Vom Laufen bei Hitze

Halbmarathons sind Volkssport, diesen Eindruck kann man gewinnen. Viele Menschen trauen sich den „Ganzen“ nicht zu, weil sie nicht die Zeit für das Training haben, oder auch nicht den Biss – recht so, ein unvorbereiteter Marathon ist keine gute Idee. Halbmarathons haben dagegen schön regelmäßig die sechs- bis achtfachen Teilnehmerzahlen der zeitgleich angebotenen Marathons. Wegen des stabilen Wetters findet man viele Laufveranstaltungen im Sommer – damit ergibt sich zwangsläufig das Problem des Laufens bei Hitze.

21,1 Kilometer zu laufen dürfte ein Großteil der Bevölkerung sich erarbeiten können – das schreibe ich bewusst so. Laufen erfordert Training, insbesondere muss man sich darin üben, zu lernen, was man kann – und was nicht. Sich die Kräfte für einen Halbmarathon im Training einzuteilen, ist im Verhältnis zum ersten Wettkampf-Halbmarathon leicht. Denn beim Wettkampf stürmen erst einmal alle los, der Ehrgeiz gebietet, da mitzurennen – und wenn es nicht der Ehrgeiz ist, dann ist doch die Atmosphäre mit Anfeuerern und Leuten ringsum, die auch laufen, eine sehr motiverende – übermotivierende! Das Problem verschärft sich bei Hitze.

Ich bin eine Person, die bei Hitze gerne läuft, die oft bei Hitze trainiert und die Hitze beim Sport auch ohne spezifisches Hitze-Adaptions-Training tendenziell besser abkann als andere. So viel weiß ich. Ich weiß aber auch, dass ich bei 32°C und Sonne satt lässig mal eine Runde in der Mittagspause laufe und merke, wie mein Puls höher geht als sonst, dass ich mehr Wasser brauche. Das merke ich, die ich anhand des Leistungsvergleichs mit meinem Vater beim Radfahren mit 17 gut sehen konnte, wie warm es war – bei unter 30°C musste ich hinterherhecheln, bei deutlich über 30°C brauchte er es gar nicht zu versuchen, ich war einfach schneller. Aber auch meine „flache“ Leistungs-Temperatur-Kurve ist da, auch ich muss etwas weniger schnell laufen bei brüllender Hitze – und mehr trinken.

Ich kenne viele Leute, die ihr Training sein lassen oder vor Sonnenaufgang laufen, wenn es so heiß ist wie zur Zeit. Bei Wettkämpfen kann man sich die Startzeit allerdings nicht aussuchen. Man muss sich klar machen, dass es dann andere Bedingungen als beim Training sind. Wenn man bei Hitze loslaufen will wie verrückt, muss man sich im Training an Hitze adaptieren. Wenn man beim Wasserstand wegen beim Nachfüllen nicht nachkommenden Personals erstmal keinen Becher kriegt, muss man halt mal einen Moment stehen bleiben, bis wieder ein Becher da ist. Vor allem im hinteren Feld wird’s oft echt anstrengend für die Helfer, weil sehr viele Läufer durchkommen.

Ob beim Hella Hamburg Halbmarathon gestern das Wasser ausging, im vollen Bereich über 1:45 Zielzeit, wie in den Medien kolportiert wird, kann ich nicht beurteilen. Da war ich nämlich schon durch, und bei mir gab’s mehr als genug Wasser. Aber eines ist sicher: Bei Halbmarathons treten immer wieder Leute an, die nicht optimal vorbereitet sind – oder durch den Effekt des Wettkampfs über ihre Verhältnisse laufen. Das ist ungesund, jedenfalls ungesünder, als 70 Kilometer die Woche laufen und dann halt auch das aufgebaute Tempo im Wettkampf zu ernten. Hitze potenziert das Problem – und auch das sollte man sich mal klar machen. Bevor ich zusammenklappe, bleibe ich lieber mal stehen, mache eine Gehpause oder gebe auf. Da ich mittlerweile aus „recht faul“ ein recht passables Laufpensum und ganz gute Wettkampfleistungen aufgebaut habe, aber eben meine Zeit brauchte und auch nur langsam schneller werde, sehe ich es kritisch, dass kollabierte Läufer bei Wettkämpfen erstmal den Veranstaltern und/oder dem Laufen an sich zur Last gelegt werden.

Denn Laufen ist ein Sport. Wettkampfsport, auch auf Hobby- und Amateurbasis, erfordert adäquates Training – und DAFÜR ist jeder selbst verantwortlich. Insbesondere bei extremen Bedingungen.

2 Kommentare zu „Vom Laufen bei Hitze

  1. Da ein einzelner Kollabierter für das Ausleben von Empörungen – ein herrlich aufregender Gemütszustand? – zu wenig greifbar ist, nimmt man den Veranstalter, der ist durch seinen Namen einfach (an-)greifbarer ist, und schon können sich „alle“ aufregen. So als wäre ein Veranstalter ein Elternheit, das auf jeden unvernünftigen Teilnehmer wie auf ein Kind aufpassen muss.

    Na ja, in manchen Fällen spielt eine bis dahin unerkannte Erkrankung eine Rolle – das ist dann wirklich ein Unglück, für das auch der Teilnehmer nichts kann. Ohne genaue Kenntnis der Umstände, die zu einem Zusammenbruch geführt haben, suhle ich mich also eh nur in meinen Vorurteilen, weshalb ich hier jetzt mal ’nen Punkt mache. 🙂

    1. Relativierend muss ich anmerken: den ersten beiden Wasserstellen war tatsächlich das Wasser für die letzten ca. 500 ausgegangen. Das lag an verschiedenen Aspekten, die teils auch auf das Verhalten der der Läufer zurückgeführt werden können – oder die mangelnde Adaption des Personals auf dieses Verhalten. Wie immer ist’s kompliziert.

      Ich möchte aber tendenziell zustimmen, dass das Bashing gegen den Veranstalter zu kurz greift. Der Lerneffekt ist da – vielleicht denkt auch der ein oder andere Läufer künftig darüber nach, ob‘s das Trinkwasser auf dem Becher für das Überschütten sein muss, wenn davor und danach kälte Fontänen auf die Strecke spritzen 🙂

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