Inspiriert

Manchmal ist mir nicht ganz klar, wie es dazu kommt, dass ich neue Ideen gewinne. Auch dieses Mal bin ich nicht sicher, wo die Sache genau her kommt.

Tatsache ist allerdings, dass ich aus irgendeinem Grund auf die Insel Formentera kam, auf der ich als Kind mit Eltern und Großeltern mehrfach im Urlaub war. Es gibt ein Bild von einem verträumt mit einem aufblasbaren Segelboot-Spielzeug im Pool des Club La Mola, ich erinnere mich an die Agaven am Weg von unserer Ferienwohnung hinunter zum Strand, an die Wanderung mit meinen Großeltern hinauf auf den felsigen Teil der Insel, „La Mola“, bis zum Leuchtturm – und dass ich, das größere der beiden Enkelkinder, meinen Großvater auf sein Bier begleitete, ein Stück vom Strand weg in ein Café – er bekam ein Pils, ich eine Fanta, und er erzählte mir meist etwas phantasievolles mit mir als Hauptfigur. Lange ist es her – spätestens seit 1988 waren wir nicht mehr dort im Urlaub, sondern stattdessen in Ungarn am Plattensee. Der erschien mit dann immer ganz schrecklich, weil das Meerwasser um die Balearen herrlich klar und blau war, während das Wasser des Plattensees dagegen schlammig erschien – und der Sand war graubraun, nicht gelb.

Nun hatte ich den Ostteil der Insel, La Mola, als hoch und irgendwie unzugänglich in Erinnerung. Was genau an Komponenten in die Idee noch hineinkam, kann ich nicht genau sagen – in jedem Falle entstand vor meinem inneren Auge eine Insel ganz ähnlich wie Formentera, nur dass eben der felsige Teil mit einer antiken oder klassizistisch anmutenden Festung bebaut war, mit Säulenhallen von Tempeln und Diskussionsforen, mit einer Agora… und dann entstanden vor meinem inneren Auge romantisiert antik aussehende Menschen, die diese Festung bewohnen, sie als Hort ihrer elitären Ideen beanspruchten und dabei verborgene, moderne Technik nutzen. Als ich das meinem Nennbruder (einem sehr guten Freund, der mich als seine Schwester bezeichnet und den ich als meinen Bruder bezeichne) davon erzählte, inspirierte es ihn auch, er schuf um meine Idee herum eine phantastische, aus Ozeanen und wenigen Inseln bestehende Welt, die eine kriegerische Apokalypse ihrer Bewohner hinter sich hat, mit nuklearer Verseuchung, schiefgegangenen Tiefengeothermie-Bohrungen in der Tiefsee, abschmelzenden Polkappen, Mutationen der Bewohner durch Strahlung…

Und prompt kamen auch mir neue Ideen. So entstanden die „Goldenen, die blau schimmern“. Es sind die Bewohner jener Festung, die sich lange zuvor auf eine einsame Insel im schon damals größten Ozean der Welt flüchteten. Freilich gibt’s dort nach Krieg und Meeresspiegelanstieg viele so große Ozeane, aber meine kleine Volksgruppe hatte sich schon vor all diesen furchtbaren Entwicklungen auf ihre Insel zurückgezogen. Sie pflegten einen bigotten Technik-Skeptizismus, da sie einerseits Technik misstrauten und geißelten, sich einen antiken Anstrich gaben, aber andererseits nicht zögerten, moderne Technik zu nutzen. So bemühten sie sich, Verschmutzung und Kontamination neutralisierende Algen zu züchten, um ihr Inselparadies gegen die Ausflüsse der imperialistischen Hochzivilisation um sich herum zu schützen, gaben sich als isolationistische Pazifisten…

Als dann die Katastrophe kam, waren sie unbedeutende Spinner, von denen keiner glaubte, dass sie ihre Inseln vor dem Untergang durch das Abschmelzen der Polkappen bewahren könnten und die keiner wichtig genug nahm, um ihnen Bomben auf den Kopf zu werfen. Viele flohen von den damals noch deutlich größeren Inseln, aus Angst vor dem Meeresspiegelanstieg. Doch sie harrten aus. Goldene und bronzene Rüstungen sowie die bläulichen Sekrete ihrer Algen, die sie zum Abhalten der Verschmutzung kreiert und auf den Riffen um ihre Insel angesiedelt hatten, legten den Grundstein für ihr Selbstverständnis als die „Goldenen, die blau schimmern“. Um sie herum ging die Welt unter, durch extreme Bedingungen wurde die Tektonik so durcheinandergebracht, dass Festländer versanken – und die höchsten Gipfel des Inselparadieses der „Goldenen“ erhalten blieben. Wenige Flüchtlinge kamen auf die Inseln, die fernab der meisten Zerstörung, Verschmutzung und Kontamination lagen. Die „Goldenen“ ließen sie ein, auf die Inseln, nicht jedoch in ihre Festung. Arrogant erhoben sie sich, die die Katastrophe vorhergesehen hatten, mit Pazifismus und Kassandrarufen dagegen geredet hatten, über all die anderen Opfer der Katastrophe. Sie glauben, geblieben zu sein, wer sie waren.

So stehen nun die „Goldenen, die blau schimmern“ als vermeintlich einzig übrige „unmutierte Menschen“ in ihrer Inselfestung, um sie herum ist eine chaotische, gefährliche, unzivilisierte Welt neu entstanden. Paranoid wachen die „Goldenen“ über ihre sichere Position, lassen sich von denen um sich herum, die die Hochzivilisation vergessen haben, mit leichtem Selbstekel als Götter verehren, bemühen sich um die Reinigung der Welt. Aber natürlich können sie ihre Privilegien als Besitzer einer Festung und eines Inselparadieses nicht ablegen – schließlich brauchen sie dies, um die Welt zu reinigen, und so erheben sie sich in Sendungsbewusstsein über alle anderen. Obwohl sie sich einbilden, sich nicht verändert zu haben, hat ihre Bemühung, die mutagenen Effekte von Umweltgiften abzuwehren und rückgängig zu machen, eine Überkompensation bewirkt. Zur Perfektion züchten sie sich selbst, mit Gentechnik und Medizin, schimmern selbst allmählich golden…

Ich bin sehr gespannt, wie sich diese Phantasiewelt weiter entwickeln wird, welche weiteren Orte hinzukommen werden (ein paar gibt es schon) und welche Persönlichkeiten und Gestalten ich in die multiplen Konflikte in Leben und Gesellschaft der „Goldenen, die blau schimmern“ noch hineinschreiben werde. Ich liebe es, wenn die Inspiration sprüht, so albern die Ergebnisse auch nach außen hin anmuten mögen. Was ich beschrieben habe, ist mehr oder minder der Stand des „Inspirationsausbruchs“ zwischen Freitagabend (erste Idee) und dem gestrigen Abend. Vermutlich habe ich diese Nacht schon wieder neue Gestalten, Ideen und Konzepte dazugeträumt.

3 Kommentare zu „Inspiriert

    1. Ich fürchte, bei visuellen Eindrücken werde ich passen müssen. Aber wenn diese Welt weiter wächst, werde ich darüber berichten. Leider wird es beim Malen mit Worten bleiben, fürchte ich.

      An einigen Stellen sind im Zwiegespräch mit meinem Nennbruder schon etliche Konkretisierungen geschehen. Die Goldenen selbst pflegen an das Griechische angelehnte Bezeichnungen für vieles. Außerdem sind da nun schon mehrere weitere Inseln im weiten Ozean – unter anderem zwei konkretisierte, ehemalige Nuklearwaffen-Test-Gelände, das eine auch Testgelände für eine (missglückte) Vorform dessen, was die Goldenen für die Reinigung ihrer eigenen Insel gezüchtet haben. Dadurch haben sie zwar dieses von Kontamination, mutierten Wesen, Sprengkratern und Kriegsschiffwracks geprägte Atoll weitgehend von den Umweltgiften und Kontaminationen gereinigt – aber es auch zu einem Ort gemacht, an dem ein Enzym im Wasser die Zellen nahezu allen tierischen Lebens destabilisiert. Eine weitere Insel haben sie mühsam und unter riesigen Verlusten mit Rückhaltebecken gegen die Auswaschung von Radionukliden in den Ozean gesichert – und trauen sich kaum mehr hin, weil sie sich dort mit ihrer eigenen Verletzlichkeit zu befassen haben.

      Von meinem Nennbruder wurde bereits eine Inselgruppe mit wild gewordener Tiefengeothermie beigesteuert.

      Ein stark gebrochenes Südseeidyll entfaltet sich immer mehr…

      Auch über die Politik und Organisation der „Goldenen“ habe ich mir schon Gedanken gemacht. Aber ich muss das alles mal ordnen und ein System hineinbringen 🙂

      1. Das hört sich alles recht wild aber interessant an. Mir würden da auch erstmal Worte zum Lesen reichen 😁
        Wildgewordene Geothermen… das dürfte da auf der Insel heftig sprudeln…

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