Nicht triathlontauglich

Mein Arbeitsweg heute war geprägt von einem Phänomen, das mir zur Zeit viel mehr auffällt als vor meiner Radfahrzeit: Wind. Im vorliegenden Falle nicht Rücken-, sondern Gegenwind, 15-20 km/h Gegenwind-Grundlast, laut Wetterbericht, zusätzlich Böen bis in die hohen 40er. Ich fahre morgens nach Nordosten – und genau aus dieser Richtung kam der Wind. Wenn das so bleibt, an Stärke und Richtung, wird das ein furioser Ritt nach Hause, auf dem ich vielleicht endlich mal die 48 Minuten für die 19,75 Kilometer nach Hause unterbiete. Falls das jetzt irgendjemandem langsam vorkommt, für meine Lauf-Leistungen: Es sind ein Haufen Ampeln, Einmündungen, eine viel- und langsam befahrene Fahrradstraße in der Stadt und ein eher Freizeit-Aufenthalts- als Fahrradweg an der Alb entlang auf der Strecke, so dass ich meist die ersten sechs Kilometer alles andere als so fahren kann, wie ich das gerne würde. Aber das ist okay!

yZurück zur heutigen Hinfahrt. Bereits bei uns in der Straße, durch beiderseitige Häuser noch recht windgeschützt, blies es mir ganz schön fies entgegen. Spätestens am Federbach zwischen Bietigheim und Durmersheim wurde mir klar: Das wird heute anstrengend! Noch etwas freistehender, noch etwas höher auf der Hardt und nicht vom „Bruch“ zwischen Hardt und Tiefgestade windgeschützt, also zwischen Durmersheim und Mörsch, sagte ich zweimal zu mir selbst: „So macht das keinen Spaß, an der Merkurstraße steigst du in die S2!“

Tat ich nicht. Ich rollte auf den Radweg entlang der B36, freute mich über jede Passage auf der Stadtseite der Lärmschutzwand, die dadurch auch zur Windschutzwand wurde und dachte mit Grausen an das völlig freie Stück zwischen der Messe Karlsruhe und Daxlanden, wo weit und breit keine Bäume, keine Häuser, keine Lärmschutzwand und auch sonst keine Windbrecher sind. Indes, so schlimm kam es nicht, denn ein Pärchen auf Rennrädern fuhr einiges vor mir und wurde durch Ampeln ausgebremst, so dass ich bald hinter ihnen war. Beide fuhren schmale, leichtgängige Rennräder, beide waren groß – sie mit tollem Zopf aus blonden Dreadlocks, er mit wallender, dunkler Mähne. Die beiden fuhren nicht sehr schnell, so dass ich mit meinem breitreifigen Mountainbike gut hinterherkam – und so tat ich etwas, das Rennradler viel tun und Triathleten nicht dürfen: Ich fuhr im Windschatten, von der Messe an bis zum Radweg vor den Kleingärten in Daxlanden. Ein paar Mal guckten die beiden zurück, ob ich vorbei wollte, aber ich hätte es auch nicht vorbei geschafft, wenn ich gewollt hätte. Einen belgischen Kreisel mit den beiden zu machen, ganz Rennradlermanier, das traute ich mich auch nicht.

Ich erinnere mich noch daran, dass ich früher mit meinem Vater Rennrad gefahren bin. Von der Burg Guttenberg nach Hause gab es da eine tolle Fahrt in brütender Hitze – zuerst im Schatten der Bäume mit den Rennrädern auf dem Schotterweg von der Guttenberg runter, halsbrecherisch! Danach fuhren wir im Neckartal, weitgehend auf der Straße, weil es damals noch keine Radwege dort gab, und auf dieser recht ebenen Strecke hing ich die ganze Zeit im Windschatten meines Vaters, sowieso im Wissen, dass ich bei Hitze besser sportlich funktioniere als er – und dann, beim Wimpfener Schwimmbad, zog ich vorbei, stand auf und strampelte ihm die Serpentinen hoch davon. Das fühlte sich dann schon ein bisschen nach Tour de France mit Bergankunft an!

Meinen beiden Windschattengebern in der Rheinebene bei Forchheim fuhr ich nicht davon. Ich bog einfach Richtung Daxlanden ab, wo ich üblicherweise dann durch den Stadteil radle und dann am Wehr an die Alb wechsle. Ich wollte den beiden noch einen Dank für den Windschatten zurufen, aber beim Abbiegen ging dann alles zu schnell.

Aber so sehe ich dann deutlich: Ich habe meine Rennradinstinkte von vor 20 Jahren noch, eine Triathlon-Radlerin werde ich wohl nicht mehr, zumal ich das ja auch gar nicht will.

5 Kommentare zu „Nicht triathlontauglich

  1. Wenn ich das so lese muß ich lächeln. Mir fiel sofort ein Spitzname ein. „Wilde Hilde“. Sorry.
    Was ich dann aber wieder mit Zustimmung lese … der Wind ist nicht Dein bester Freund. Da geht es mir ebenso. Ich mag ihn auch nicht. Aber aus anderen Gründen. Bei starkem Wind, wenn sich alles bewegt, ist es fast unmöglich tolle und scharfe Vogelfotos zu machen.

    1. Passt schon. Das Pendeln mit dem Fahrrad und die – ihrem Ruf entsprechend – etwas wilden Radler in Karlsruhe haben nicht unbedingt einen disziplinfördernden Effekt auf mein Verhalten auf dem Rad. Ich merke das und muss mal schauen, dass ich es korrigiere.

      Heute Abend hoffe ich, auf der Gegenstrecke wieder einige Abschnitte mit Durchschnittstempo um die 30 km/h zu absolvieren… die Wildheit kann ich nicht ganz abstreiten, obwohl ich seit meinem damaligen Unfall insbesondere an Einmündungen recht vorsichtig bin…

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