Sagen und tun

Gestern Abend war ich auf einem Konzert – bei VNV Nation auf dem zweiten Europa-Teil der Tour zum Album Noire. Es war ein tolles Konzert, jedenfalls für mich, doch darum geht es mir hier gar nicht.

Ich kam mit ein wenig Verspätung auf dem Heidelberger Hauptbahnhof an und stand so nicht ganz vorne in der Warteschlange vor dem Einlass. Das führte dazu, dass für mich nur noch am Bühnenrand ein Platz in der vordersten Reihe war. Neben mir, in Richtung Bühnenmitte, war eine recht raumgreifende Vierergruppe. Zwei der Frauen der Gruppe aus insgesamt drei Frauen und einem Mann standen vorne an der Absperrung und nahmen viel Platz ein – mehr, als sie für ihre Körper gebraucht hätten. Nun gut, dachte ich mir. Später dann tauchten hinter mir eine Frau mit Rollator und ein Pärchen auf, der Mann im Rollstuhl. Die Vierergruppe neben mir begann sich zu unterhalten, warum es denn keinen Rollstuhl-Bereich gäbe, oder man diese Leute nicht vor die Absperrung ließe. Auf die Idee, den Rollstuhlfahrer und seine wirklich nicht hochgewachsene Freundin vor an die Absperrung zu lassen und dahinter zu stehen, kamen sie nicht. Ich brauchte zugegebenermaßen auch einen Moment, aber kurz bevor das Konzert losging, tauschte ich mit dem Pärchen mit Rollstuhlfahrer den Platz und schuf so auch eine direkte Sichtlinie der Dame mit Rollator auf die Bühne.

Eigentlich sollte das selbstverständlich sein. Ich sollte nicht so lange brauchen, so etwas zu tun. Auch Kinder, die ja nun wirklich nicht den Blick versperren, aber außer vorne an der Absperrung nun wirklich schlechte Chancen haben, was zu sehen, sollte man nach vorne lassen. Das taten dieses Mal recht wenige. Eigentlich bin ich das vom Publikum bei VNV Nation anders gewohnt. Aus meiner Sicht handeln die Texte auch – nicht nur, aber eben auch – davon, sich umeinander zu kümmern. Insbesondere „Illusion“ macht da einen Vorstoß. Vielleicht war’s ein schlechter Tag, ich habe ja auch recht lange gebraucht, bis ich von dämlichem Egoismus abgerückt bin.

Für mich ist manchmal erschreckend, wie sehr wir Deutschen uns von unserem überregelten Staat aus der Verantwortung nehmen lassen. Es wird geschimpft, dass sich nicht besser um die Schwachen, Gehandicapten oder Kranken gekümmert wird. Aber selbst mal einen Platz in der ersten Reihe aufgeben, um jemanden vorzulassen, über den man ja doch drübergucken kann, der aber hinter einem selbst nichts sehen könnte, dafür brauchen wir lang; wenn wir es überhaupt tun. So wichtig ich es finde, dass der Staat sich um die Dinge kümmert – es sollte auch die Gesellschaft sein, die das tut. Und die Gesellschaft, das ist nicht irgendetwas Abstraktes. Das sind wir alle, und wer, wenn nicht ein erster Teil der Gesellschaft, nämlich wir selbst, kann damit anfangen?

Im Endeffekt wurde ich mit frohen, dankbaren – und nicht zuletzt unheimlich vom Konzert begeisterten, sehr engagiert mitmachenden Menschen um mich herum belohnt. Die Stimmung in der Ecke, in die ich dann doch ein Stück weiter hinein zurückgesetzt das Konzert miterlebte, war gigantisch!

5 Kommentare zu „Sagen und tun

    1. Ja. Natürlich ist der Reflex da, die Gesellschaft, der Staat oder die Veranstalter sollten sich drum kümmern. Aber die Gesellschaft, das sind WIR.

      Ich will mich hier auch nicht beweihräuchern. Ich habe auch gezögert, hab’s recht lange gebraucht, bis mir klar war: Wenn jemand was macht, bin ich es. Das Erschreckende war halt, dass sogar Leute drüber geredet haben, dass jemand mal etwas tun sollte. Aber getan hat niemand was – in diesem Falle außer mir.

      1. Wenn es keiner macht, ist es zwar ärgerlich aber irgendwie leider schon normal. Aber bitte: Redet nicht drüber und lasst es dann andere machen. Das nervt mich immer total ab. Wenn man schon drüber quatscht, kann man es auch machen. In religiösen Kreisen nennt man das – glaube ich – Nächstenliebe…

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