Der Koller

Nun ist er da, der Koller. So richtig und intensiv.

Die unterschiedliche Handhabung der Infektionsschutzmaßnahmen durch die verschiedenen Menschen in meinem Umfeld setzt mir enorm zu. Ich selbst wähne mich – ob nun berechtigt oder nicht – relativ sicher, dass ich, sollte ich die Infektion abbekommen, eher einen milden Verlauf zu erwarten hätte. Aber ich wäre auch Überträgerin. Daher gehe ich zur Arbeit, da wir nur beschränkt Homeoffice-fähig sind, gehe einkaufen, habe aber ansonsten nur Kontakt mit meinem Ehemann. Besuche bei Freunden und Verwandten soll man einschränken, auch wenn sie bis zu einem gewissen Grad erlaubt sind, also haben wir das getan – das Einschränken.

Nun tut es mir wirklich weh, Freunde nicht einfach mal so treffen zu können, meine Lieben (außer meinem Mann) nicht in den Arm nehmen zu können, und den Trek Monday beständig und auf unbestimmte Zeit ausfallen lassen zu müssen, das macht mich richtig fertig! Aber es ist sinnvoll, es ist vernünftig. Wir wollen möglichst wenige Infektionsherde, die Zahl der aktiven Fälle und der infektiösen Personen so weit drücken, dass auch mit mehr Lockerungen die Sache kontrollierbar bleibt. Je strenger man sich dran hält, um so früher geht’s wieder mit weniger Beschränkungen, zumindest ist das der Tenor meiner vernünftigen inneren Stimme.

…und dann sehe ich Teile meines Umfeld. Da wird sich besucht, quer durch das Land. Freilich: Die Verordnung des Landes Baden-Württemberg gibt „Versammlungen im nicht-öffentlichen Raum“ bis fünf Personen her, außerdem ist die Beschränkung auf fünf Personen von geradliniger Verwandtschaft (also Groß- und Eltern, Kinder, Enkel), Partnerschaft oder Haushaltsgemeinschaft aufgeweicht. Wenn ich so reinlese, könnten zwei zusammenlebende Pärchen und zwei sonstige Personen (also Personen aus vier Haushalten) zumindest in einer Grauzone der Verordnung gemeinsam DVDs schauen… aber wir tun’s nicht. Bloß, weil es nicht in den bußgeldbewehrten Bereich des Verbots geht, sondern nur die Empfehlung zum Infektionsschutz in ihrem Geiste verletzt, braucht man es nicht zu machen.

Nun sitze ich hier und frage mich: Bin ich vernünftig oder antisozial, wenn ich statt eines Besuchs lieber einen Anruf mache (oder auch nicht, da ich ungern telefoniere), wenn ich präventiv meinen Trek Monday ausfallen lasse, so weh mir das auch tut? Die vernünftige, richtige Antwort ist, dass ich nicht antisozial bin, aber da ist so eine nagende, böse kleine Stimme…

Eigentlich will ich mich nicht dafür rechtfertigen müssen, dass ich den Geist einer Schutzmaßnahme umsetze, die unter anderem auch ihrer eigenen Unnötigmachung dient. Das Gefühl, sich vor sich selbst und den anderen, die das Ganze nicht so ernst nehmen, verteidigen zu müssen, bleibt aber leider. Zweieinhalb Stunden habe ich über dieses Lamento heute verbracht und meinen Mann damit gestresst. Das Ergebnis bleibt: Wir behalten bei, wie wir agieren. Auch wenn viele um uns herum es nicht tun – und vielleicht kein Verständnis haben. Ich will mich lieber strenger dran halten und früher wieder raus dürfen.

4 Kommentare zu „Der Koller

  1. Täglich sehe ich auch hier wie unvernünftig Menschen sind. Kein Verantwortungsbewustsein. Man denkt nur an die eigenen Wünsche. Ich lasse mich davon nicht beeinflußen, gehe meinen Weg. Unbeirrbar. Ich fahre früh am Morgen raus. Wenn ich Leute sehe, mache ich einen großen Bogen. Ansonsten 2 Meter Abstand und immer wieder Hände waschen. Gelebte Verantwortung kann ein gutes Gefühl geben.

  2. Das muss jeder machen, wie er es empfindet. Ich treffe seit dieser Woche wieder einzelne Personen mit Sicherheitsabstand. Gemäß den Bestimmungen.

  3. Ich kann Dich verstehen. Uns geht es auch so. Wobei hier in den USA das Unverständnis für die Maßnahmen viel höher ist. Aber auch wir halten uns an die Maßnahmen, nicht nur weil man Mann Risikopatient ist sondern auch um bald wieder ein einigermaßen normales Leben führen zu können.

    1. Ich hoffe, dass das Verständnis in den USA auch wächst! Die Zahlen, die man sieht, sind insbesondere für UK und die USA total deprimierend… während die deutschen Zahlen vorsichtige Hoffnungen wecken. Ich hoffe, die US- und UK-Zahlen gleichen sich eher Richtung Deutschland und (in der Entwicklung) Spanien und Italien an!

      Bleibt gesund und sicher!

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