Ich habe keine Augen im Hinterkopf

Nein, die habe ich wirklich nicht. Das kann bisweilen beim Radfahren anstrengend sein. Es gibt da mehrere Situationen, in denen ich mir manchmal wünschen würde, Augen im Hinterkopf zu haben:

  • Ungefähr ein Drittel meines Arbeitshin- und Rückweges führt auf einem geraden, glatten, total gut ausgebauten Radweg entlang der Bundesstraße 36 zwischen Durmersheim und Karlsruhe. Zwar ist neben der großen Straße fahren nicht an sich schön, aber es ist konkurrenzlos schnell. Dummerweise queren an mehreren Stellen Ausfädelspuren ohne Ampel den Radweg – und wenn ich auf dem Heimweg in dieselbe Richtung fahre wie die Fahrzeuge, die diese Zufahrten nutzen, schaue ich manchmal fast mehr nach hinten, OB da ein Fahrzeug kommt und wenn ja, ob es blinkt.
  • Auf derselben Strecke sind Mofas erlaubt – auf dem Radweg – und es sind einige Ebiker unterwegs, deren Maschinen nicht auf 25 km/h begrenzt sind. Die tauchen schon manchmal erschreckend plötzlich hinter mir auf.
  • Auf einigen Straßen zwischen parkenden Autos und mit raschelnden Bäumen auf dem Mittelstreifen, zum Beispiel auf der Sophienstraße in Karlsruhe, bin ich manchmal so konzentriert darauf, mögliche Autos von rechts, die natürlich Vorfahrt haben, zu suchen, dass mich der Verkehr von hinten überrascht.

Deswegen hat mich das Garmin Varia RTL 511 so fasziniert. Es füllt eine Lücke, die in meiner eigenen Sensorik bislang klafft. Es wäre doch super, wenn man zumindest mal einen Hinweis darauf hätte, DASS da jemand von hinten näher kommt und vor allem auch, wie schnell und wie viele. Wenn es drum geht, ob der blinkt und damit meinen Fahrweg kreuzt – mit der Befürchtung, dass ihn als Autofahrer nicht schert, dass ich seine Ausfahrt kreuze und da vielleicht sogar Vorrang habe, oder er mich nicht sieht, wär’s total praktisch, schon zu wissen: Da kommt einer, ich sollte mich mal umsehen. Es ermöglicht einfach, gezielter nach hinten zu schauen – und gewarnt zu werden, bevor ein Fahrzeug plötzlich direkt neben oder hinter einem sich in die Aufmerksamkeit schiebt und man vor Schreck fast vom Rad fällt, weil man auf den Verkehr in den vorderen drei Quadranten geachtet hat.

Am Montagnachmittag kam mein Garmin Varia RTL 511 nun an. Wie üblich kam das Garmin-Produkt in einer silbergrauen Schachtel mit dem Schriftzug Garmin und einem Bild des Produkts aufgedruckt. Im Inneren fand sich mit einer Papp-Schale gegen Verrutschen gesichert das Licht- und Radarteil selbst, eine Halterung für die Sattelstütze mit zwei unterschiedlich langen Gummis und zwei Aufsätzen für unterschiedlich geformte Sattelstützen, ein USB-Ladekabel und eine Kurzanleitung in Bildern. Nach etwa 90 Minuten an der Leitung wich das grüne Blinken des Ladevorgangs einem grünen Leuchten des vollen Geräts. Ich schaltete die Maschine an…

Mein Mann grinste sich eins, denn ich hatte natürlich genau ins Licht geschaut und machte erstmal ein Grunzgeräusch, als mir rotleuchtende 7 Lumen ins Gesicht knallten. Aber hey! Dann wird man wenigstens gesehen. Nach einem Moment erkannte ich dann wieder, dass die Status-LED am Gerät lila blinkte. Gekoppelt war das Teil sehr schnell, dann blinkte die Status-LED blau für den Radar-Modus. Für’s Licht braucht man keine Status-LED, siehe erster Satz dieses Absatzes.

Da kam dann der erste und einzige Drawback. ANT+ scheint nur eine Verbindung zum Edge zu unterstützen, das Varia RTL 511 ist aber „zwei Sensoren“: Es gibt keine kombinierten Radar- und Licht-Sensoren, zumindest habe ich keine gefunden. Also kann ich entweder das Licht oder das Radar verbinden. Für das Radar habe ich eine Anzeigefunktion auf dem Edge, das braucht die Verbindung – mein Varia RTL 511 also in ein Lichtnetzwerk auf dem Edge zu integrieren und somit die Rücklichtfunktion vom Edge aus ein- und ausschalten zu können, ist gleichzeitig möglich. Vielleicht wird Garmin das ja noch korrigieren, aber für den Moment habe ich nicht gefunden, wie das geht – falls es geht. Nicht so schlimm, aber da kann noch nachgebessert werden.

Die Halterung an der Sattelstütze anzubringen und dann das Varia mit dem üblichen Drehverschluss anzubringen, das ging ganz problemlos, wie gewohnt. Es war auch nicht so eine Fummelei wie beim Trittfrequenz-Sensor, hier passt das mit dem Gummi und den beiden Furchen an der Halterung perfekt. So weit, so gut – das waren also die Vorbereitungen am Montagabend.

Am Dienstag klemmte ich mein Varia mit einem Gefühl von: „Was mach‘ ich jetzt, wenn es nicht geht oder doof ist?“ an mein Fahrrad, der Edge erkannte es und ich fuhr los. Auf den ersten paar Kilometern begegnete ich keinen Fahrzeugen, in unserer Straße, auf den Wegen am Federbach und beim Geflügelzüchterverein in Durmersheim ist morgens tote Hose. Dann aber auf der Straße vor den Schulen sah ich das erste Mal ein Fahrzeug auf dem Edge angezeigt. Oranges Schimmern ging von beiden Seiten in meine Anzeige, rechts erschien ein schwarzer Streifen, auf dem ein näherkommendes Auto als weißer Punkt angezeigt wurde – lange, bevor es in mein Bewusstsein gekommen wäre, wenn ich das Varia nicht gehabt hätte. Das Auto bog dann aber ab, mein Schimmern auf dem Display wurde wieder grün und verschwand nach einem Moment. Super Sache! Begeistert realisierte ich auch, dass nur die Einerstelle der Minuten der Uhrzeit, rechts oben in meinem sechs-Werte-Display des Edge, ein wenig vom Schimmern verdeckt, aber nicht unlesbar gemacht wurde – alle anderen Werte waren nicht einmal ansatzweise überdeckt. Sehr zufrieden mit dieser Darstellung war ich bereits da. Dann kam der erste Härtetest: Entlang der B36. Der Winkel, in dem das Varia RTL 511 Fahrzeuge erfasst, ist recht groß, so dass ich das eine oder andere Fahrzeug auf der Gegenfahrbahn auf meinem Display sehen konnte. Das kann andere nerven, ich fand’s super. Ein bisschen irritierend ist das allerdings dann, wenn sich radar-durchsichtige und radar-undurchsichtige Schallschutzwände zwischen Radweg und Straße abwechseln – da sieht man manchmal plötzlich ein oranges Schimmern, dann fängt die Betonwand wieder an und es ist wieder weg. Dafür kann das Gerät aber nichts, ich dachte nur: Das muss ich aufführen in meinem Bericht.

An der Alb zeigte sich dann, dass das Varia etwas kann, das in den drei Tests, die ich gelesen hatte, nicht beschrieben wurde: Es erkennt auch von hinten näherkommende, schnelle Radler. Ich hatte mein Rad gerade über die Brücke am Wehr an der Alb geschoben, weil es dort Treppen hat, stieg wieder auf – und wurde von dem Radler, der hinter Büschen um die Kurve kam gewarnt, so dass ich Vorkehrungen treffen konnte, ihm beim Anfahren nicht im Weg herum zu stehen oder zu rollen. Auch in der Stadt bewährte sich das Gerät. Es zeigt ein bisschen mehr an, als man braucht, aber Filtern muss man eh – und dann ist es besser, man muss nicht nach hinten gucken, sondern kann mit einem Blick auf den Radcomputer sehen, dass da was ist.

Aber Vorsicht: Das Varia meldet NUR Fahrzeuge, die sich von hinten nähern, also schneller sind als man selbst, oder schneller waren und nun in konstantem Abstand bleiben. Andere Verkehrsteilnehmer, von denen man sich schneller fahrend entfernt, werden vielleicht vom Radar erkannt, aber nicht auf dem Radcomputer dargestellt.

Auf der Rückfahrt konnte ich sehen, dass das Varia auch mit einem Haufen Fahrzeuge von hinten – parallele B36 nämlich – klarkommt und sie alle einzeln als Punkte aufführt. An den Einfahrten zu den beiden Tankstellen erlaubte es mir, nicht dauernd nach hinten zu schauen, sondern mich nur kurz vor der Kreuzung zwischen Radweg und Ausfädelspur für die Tankstellen kurz umzudrehen – weniger bremsen, weniger nach hinten schauen und vorne nix mitbekommen inklusive. Hier spielte es genau die Rolle, für die ich es mir gekauft habe. Fehlidentifikationen oder nicht erfasste, sich nähernde Objekte sind mir nicht aufgefallen.

Mein Garmin Varia RTL 511 Fazit nach erster Benutzung

Ein Topp-Hilfsmittel, das Aufmerksamkeit und Situationsbewusstsein nicht ersetzt, aber hilft, Prioritäten beim Blick nach hinten zu setzen, zugleich auch manche Überraschung durch sich von hinten nähernde Fahrzeuge zu vermeiden. Diese Aufgabe meistert es mit Bravour! Die Anzeige auf dem Edge ist übersichtlich und stört nicht dessen normale Funktion.

Ein wenig nervig ist, dass das Gerät nicht als Kombisensor hinzugefügt werden konnte – und somit die von Garmin eigentlich unterstützte Licht-Beschaltung vom Edge aus zumindest bei mir nicht funktionierte, wenn ich das Radar nutzen wollte.

Ansonsten ist es ein rundum gutes Gefühl, mit dem Garmin Varia RTL 511 zu fahren – ein Hilfsmittel für die Sicherheit und ein helles, tolles, formschönes Rücklicht. Zweimal nur benutzt, und ich möchte es schon nicht mehr missen.

3 Kommentare zu „Ich habe keine Augen im Hinterkopf

    1. Deswegen bin ich ja so begeistert von dem Radar – weil es einige dieser Problematiken erheblich erleichtert. Natürlich ist das kein „autonomes Radeln“ oder dergleichen. Aufpassen muss man weiterhin.

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