Guess who’s second – Köhlbrandbrückenlauf 2019

Heute ist der dritte Oktober. Das ist nicht nur der Tag der deutschen Einheit, es ist auch der Tag des Köhlbrandbrückenlaufs. Jedes Jahr findet dieser statt, immer am dritten Oktober. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass es ein Feiertag ist und man somit die intensiv vom Schwerlastverkehr frequentierte Köhlbrandbrücke auch mal sperren kann. Wie gesagt, Feiertag!

Mit dem bisher größten Tross an „Fanclub“ reiste ich vom Quartier bei lieben Freunden nahe Horneburg mit der S-Bahn an. Zu sechst waren wir: zwei Rheinländer, die schon letztes Jahr mit dabei waren, unsere Gastgeber, mein Mann und ich. Nur ich war für den Lauf gemeldet, und zwar um 15 Uhr. Beim Köhlbrandbrückenlauf kann man nämlich um neun, zwölf und fünfzehn Uhr starten. Wenn ich nicht gerade direkt danach nach Hause fahren will – wie beim ersten Mal 2017 – dann bevorzuge ich den späten Lauf. Nervosität kam bereits im Auto nach Buxtehude auf, dann ging es mit der S-Bahn auf die Veddel. Erstmals lernte ich, dass man auch auf der Nordseite der S-Bahn-Station Veddel raus kann und dann – oh Wunder! – direkt auf dem Veddeler Damm herauskommt, ohne noch über einen Deich und zwei Brücken turnen zu müssen. Ich machte etwas Tempo, während ein Teil meiner Gruppe langsamer in Richtung des Veranstaltungsgeländes am Windhukkai ging, denn schließlich macht es mich stets nervös, meine Startnummer noch nicht zu haben. Als ich die dann hatte, standen wir noch nett zusammen, ich trank einen Schluck. Überzeugt, nur elf Tage nach dem Baden-Marathon nicht so richtig Power geben zu können, verkündete ich das Minimalziel: 55:54 auf die 12,3 Kilometer mit 120 Höhenmetern. Warum ausgerechnet 55:54? Ganz einfach: Letztes Jahr war ich 55:55 gelaufen, ein neues Personal Best auf der Strecke war schon anvisiert. So 52 Minuten waren meine Erwartung, mit der ging ich dann auch auf die Strecke.

Indes, es kam anders! Wo Hamburg die Stadt ist, wo der Regen von der Seite kommt, war herrliches, recht windarmes Wetter, Sonne-Wolken-Mix ohne Regen, über zehn Grad warm. Optimales Laufwetter! Bereits auf der ersten, kleinen Brücke nach Verlassen des Windhukkais war die Pace im niedrigen Vierer-Bereich: 4:00 bis 4:15. Dann ging’s auf die Brücke, die charakteristischen, umgedreht Y-förmigen Pylonen der Schrägseilbrücke kamen in Sicht, der Gegenwind blies ins Gesicht: Für Hamburg nicht sehr stark, aber hey, Gegenwind und Steigung, das über fast drei Kilometer! Das zieht schon. Meine Uhr zeigte schlimmstenfalls eine Momentangeschwindigkeit von 4:40 pro Kilometer an, ich überholte noch immer Männer. Von Frauen keine Spur. Ich war allerdings sicher, bestenfalls auf Platz 5 zu laufen. Kurz vor der Wende überholte ich eine Frau, beobachtete die Gegenfahrbahn, und da kam nur eine andere in weißem Trikot, der Rest waren Männer. Sollte ich wirklich auf Rang 2 sein?

Auf den letzten Metern. (Foto: Wolfgang Niebuhr)

Die zweite Hälfte des Laufes ging es dann die steilere, gewundene Seite der Köhlbrandbrücke wieder hinauf. Auch hier hielt ich das Tempo hoch, sogar noch höher als auf dem längeren, nicht ganz so steilen Gegenwindabschnitt auf der anderen Seite. Von der Führenden keine Spur, die war auf und davon, aber die überholte Dritte sah ich auch nicht mehr, wenn ich mich umwandte. Oben auf dem Brückentisch begann dann das furiose Feuerwerk. Dauernd klatschten und johlten mir Läufer auf der anderen Seite entgegen – mehr Läuferinnen als Läufer, aber beide Geschlechter waren vertreten. „Zweite Frau“, „zweites weibliches Wesen“, das riefen sie mir zu. Mit Rückenwind, dieser Anfeuerung und dem Gefühl, hier einen wilden Ritt hinzulegen, bekam ich dieses Mal gar nicht so richtig mit, dass ich auf das Hamburg-Panorama zulief. Konzentriert hielt ich das Tempo hoch, sagte mir: „Du musst es nur noch nach Hause laufen!“ Auf der kleinen Brücke zurück Richtung Windhukkai kam die Führende in Sicht! Dass ich sie nicht mehr einholen würde, war mir klar, aber zweihundert Meter waren’s nicht, die ich Rückstand auf sie hatte. Von der Fußgängerbrücke kurz vor dem Abzweig vom Veddeler Damm in den Windhukkai brüllte eine ganze Brücke voll Menschen mir Begeisterung und meine Platzierung entgegen, ich riss erstmal die Arme hoch, da wurden sie noch lauter. Wie im Rausch bog ich in Richtung Ziel, auf die Zielgerade, sah die Erste ins Ziel laufen und hörte, wie der Moderator sie ankündigte …

Dem Ziel entgegen! (Foto: Wolfgang Niebuhr)

Es muss ihn überrascht haben, dass ich so kurz nach der Siegerin ins Ziel kam, denn er sagte mich erst an, als ich schon fast durch war. Zweite Frau! Unter 50 Minuten, 49:14 brutto. Man hängte mir neben der Medaille noch ein Kärtchen am Bändchen mit Infos zur Siegerehrung um. Nach kurzem, euphorischem Plausch mit der Siegerin, einem Herren, dem ich lange hinterhergelaufen war, und einer weiteren Läuferin gesellte ich mich zu meiner Zuschauergruppe. Ein wenig Spott musste ich ertragen: 48:59 sagte die offizielle Zeitnahme zu meiner Nettozeit, zweiter Platz, und zwar nicht nur im 15-Uhr-Start, sondern beim ganzen Köhlbrandbrückenlauf 2019.

Meine Ansage von 52 bis 54 Minuten, sicher nicht unter 50 Minuten war damit pulverisiert. (Foto: Meike Kölpin)

Bei der Siegerehrung durfte ich sogar ein paar Worte sagen. Da ich das dritte Mal dabei war, fragte mich der Moderator, welcher denn der beste von den drei Köhlbrandbrückenläufen gewesen sei. Ich meinte daraufhin, sie seien alle gleich gut gewesen – aber sehr unterschiedlich. Der erste mit Scheißwetter [sic!], wo ich besser Schietwetter gesagt hätte, der zweite mit dem wundervollen Panorama auf Hamburg und nun der dritte, wo ich vor lauter Anfeuern von der anderen Fahrbahn das Panorama auf Hamburg ganz verpasst hatte. Ein wenig „regional“ sagte ich wenigstens „Hamburch“ und nicht „Hamburg“.

Siegerehrung. (Foto: Wolfgang Niebuhr)

Nun sitze ich bei meinen Gastgebern auf dem Sofa, trinke Tee und staune, dass ich mich gegenüber dem letzten Jahr fast sieben Minuten verbessert habe. Und das, wo ich doch eigentlich nur ein bisschen Tempodauerlaufen wollte, um nach dem Baden-Marathon für den Hardtwaldlauf fit zu sein. Wow. Was ein Wahnsinn!

Aber ganz klar: Wieder ein zweiter Platz. Die habe ich dieses Jahr abonniert!

21 Kommentare zu „Guess who’s second – Köhlbrandbrückenlauf 2019

        1. Wenn ich da mal hinfahre, dann nicht zum Marathon 🙂 Eher laufe ich irgendwann mal den kleineren Berlin-Halbmarathon (Mercedes-Benz-Halbmarathon).

        2. Mit meinen Zeiten würde ich z.B. in Berlin beim „großen“ Marathon vielleicht schon einen Startplatz bekommen, ohne in die Verlosung zu müssen. Aber das will ich gar nicht – 6000 Läufer auf der Strecke wie in Karlsruhe sind schon fast zu viel für mich. Bei Städtereisen laufe ich auch gerne mal ab von Wettkämpfen durch die Sehenswürdigkeiten. Die „Major“-Marathons interessieren mich gar nicht.

  1. Wenn du schon so schnell warst… muss die Erste ja gut abgezogen sein, dass du sie erst so spät „in Sicht“ hattest.
    Aber egal… ein schneller 2. Platz in der Gesamtwertung ist doch ein Hammer, oder nicht? Herzlichen Glückwunsch.

    1. Klar ist das der Hammer! Die Siegerin zog recht flott weg am Anfang, hatte aber am Schluss nachgelassen. Kein Wunder, sie läuft sonst 3000 und 5000 Meter Bahn, maximal 10000. Dass ich mit Halbmarathon als Paradestrecke den längeren Atem habe, verwundert nicht.

    1. Och, ich kann gut damit leben, mir meine Urkunde nicht selbst ausdrucken zu müssen (Podium), aber nicht ganz oben zu stehen. Ich bin nur ambitionierte Hobbyathletin und eigentlich schon tief im „Seniorinnen“-Bereich. Dass die jungen Vereinsläuferinnen mich hinter sich lassen, ist nur recht und billig.

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