilgenommen. Ich bin sogar die einzige, die einmal häufiger beim Campus Run gelaufen ist, als er ausgetragen wurde – im ersten Jahr waren der Sechser und der Zwölfer nicht parallel ausgerichtet, so dass ich beide mitlaufen konnte – den Zwölfer für meine Leistung, den Sechser als Begleitung für eine Kollegin. Diese Serie wollte ich halten – der Versuch, den letztjährigen Sieg zu verteidigen, war zwar auch eine Motivation, aber die Serie zu halten war wichtiger. Indes, es war nicht möglich. Der Campus Run der Uni Stuttgart wird dieses Jahr erstmals virtuell ausgerichtet, der Wertungszeitraum endet heute Abend, er ging vom 21.09. bis 27.09., auch die Strecken waren andere als normal: fünf, siebeneinhalb und zehn Kilometer. Entscheidend war aber, dass der Hochschulsport natürlich ein bisschen den Auswerteaufwand reduzieren musste und daher das Teilnehmerfeld auf Mitarbeiter und Studenten der Uni Stuttgart begrenzte. Alumni, Ex-Mitarbeiter und auch Sonstige, die in den Jahren zuvor teilnehmen konnten, waren nun außen vor. Als Vorjahressiegerin und treue – treueste Teilnehmerin des Laufs bot man mir auf meine Frage aber an, meine Ergebnisse „außer Konkurrenz“, sozusagen in virtueller Teilnahme am virtuellen Lauf, einzureichen. Ich werde also – hoffentlich – in den nächsten Tagen eine Mail erhalten, in der man mir mitteilt, wie ich abgeschnitten hätte, wenn ich hätte teilnehmen können. Was ich eingereicht habe, war natürlich die längste verfügbare Strecke – wie immer! Bei dieser Gelegenheit habe ich allerdings eine neue persönliche Bestleistung über zehn Kilometer aufgestellt. Ich lief mich gestern drei Kilometer warm, dann pushte ich mich durch die zehn Kilometer und lief noch einen drei Kilometer langen Cool Down.

Meine virtuelle Teilnahme am virtuellen Lauf.

Im Dezember 2019 war ich zuletzt ein Personal Best auf zehn Kilometer gelaufen, das war bei der Winterlaufserie in Rheinzabern. Nach dem Hardtwaldlauf (39:58) war der Zehner der Winterlaufserie mit 39:41 schon eine ziemliche Steigerung. Nun musste ich „es“ ohne Publikum, ohne Verpflegung, ohne Konkurrenz tun. Das ist hart! Andere Leute auf der Strecke, das Publikum, das spornt an. Auch der Becher Wasser auf halber Strecke hilft. Aber geht ja nicht! Bei virtuellen Läufen nicht, bei noch viel virtuelleren, „inoffiziellen“ Teilnahmen noch weniger.

Und dennoch lief ich 38:41 auf zehn Kilometer. Es war mein erster Wettkampflauf, vor dem ich mich eingelaufen habe und nach dem ein Cool Down eingeplant war. Es war ein unglaublich schneller Lauf, den ich deswegen „Perfect Ten“ genannt habe. Viel Verbesserung ist da nicht mehr drin für mich, auf den Zehner, glaube ich.

Nun bin ich gespannt, was bei der virtuellen Teilnahme an einem virtuellen Lauf rausgekommen wäre, denn es eine nicht-virtuelle Teilnahme an einem virtuellen Lauf gewesen wäre. Jedenfalls bin ich sehr stolz, meine persönliche Bestleistung auf zehn Kilometer um eine Minute verbessert zu haben – das sind mehr als 2,5%!

7 Kommentare zu „Doppelt virtuell

    1. Oh, das wäre auch was gewesen! Aber wir hatten ein nettes Beisammensein mit unserem Besuch, nachdem (neben meinem Lauf) gestern auch die Decke neu gestrichen und die Lampe ausgetauscht wurde, im Wohnzimmer.

  1. Für mich eine unfassbare Leistung, die du da aufs Parkett gelegt hast. Ohne den Support am Streckenrand und aus innerem Antrieb heraus, das muss dir erstmal jemand nachmachen!

    Das zeigt aber auch, dass diese Wettkampf-Abstinenz etwas mit uns macht und ich glaube, dass das sogar ganz gut ist. Man besinnt sich doch wieder auf die Frage, warum man eigentlich tut, was man tut. Du hattest Dich selbst als schärfste Gegnerin und dein Ehrgeiz war so groß, dass du alles gegeben hast.

    Die Wettkämpfe überall auf der Welt werden gleichzeitig immer größer, es geht mehr und mehr um Goodie Bags und um Prinzip um die bloße Teilnahme.

    Nicht umsonst nimmt die FKT, die sogenannte „Fastest Known Time“, eine immer größere Rolle ein. In der Ultra Running Szene, die seit jeher sehr Umwelt-und Natur- bewusst unterwegs ist, war das seit jeher so. Die FKT von Scott Jurek haben Hunderttausende online verfolgt, als Beispiel.

    So was alleine durchzuziehen wie du heute, das ist echter Laufspirit. Fetten Respekt meinerseits für den perfekten Zehner!!!

    1. Vielen lieben Dank!

      Ich selbst finde dieses „Dabeisein ist alles“ schon mal nicht schlecht, denn es bringt Leute ans Laufen und liefert ihnen einen Grund, dranzubleiben. Das ist ein gutes Ding.

      Der Lifestyle-Aspekt von Laufveranstaltungen mit umfangreicher Kritik der Starterbeutel (mehr, was drin ist, als wie sie beschaffen sind), ist irgendwie aber auch nicht so mein Ding. Vermutlich korrespondiert das auch mit meinem Gefühl, dass mich die „Majors“ nicht reizen werden.

      Für mich war das „Dabeisein ist alles“ der Einstieg. Der Aspekt, sich zu messen, vor allem über sich, aber auch über andere hinauszuwachsen, das ist inzwischen dazu gekommen. Mittlerweile spielt es für mich eine große Rolle, allerdings messe ich mich im wesentlichen mit mir selbst. Das hilft natürlich bei solchen Läufen.

      In die Steffny’schen „Trainingsweltmeister“ werde ich mich sicher nicht einreihen, aber einen gut vorbereiteten, für sich selbst angesagten Versuch eines Personal Best, einer FKT, mit Ansage ins Zeug zu legen, das ist genau das, was für mich als Gegenstück zu (bevorzugt kleinen, familiären, weniger auf „Zeug“ und mehr auf „Lauf“ fokussierten) Wettbewerben taugt.

      Corona stellt uns vor eine riesige Herausforderung, ist schlimm und hinterfragt vieles, das wir als selbstverständlich nehmen. Ich hätte das Virus nicht gebraucht, gar nicht. Aber es gilt, konstruktiv damit umzugehen, aus diesem Unterbrechen des „Weiter so“ die Antworten auf das Hinterfragen des Status Quo zu extrahieren. Corona hat mich zu einer anderen Art des Umgangs mit meinem Leistungswillen gebracht, und zum Radfahren hat es mich gebracht.

      Danke Dir für die Einordnung ins Ganzheitliche!

      Viele liebe Grüße
      Talianna

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