Wie eine Schallplatte

Manchmal fühle ich mich wie eine Schallplatte. Es gibt viele Anlässe dafür, in mancherlei Hinsicht ist das auch gar kein Problem. Wenn ich auf der Arbeit immer wieder bestimmte Aspekte erklären sollte, ist das mein Job, weil es zur Beratungskomponente der Behörde gehört. Wenn ich immer wieder über meine Laufleistungen erzählen darf, finde ich das sogar klasse!

Aber bei zwei Dingen ist es mir in letzter Zeit sehr deutlich aufgefallen, dass mich diese ewige Wiederholung nervt. Es ist einerseits das: „Ich bremse Dich doch nur aus!“ bzw. „Du läufst doch viel zu schnell für mich!“ Ja. Ich laufe schnell, auf Wettkämpfen bis zehn Kilometer auch mal über 15km/h oder in läufertypischer „Pace“ schneller als 4:00 pro Kilometer. Ich laufe auch den Marathon mit einem Schnitt von unter 4:45 pro Kilometer, also schneller als 12km/h. Kein Thema, das ist wahr. Wir reden hier aber über Training und über gemeinsames laufen. Da bin ich oft froh, „ausgebremst“ zu werden. Wenn ich einfach aus Spaß an der Freude loslaufe und nicht drauf achte, lande ich typischerweise im Bereich von um die fünf Minuten pro Kilometer und etwas über 150 Herzschlägen pro Minute. Das mag als mittlere Trainingsleistung gut sein, über viele Aktivitäten, aber wenn’s wirklich was bringen soll, insbesondere für Langstrecke, sind viele, lange, langsame Läufe und dazu intensive Intervalltrainings zu absolvieren. Es ist also durchaus sinnvoll für mich und mein Training, mit anderen Leuten zusammen bei 5:45 pro Kilometer oder 6:30 pro Kilometer, also knapp über bis knapp unter 10km/h zu laufen. Das hat nichts mit ausbremsen zu tun! Dass ich das immer wieder predigen darf: „Du bremst mich nicht aus. Du läufst mir nicht zu langsam. Ich möchte mit Dir laufen. Das Tempo, das Du läufst, ist für mich ein sinnvolles Marathon-Trainingstempo!“… Nun, es ist schon okay. Beim ersten, beim zweiten Mal. Wenn ich aber immer wieder gesagt bekomme, man bremse mich aus, dann lauf‘ ich irgendwann allein. Dabei wär’s sinnvoll, mit der Person zu laufen, und zwar deren Tempo, nicht ein an mich angepasstes Tempo. Auch für meine Ausdauer- und Tempoentwicklung, insbesondere beim Marathon!

Der zweite Punkt ist das mit dem schlechten Gewissen. Erzähle ich vom Laufen, bekomme ich oft gesagt: „Du machst mir ein ganz schlechtes Gewissen!“ Dann entschuldigen sich die Menschen damit, dass ihnen laufen nicht so viel gibt, dass sie keine Zeit haben, dieses und jenes! Klar, man projiziert das eigene „sollte ich machen“ dann auf meine Leistung und rechtfertigt sich vor sich selbst, anlässlich meiner Lauferei, aber nicht wirklich vor mir. Aber es ist eben auch so: Es muss sich niemand vor mir entschuldigen, nicht so viel zu laufen wie ich oder auch gar nicht zu laufen! Es muss sich auch keiner rechtfertigen, gar keinen Sport zu machen – zumindest nicht vor mir. Es gibt so viele Gründe, warum es nicht geht – kleine Kinder, fordernder Job, Probleme mit den Gelenken, Motivation… Gerne dürfen die Leute ihr eigenes schlechtes Gewissen gegenüber sich selbst vor mir verhandeln. Aber bitte nicht im Stile von „Du machst mir ein schlechtes Gewissen.“ Nein, ich lasse Euer schlechtes Gewissen nur – unbeabsichtigt – an die Luft. Ich habe nunmal das Laufthema – nicht nur, ich bin nicht monothematisch. Aber neben Nerdkram, Wissenschaft, SciFi, Fantasy und unnützem Wissen ist Sport halt eines meiner Themen. Ich würde ja sagen, dass es mir leid tut, damit das schlechte Gewissen der anderen an die Luft zu lassen, aber eigentlich… muss das jeder mit sich selbst ausmachen. Denn ich mache Euch kein schlechtes Gewissen, mein Laufthema bringt’s nur wieder auf. Wenn ich sehe, was ich alles nicht oder nur spät mache, dann denke ich mir: „Uff, eigentlich sollte ich ein schlechtes Gewissen haben.“

Ich komme mit dem Beantworten meiner Mails und Messages oft nicht hinterher, kümmere mich nicht so um mein soziales Umfeld, wie ich es gerne würde, muss auf Arbeit priorisieren, was mir am meisten schlechtes Gewissen macht und diverses anderes Zeug bleibt auch liegen. Wenn andere erzählen, wie sie im Verein mitarbeiten, in Gremien oder so, dann denke ich so: „Will ich eigentlich auch. Finde auch, ich sollte. Mache ich aber nicht, weil mir anderes wichtiger ist. Schlechtes Gewissen: Aus! Es ist nur meins, und ich habe mit mir selbst verhandelt, dass ich nicht alles machen kann.“

Aber gerade beim Sport ist das so eine Sache. Es gibt da eine Erwartungshaltung an sich selbst, die wohl teils eine Erwartungshaltung des Umfeldes oder der Gesellschaft reflektiert. Aber es bleibt dabei: Der Tag hat weniger Stunden, als man für alles braucht, das man gerne tun würde oder denkt, dass man es tun sollte. Wer ein schlechtes Gewissen hat, sollte sich das klar machen, seine Prioritäten festlegen und sich nicht für seine Prioritäten schämen. Wenn das Kümmern ums Kind wichtiger ist als Sport, wird das NIEMAND anzweifeln. Wenn jemandem der Online-Spiel-Clan wichtiger ist als Sport – hey, dann ist das eben so! Ich möchte Euch kein schlechtes Gewissen machen, ich möchte nicht, dass Ihr eins habt. Wenn Ihr eins habt, könnt Ihr mich gerne fragen, wie ich meinen Alltag mit so viel Sport manage. Dann kriegt Ihr raus, was ich alles dafür nicht mache, was Ihr macht – und stellt fest, dass diese Dinge (Euch, vielleicht auch generell-objektiv) wichtiger sind. Also: Schlechtes Gewissen: Aus!

Verdammt, war das ein Rant. Sorry!

6 Kommentare zu „Wie eine Schallplatte

  1. Was ich da zwischdurch so lese ist typisch und entbehrt eine Portion Selbstbewußtsein. Ich laufe auch nicht gerne. Schnell schon garnicht. Na und? Dazu kann ich doch stehen. Ich hole mir meinen Ausgleich über das Fahrrad, oder lasse es sein. wenn ich keine Lust habe. Jeder wie er will. Trotzdem erkenne ich Deine Leistung gerne an.

    1. Ich habe das auch gar nicht auf Dich bezogen. Es häuft sich vor allem im Realen – im Umfeld des Lauftreffs, auf Feiern und so weiter. Ich finde es super, dass Leute unterschiedliche Dinge haben, die sie gerne machen und denen sie Priorität einräumen. Es ist aus meiner Sicht wichtig, zu seiner Wahl der Prioritäten zu stehen – oder sie zu ändern. Aber etwas hinterherzuhecheln, was nicht drin ist, weil anderes wichtiger ist – entbehrt tatsächlich einer gewissen Portion Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Bewusstsein für die eigene Grenze, was geht und Vertrauen in die Entscheidung, was man mit allem, was man innerhalb der Grenze auf die Kette bekommt 🙂

      Kurz: Du triffst einen Punkt, den ich nur angedeutet habe.

      1. Das ist mir schon klar, dass das nicht auf mich bezogen war. Bin ja nicht Dein einziger Fan.
        Ich wollte nur andeuten, dass ein jeder Mensch seines „Glückes Schmied“ ist. Soll heißen, so zu leben wie er es gut findet, ob mit oder ohne sportliche Betätigung.

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