Herrenloser Koffer

Heute früh in der Bahn sah ich eine leere Vierersitzgruppe, die ich zu nehmen beabsichtigte. Doch darin stand ein großer Rollkoffer, dennoch setzte ich mich dort hin.

Doch dann setzten die Gedanken ein: „Das ist nicht mein Koffer, wem hier gehört er?“ Eine Dame stand im Eingang des Zuges direkt daneben und ich ordnete ihr den Koffer zu. Doch sie schien ihn nicht zu beobachten. Vielleicht die Frau mit dem Kinderwagen? Oder die Dame gegenüber, vielleicht die Gruppe im nächsten Vierersitz?

Der Koffer rollte leicht gegen mein Knie. Ich dachte nach: „Eine Kofferbombe im Karlsruher Arbeitsverkehr?“ Ich saß direkt daneben. Wenn es eine Bombe wäre, würde es wenigstens schnell gehen! Aber wenn das Ding eine Bombe war und erst nach meinem Ausstieg hochgehen würde – und ich nichts gesagt hätte? Könnte ich damit leben?

Eine Dame ging an mir vorbei. Dieser Blick! „Die blockiert mit sich und ihrem Koffer einen ganzen Vierer!“ – „Aber das ist doch gar nicht mein Koffer!“, will ich schreien. Doch ich sage nichts, weil sie vielleicht nur böse geschaut hat, weil sie noch müde ist.

Wieder rollt der Koffer gegen mein Bein. Wem gehört er? Wenn er eine Bombe ist, geht er bestimmt am Hauptbahnhof hoch, maximaler Effekt. Verdammt, wenn ich aussteige und den Koffer zurücklasse, werde ich damit verbunden!

„Entschuldigung, kann ich?“ Die Dame, die mit Handy am Eingang lehnte, die ich gleich nach der Frage nach dem Besitzer erwähnte, hat inzwischen mit dem Ticketautomaten interagiert, zwei Stationen später hat sie sich gegenüber des Vierers mit Koffer und mir gesetzt. Nun, am Albtalbahnhof, bittet sie mich um etwas Platz, nimmt ihren Koffer und steigt aus.

Einfach so.

10 Kommentare zu „Herrenloser Koffer

        1. Das stimmt. Lustigerweise nimmt die Anzahl der Terrorismustoten in der „ersten Welt“ seit Jahrzehnten ab … während unsere Angst zunimmt.

        2. Eigentlich nicht. Die Informationsdichte und Geschwindigkeit, mit der Information reist, wird größer. Was man nicht wahrnimmt, macht einem auch keine Angst.

  1. Moin Talianna,

    ich hatte das vor ein paar Jahren auch einmal. Ein junger, ja tatsächlich südländisch aussehender Mann setzte seinen Rucksack auf dem Platz neben mich und geht weg und kam auch nach Minuten nicht wieder. Ich habe daraufhin nicht nur den Platz sondern sogar den Waggon gewechselt. Ich hätte auch das Zugpersonal darauf aufmerksam gemacht, wenn denn von denen jemand zu sehen gewesen wäre.

    Das ist eine unangenehme Begleiterscheinung unser heutigen Zeit 😦

    Liebe Grüße
    Volker

    1. Lieber Volker,
      bei mir sahen ein paar der Leute ringsum gemäß der Vorurteile verdächtig aus, aber ich würde eh nicht davon ausgehen, dass man anhand des Aussehens zuverlässig Schlüsse ziehen kann. Ich war aber sehr erleichtert, dass es „nichts“ war.
      Ich verstehe das Unangenehme, ja noch viel Unangenehmere an der Szene bei Dir sehr gut – von Zugpersonal war bei mir auch nichts zu sehen und in den Karlsruher S-Bahn-Garnituren kann man nicht so einfach mal wechseln.
      Aber zum Glück ist, allem Misstrauen zum Trotz, die Wahrscheinlichkeit, dass „es nichts ist“, in solchen Fällen immer noch nahezu 100%. Wir haben nur die Unschuld verloren, über die letzten Jahrzehnte. Leider!
      Viele liebe Grüße in den Norden!
      Talianna

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