Fahrbarer Untersatz 2.0

Ende November letzten Jahres bekam ich von meinem Schwiegervater sein altes Mountainbike geschenkt. Er hatte sich ein Ebike gekauft und fuhr es nicht mehr, wollte es eh verschenken – und ich war 20 Jahre nicht mehr Rad gefahren, wusste nicht, ob ich wieder Rad fahren würde. Eine Win-Win-Situation. Am 01.12.2019 begann meine wiedergeborene Radfahrkarriere, nach 20 Jahren, die ich nicht in einem Sattel gesessen hatte. Bereits im Januar 2020 fuhr ich die ersten Male mit dem Fahrrad zur Arbeit, ab März bestritt ich meine Arbeitswege fast nur noch mit dem Rad. Langsam entdeckte ich, dass meine neue Radfahrkarriere Bestand haben würde. Dem Radeln noch mehr Vorschub gab die Wadenverletzung von Anfang April, die mich bis in den Mai hinein dazu zwang, mein Bedürfnis nach Sport nicht auf Laufschuhen, sondern ausschließlich auf dem Rad zu absolvieren. Das ist wieder passé, die Wade macht wieder mit.

Aber bereits im März erwuchs der Gedanke, wieder Rennrad zu fahren. In meinen späten Teenager-Jahren fuhr ich sehr viel Rennrad, auch recht flott. Nach einem schweren Unfall, bei dem meine bis dahin genutzte Rennmaschine mit um 30° verbogenem Oberrohr in die ewigen Jagdgründe einging, bekam ich von meinen Eltern wieder ein Rad. Das habe ich jedoch aus Angst vor dem Radfahren auch nach der Genesung vom knöchernen Bandabriss am Knie nicht wirklich benutzt – ein paar wenige Kilometer sind drauf. Nun stand das Teil – alt und zugegebenermaßen fast vergessen – über viele Jahre in verschiedenen Garagen herum. Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, es wieder flott zu machen. Aber ich bin nicht in dem Sinne eine Liebhaberin – und vor allem auch nicht die Person, die viel Arbeit in das Wiederaufbauen eines alten Rades investieren würde. Nach einer Bestandsaufnahme wurde mir klar: Ich brauche zwar nicht die Profi-Rennmaschine, aber ich möchte auch nicht viel Arbeit in den Wiederaufbau eines Rads investieren und dann immer noch ein altes Rad haben, auch wenn es dann wieder fit ist.

Die alte Maschine wird nun wohl über einschlägige Plattformen ein neues Zuhause suchen – und ich habe mir was anderes ausgedacht…

Mein neues Fahrrad.

Das Mountainbike kommt freilich nicht weg. Aber ich werde es wieder mit einem Rennrad versuchen – einem neuen Rennrad, mit elf Ritzeln hinten, zwei Zahnkränzen vorne… und einem unverschämt leichten Carbon-Rahmen. Gestern war ich aussuchen und mich beraten lassen, auf dem Heimweg, bevor ich im Gegenwind auf dem Mountainbike nach Hause radelte.

Heute ließ ich mir die Maschine anpassen und fertig machen und nahm sie gleich mit. Das war auch damit verbunden, dass ich das erste Mal seit vielen Wochen, seit mehr als zwei Monaten, wieder mit der Straßenbahn nach Karlsruhe hinein fuhr. Dass mit Maske Bahn fahren ein komisches Gefühl ist und bleibt, wird wohl Fakt sein. Auch Fakt ist, dass ich zwar auf dem Rad erheblich sicherer geworden bin, aber immer noch ein wenig unsicher bin… die angepasste Einstellung des Rennradsattels im Radladen war mir viel zu hoch! Ein wenig ließ ich ihn mir runtersetzen, schrieb mir aber natürlich die richtige Position auf, so dass ich den Sattel sukzessive in die optimale Position hochstellen kann, wenn ich mich an die Position gewöhnt habe.

Tatsächlich habe ich den Renner aber auch nicht die volle Strecke nach Hause gefahren. Die Strecke entlang der B36 bei Rheinstetten wäre sicher gegangen, aber sich an eine neue Schaltung gewöhnen, an eine neue Sitzposition, das Ansprechverhalten der Bremsen… und das mit dem Druck des Morgentees auf der Blase und im Stadtverkehr, bis ich draußen an den Radwegen gewesen wäre, das war mir dann doch zu heiß. Also radelte ich bis zum Albtalbahnhof, wo das obige Bild entstand, hob den federleichten Renner gefühlt mit drei Fingern in die Bahn und probierte mich dann bei uns im Ort, auf den anderthalb Kilometern vom Bahnhof nach Hause, ein bisschen aus. Nun steht die Maschine im Esszimmer und wartet darauf, die Sensoren für Trittfrequenz und Geschwindigkeit sowie die Halterungen für Garmin Edge und Garmin Varia RTL montiert zu bekommen.

Ich bin sehr gespannt, wie schnell ich mich dran gewöhne – ein bisschen „Rausch der Geschwindigkeit“ war’s schon auf den paar Metern vom Bahnhof schon. In Sachen Rollwiderstand, Gewicht, Sitzposition und sonstigen Dingen ist es halt doch etwas ganz anderes als ein Mountainbike…

12 Kommentare zu „Fahrbarer Untersatz 2.0

        1. Seit meinem Unfall vor 20 Jahren war ich stets vorsichtig. Manuel stichelt immer, dass ich so langsam führe, dass ich eh keinen Triathlon machen kann. Das liegt nicht am Tempo auf Geraden ohne Einmündungen – auch auf dem Mountainbike nicht. Es liegt an der Vorsicht in Kurven, an Einmündungen, Kreuzungen… ich versuche, mir die nicht nur Vorsicht, sondern Feigheit dort zu erhalten 🙂

        2. SO schnell und vor allem in SOLCHEN Pulks werde ich nicht fahren. Mir geht’s um das leichtere, sportlichere Fahren. Tatsächlich ist die einzige für mich denkbare Variante eines Rennens für mich ein Einzelzeitfahren.

        3. … tatsächlich ist das einzige Rennen, das ich jemals mit dem Rad gefahren bin, ein Berg-Einzelzeitfahren gewesen, und zwar das Scheuerberg-Rennen in der Umgebung von Heilbronn. Damals, mit 16 oder 17, habe ich mich meiner Erinnerung nach sogar recht gut platziert – besser als 20 – aber aus Überanstrengung die Fanta, die ich im Ziel getrunken habe, direkt wieder in die Wiese erbrochen. Lang ist’s her – zwischen 20 und 25 Jahren.

  1. Hey,

    ich wohne jetzt seit über 10 Jahren in Berlin und fahre seitdem täglich zur Arbeit und zurück mit dem Rad. Das mach ich insbesondere aus Nachhaltigkeitsgründen… ich habe noch nie ein Auto besessen und wenn ich eines brauche, leihe ich mir eins bzw. nutze Carsharing, d.h. ich habe in 5 Minuten ein Auto, wenn ich eines brauche. Für mich bedeutet das ein Plus an Lebensqualität, da ich zum Beispiel ein Buch lesen kann statt einen Parkplatz zu suchen und den Fahrtwind genießen darf statt mich über den stockenden Verkehr aufzuregen. So mancher findet es noch immer völlig wahnwitzig, dass ich immer Rad fahre, dennoch merke ich, dass immer mehr Leute Rad fahren… mittlerweile fahre ich morgens in richtig langen Radschlangen, was ich total cool finde. Ich war mal in Kopenhagen und enorm begeistert, dass dort jeder Rad fährt….JEDER!!! Ich sehne mir den Tag herbei, und diesem nähern wir uns tatsächlich, wenn das Eis für die Automobillobby dünner wird. Ich habe mal einen Artikel darüber geschrieben und etwas recherchiert…es gibt eine Milliarde Autos auf der Welt, man könnte damit einen Schlange bis zum Mond bilden bzw. die Welt mehrfach damit umspannen, das ist IRRSINN!!! Es ist verschwenderisch rücksichtlos, es ist faul und dumm, es zerstört unsere Welt, es ist rückständig…oh Mann, ich könnte mich wirklich aufregen…. Ganz ehrlich, in zehn Jahren Radfahren in Berlin hatte ich zweimal eine gefährliche Situation… Radfahren ist SAVE, und mit Regensachen kann man, Schnee gibt es ja keinen mehr(dank Autofahren und deren verdammten CO² Ausstoß) 365 Tage im Jahr fahren. Es spart darüber hinaus ein Haufen Geld. Ich bin auf jeden Fall froh, dass du dabei bist, finde das richtig stark. Fahrradfahren ist das EINZIGE Verkehrsmittel, dass in unseren heutigen Städten Sinn macht. Ich Skandinavien weiß man das schon seit Jahrzehnten!!!

    PS: Hier der erwähnte Artikel…https://www.ma-san.de/2015/08/08/weg-vom-auto-ab-aufs-fahrrad/

    1. Ui. Auch ein Bezug, den man herstellen kann. Ich habe das „2.0“ eigentlich auf mein bisheriges Mountainbike bezogen.

      Seit ich in Karlsruhe wohne, bin ich kein einziges Mal mit dem Auto zur Arbeit gefahren, zuerst mit der Bahn, dann teils auch zu Fuß (gelaufen), nun seit mehreren Monaten fast nur mit dem Fahrrad – wie gesagt: Bis jetzt eben mit dem Mountainbike, aber auf dem Rennrad war ich gleich wieder zuhause. Der feste Griff an den Lenkerhörnchen, um im Wiegetritt nach einem Anhalten wieder auf Touren zu kommen, das leichtgängige Hochfahren von kleinen Anstiegen… Radfahren ist sinnvoll, Rennradfahren ist Rausch 🙂

      Mein Mann und ich haben zusammengenommen inzwischen vier Fahrräder. Bei mir ist’s ein Mountainbike für „alle Anlässe“ und nun das Rennrad, bei ihm ein Trekking-Rad sowie ein E-Bike. Bei ihm steht keine vernünftige ÖPNV-Alternative für den Arbeitsweg zur Verfügung und der Gegenwind macht ihm mit dem leider lädierten Knie manchmal Probleme.

      Wir haben noch ein (kleines) Auto – auf dem Dorf ist der Stellplatz da, dafür sind Carsharing-Angebote dünn gesät – benutzen es aber nur noch zum Einkaufen schwerer Dinge. In normalen Wochen wird das Fahrzeug kaum 5 Kilometer bewegt, während er 100 Kilometer und ich (1 Tag Homeoffice) 160 Kilometer Arbeitswege zurücklegen.

      Warum ich Samstag nicht gleich mit dem Rennrad nach Hause geradelt bin, lag einfach daran: Auf dem Mountainbike sitzt man völlig anders, die Schaltung gestaltet sich anders – und das wollte ich nicht im Stadtverkehr ausprobieren. Dass der grüne Renner nun, da ich (nach Tour am Sonntag) etwas Gewöhnung gesammelt habe, auf dem Arbeitsweg zum Einsatz kommen wird, steht überhaupt nicht in Frage 🙂

        1. Gar kein Problem 🙂 Zum Titel passt Dein Kommentar super – und letztlich steht von meiner Seite auch noch eine Einlassung zur Veränderung meines Pendelverhaltens aus. Ich bin ja 6 Jahre und 10 Monate – bis zu einem gewissen Grad gezwungenermaßen – mit dem Auto von südlich von Karlsruhe an den Südrand von Stuttgart gependelt, dann teils mit ÖPNV für ein halbes Jahr nach Bruchsal… und nun pendele ich seit bald zwei Jahren nur noch mit ÖPNV, Rad oder auf Laufschuhen zur Arbeit.

          Manchmal schwirrt mir der Kopf von dieser Veränderung – von 86km (eine Strecke) Auto über einen Zwischenschritt auf knapp 20km (eine Strecke) Rad, S-Bahn oder Laufen, das macht echt einen riesigen Unterschied!

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