Wirres zum Thema Prioritäten

Da ich zur Zeit eine ganze Menge und durchaus auch mit (für mein Gefühl) sehr passablen Erfolgen die Lauferei betreibe, erzähle ich gerne davon. Oftmals begegnet mir im Kontext dieses „Angebens“ seitens meines Gegenübers eine Art Rechtfertigung. Oftmals hat diese Rechtfertigung, selbst nicht so viel Sport zu betreiben, mit dem Satz „Ich sollte auch mal…“ oder „Ich sollte auch mal wieder…“ zu tun. Fast stets ist die Argumentation, warum’s doch nicht passiert: Keine Zeit.

Ich für meinen Teil habe darauf eine Antwort, die ich meistens in diesen Gesprächen eben NICHT gebe, da sie meistens missverstanden wird. Ich kann das einfach illustrieren über ein Zitat, das ich gerne bemühe:

Kirk, Scott und Chekov begegnen auf der Brücke der Enterprise-B der Steuerfrau des brandneuen Schiffes, Demora Sulu, der Tochter von Hikaru Sulu. Nachdem sie sich über einige nostalgische Gedanken ausgetauscht haben, fragt Kirk Scotty: „Sulu. When did he find the time to have family?“ Scott antwortet ihm: „Well like you always say, if something’s important, you’ll make the time.”

Fühlt sich nun jemand angegriffen, weil er oder sie aufgrund von Kindern, Familie und Job nicht einfach die Zeit für einen Luxus wie Laufen freischaufeln kann? Ja? Genau deswegen antworte ich auf „Ich habe keine Zeit dafür“ in aller Regel nicht mit diesem Zitat. Das Problem ist nicht das Zitat. Das Zitat an sich ist wahr und weise. Denn für das, was wichtig ist, finden wir die Zeit. Die Frage ist nur: Was ist uns wichtig? Wer definiert das – und was von den Definitionen, die nicht von uns stammen, akzeptieren wir oder machen es uns gar zueigen?

Dass die Menge an Zeit, die uns zur Verfügung steht, begrenzt ist – insgesamt und jeden Tag gleichermaßen – ist ein Fakt. Was wir mit diesem wertvollen, begrenzten Gut anfangen, ist zunächst einmal unsere Sache. 

Es ist leicht, das „Aber“, das ich in dem hier begonnenen Absatz anreiße, zu ignorieren, wenn man niemanden hat, der von einem abhängig ist. Deswegen füge ich es ein. Natürlich ist unsere Verantwortung für unsere Mitmenschen, insbesondere für jene, die von uns abhängig sind, ein ganz entscheidender Faktor dafür, ob etwas „wichtig“ ist. Wir dürfen nicht vergessen, dass „wichtig“ auch in unserer von Individualismus als Wert geprägten Gesellschaft nicht allein „was ist uns nur aus uns selbst heraus wichtig“ bedeutet. Wir können das auch nicht ignorieren. Es gibt das, was uns aus uns selbst heraus wichtig ist. Es gibt das, was uns aus unserem Verantwortungsgefühl für andere wichtig ist. Es gibt auch das, was uns aufgrund dessen, dass andere, deren Meinung wir achten, Wert darauf legen, wichtig ist. Wenn wir all diese Rahmenbedingungen einbeziehen, bleibt oft wenig Zeit übrig. Das, wofür wir uns verantwortlich fühlen und der essentielle Selbsterhalt sind kaum verhandelbar. Wenn uns nach diesen beiden Punkten schon die Zeit ausgeht, geht’s an die Grundsätze, wo wir uns vielleicht für Dinge verantwortlich fühlen, die andere machen sollten. Gerade bei der Verantwortung für Kinder oder pflegebedürftige Erwachsene ist das ganz schwierig. Das nachzuvollziehen ist für mich manchmal schwer, da ich keine Kinder habe, dennoch habe ich volles Verständnis dafür, dass man damit hadert. Bei mehreren, die sich eine Verantwortung dieser Art teilen, wird’s erst recht komplex, denn hier spielt bei nicht verhandelbar zu erfüllenden Aufgaben noch die nach den Bedürfnissen richtige Verteilung eine Rolle. Weil das schwierig ist, werfe ich ungern Leuten dieses „If something’s important, you’ll make the time!“ entgegen, da es ohne die Ansage, wie viel eigentlich in dem kleinen Wort „important“, „wichtig“ drinsteckt, der Komplexität nicht gerecht wird.

Wenn allerdings nach diesem Punkt noch Zeitkontingente übrig sind, ist die Frage verhältnismäßig leicht: Ist die mündige Person, die nicht auf meine Zeit angewiesen ist, in sich selbst und ihrem Anliegen für mich wichtig genug, um meine eigenen Anliegen hintenanzustellen? An dieser Stelle gilt es, die selbst entschiedene Prioritätsliste zu akzeptieren – oder sie zu ändern. Vor sich selbst und anderen zu rechtfertigen, dass man ja die Erwartungen von Person X erfüllen muss und deswegen nicht zum Sport gehen kann, obwohl man das gerne möchte, führt nirgendwo hin. Entweder ist mir das Erfüllen der Erwartungen von Person X wichtiger, oder ich sollte es ändern.

Oft habe ich den Eindruck, dass Menschen allzu leicht die Erwartungen mündiger Personen X als „Verantwortung“ übernehmen. Die eigentliche Kunst an der ganzen Sache ist, festzulegen, was unverhandelbar wichtig aus Verantwortung für Schutzbedürftige resultiert. Das ist nämlich die Stellschraube, an der man hinterfragen kann, in wie weit „If something’s important, you’ll make the time“ es sich zu einfach macht – und in wie weit der Mensch, der keine Zeit hat, es sich zu schwer macht. Ich habe dafür natürlich keine Lösung, ich bewundere das Problem. Wobei – für mich selbst verhandle ich die Antwort ständig neu, und immer bewusster. Die Antwort besteht nämlich nicht über die gesamte Zeit, die wir leben, sondern verändert sich mit Umständen und Lebensalter.

Ein Kommentar zu „Wirres zum Thema Prioritäten

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