Heldentum

Immer wieder stelle ich mir Helden vor – Gestalten, die etwas leisten, die sich einsetzen. Dann schreibe ich auch über diese und lasse sie Teil von Geschichten sein. Meist ist es mir wichtig, diese Helden mit Schwächen zu versehen, seien es nun Schwächen, an denen man sie greifen kann – wie Supermans Kryptonit – oder charakterliche Schwächen. Besonders die charakterlichen Schwächen interessieren mich. Dahingehend finde ich auch die Gestalt des „Superian“ in der Serie „The Tick“ sehr spannend: Ein Außerirdischer mit nahezu unbegrenzten Kräften, der aber unter Geltungssucht und dem Drang, gemocht zu werden, leidet und dahingehend oftmals Dinge tut, die ihn unsympatisch machen und zugleich das ihn umtreibende Ressentiment der Menschen anfeuern.

Auch bei meinen eigenen Figuren ist mir wichtig, dass sie auch solche Schwächen haben – wie schon gesagt: physische und charakterliche. Meine Schelmin „Aus dem Weg“ aus dem Rollenspiel „Das Schwarze Auge“ zum Beispiel, sie hat einen unglaublich nervigen, derben Humor, was bei Schelmen ja nicht ungewöhnlich ist. Dazu hat sie – schelmentypisch – die derb-humoristischen Zaubersprüche … eine ungute Kombination, die Schelme verhasst werden lässt, gerade unter den anderen Spielern. Ich habe habe der lieben „Aus dem Weg“ eine Schwäche verpasst, die ihre Zauber beim Misslingen nicht einfach misslingen lassen – sondern auf sie zurückschlagen. Ich finde, es ist nur fair, wenn jemand Menschen dazu bringen kann, sich vor Lachen auf dem Boden zu wälzen, ihre Kleider in aller Öffentlichkeit von ihnen herunterrutschen zu lassen oder statt zu sprechen nur noch Vogelgezwitscher von sich zu geben, dasselbe auch befürchten muss. Sowas führt dann dazu, dass der entsprechende Charakter vorsichtig und verantwortungsbewusst mit solchen Sprüchen umgeht – oder, und nun sind wir bei „Aus dem Weg“, selbst die Würde und den Humor entwickeln muss, das zu ertragen, was sie im Dienste des Humors anderen antut. Vorsicht? Nein, danke! Wenn der nervige Typ auf dem Markt dem Zauber widersteht, dass seine Klamotten von um runterrutschen und „Aus dem Weg“ selbst mit einem Knäuel Kleider um die Füße nackt auf dem Markt steht, wird sie lachen, sich verbeugen und dann in aller Ruhe aus dem Klamottenknäuel steigen – „Practice what you preach!

Etwas weniger augenfällig, weniger lustig und weniger sympathisch habe ich eine Gestalt im „Howard-Goldstein-Vortex“ gestaltet. Elizabeth „Liz“ Ames ist die Anwältin von Esther Goldstein-Howard. Liz hat ihre Probleme mit ihrer Rolle als Begleiterin ihrer trauernden Chefin in der Öffentlichkeit, da ist sie noch nicht so richtig sicher und schwankt zwischen Scheu und Schärfe. Vor Gericht und in ihrem Büro jedoch mangelt es ihr nicht an Selbstvertrauen. Sie spielt die persönlichen Schwächen eines Konkurrenten in Kombination mit ihren persönlichen Schwächen gegen diesen aus, und solange sie es öffentlich tut, ist sie dabei nur die Provokateurin, die selbst ruhig bleibt. Hinter ihrer Bürotür aber, da nimmt sie das alles viel zu persönlich – feiert den Triumph eines vor Gericht auf ihre Provokation hin unflätig werdenden Gegners exzessiv mit Whisky, lässt sich von einem Klienten in ihrem Büro mit dem Whisky bedienen und zeigt ihren Triumph in fast schon exhibitionistischer Weise vor. Genau so nimmt sie es mit Wut, Trotz und Ärger sehr, eigentlich viel zu persönlich, wenn es mal nicht klappt. Kurz: Sie ist ein Mensch, der Triumph und Niederlage in für das Umfeld unangenehmer Weise auslebt.

Aber sie ist auch eine Heldin. Nach jenem Exzess mit den restlichen zwei Dritteln in einer Flasche Laphroaig Ten Years, den Liz nach ihrer erfolgreichen Provokation des Gegners betreibt, dabei ihren Klienten Thomas Arden wie einen Bittsteller oder Sekretär behandelt, hat sie verständlicherweise einen Kater, der schon fast Dimensionen eines sibirischen Tigers erreicht. Doch obwohl es ihr solchermaßen furchtbar geht, reagiert sie sofort auf den Hilferuf der Sekretärin Thomas Ardens – Aufwachen, Kotzen, Duschen und dann auf in den Kampf mit den Anwälten der Gegenseite! Doch sobald diese Schlacht gewonnen ist, bricht sie zusammen – aber nicht vorher. Und trotz aller Miststück-Attitüde ist sie an dieser Stelle … nun … eine Heldin!

Irgendwie möchte ich gleichzeitig, dass Liz nicht gemocht und doch gemocht wird. Bei mir ist das jedenfalls der Fall. Ich hoffe, das transportieren zu können.

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