Du musst gar nichts

Als ich gestern nach meinem Mittagspausenlauf einen kurzen Abstecher zum Rennwerk machte, meinte Petar so: „Du schwitzt ja gar nicht!“ In der Tat, das tat ich wirklich recht wenig – auch wenn wundervolles Wetter war: Die Sonne schien, der Himmel war blau, es hatte um die zwanzig Grad oder sogar mehr. Außerdem war ich am Laufen – ich antwortete salopp: „Ich bin ja auch nicht so schnell gelaufen, ich muss ja morgen schnell laufen.“ Dieses „Morgen“ ist heute und es dreht sich um den Altstadtlauf in Ettlingen heute Abend, wo ich für das Rennwerk Laufteam antreten darf. Petar antwortete mir: „Du musst gar nichts.“

Damit hat er recht. Von müssen kann keine Rede sein. Ich muss nicht bei jedem meiner Wettkämpfe ein neues Personal Best aufstellen, ich muss auch nicht gewinnen und ich muss auch nicht allzu viel anderes. Aber ich möchte eigentlich gerne die Serie sehr guter Läufe fortsetzen, die ich mit den ersten sieben Wettkämpfen dieses Jahres begonnen habe, mal oben auf dem Treppchen stehen wäre auch echt schön. Trainieren werde ich eh, weil es mir gegen die Kopfschmerzen vorbeugt und auch akut hilft, weil es mich ausgeglichener und auch insgesamt leistungsfähiger macht. Daraus ergibt sich, dass ich am Vortag eines Wettkampfes nicht oder zumindest nicht so schnell und nicht so viel laufe.

Viele Dinge sind es, für die wir uns entscheiden, dass wir sie tun. Wenn Erwartungen – eigene oder fremde, meistens beide – dahinterstecken, sagen und denken wir oft „Ich muss.“ Aber muss ich wirklich? In aller Regel gibt es die eine oder andere Verpflichtung, bei der tatsächlich ein „müssen“ beteiligt ist. Aber im Hobby, im Verein, im sozialen Umfeld gilt oft, dass „ich muss“ eigentlich heißt „ich hab’s zugesagt und will das nicht enttäuschen“ oder „ich erwarte das von mir selbst“, vielleicht auch: „Ich wollte mal, hab’s zugesagt und will jetzt nicht mehr.“ An der Stelle greift „Ich muss“ zu kurz und baut einen Druck auf, der so gar nicht nötig und auch gar nicht gut ist. Freilich ist auch „Ich muss gar nichts“ meistens nicht ganz wahr. Viele Dinge sind eben nötig – aber meistens ist da ein „um zu“ dahinter, wie in: „Ich muss arbeiten, um das Geld zu haben, von dem ich lebe.“ Wenn man von sich abhängige Familienmitglieder hat, gibt es auch hier ein schwer zu leugnendes „Müssen“. Aber das „Müssen“ ist weit weniger verbreitet als man oft redet – und daher auch denkt.

Ich muss nicht heute Abend ein neues Personal Best aufstellen, ich muss mich nicht grämen, wenn ich heute Abend beim Altstadtlauf in Ettlingen nicht so besonders abschneide. Aber ich möchte, wenn es drin ist, um die vierzig Minuten auf die zehn Kilometer laufen – wenn ich sogar drunter komme und eventuell noch eine gute Platzierung absahne, um so besser. Aber ich muss nicht.

2 Kommentare zu „Du musst gar nichts

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