Alltag 1

Nach einer Idee von Café Weltenall, für michalltag-001-2018 sichtbar geworden über die Teilnahme von Mrs. Flummi an dieser Idee.

Ein bewusstes Wahrnehmen der immer wiederkehrenden Dinge, der Schönheit, Hässlichkeit, der Nicht-Alltäglichkeit des ganz Alltäglichen.

„Ten, nine, eight, seven, six,“

meine Hand fasst auf den Nachttisch, streicht über die breite Taste oben auf dem Sockel des Weckers, sucht kurz die zweite Taste von recht.

„Five, four.“

Stille. Die Rakete aus Schaumstoff ist mal wieder nicht auf mein Bett gestartet. Ich schlage die Decke zurück, falte sie einmal wieder auf, so dass sie in drei Schichten auf dem Fußende des Bettes liegt, damit die Oberfläche des Wasserbetts über den Tag austrocknen kann. Leise stehe ich auf und schließe die Tür wieder hinter mir, da mein Mann noch schläft. Drei Schritte bis zum offenen Durchgang zwischen Gang und Wohnzimmer, fünf weitere zwischen DVD-Regal und Sofa, ich bin in der Küche, umrunde die Theke und hole mir den Wasserkocher. Mit der linken Hand schalte ich die Espresso-Maschine an, damit sie vorheizt, fülle den Wasserkocher. Wie jeden Morgen merke ich über das Fließgeräusch des Wassers, dass ich auf Toilette muss. Aber wenn ich jetzt gehe, kann der Tee zwei Minuten kürzer abkühlen und ich kann ihn nicht trinken, bevor ich los muss. Also gieße ich das Wasser aus der Schale mit den eingeweichten Sesam- und Kürbiskernen und hänge sie in einem Metallsieb über die Spüle, damit sie abtropfen, dann nehme ich ein Siebeinsatz aus der Espressomaschine und spüle den Rest heraus. Anschließend befülle ich meine vier Tassen mit Teebeuteln mit Kräuter- und Früchtetee, mahle Espressobohnen in das Sieb und drehe es in die Maschine. Allmählich macht das Rauschen des fast kochenden Wassers mich und meine Blase nervös. Ich gieße den Tee auf und renne los.

Jeden Morgen wieder denke ich darüber nach, dass ich es auch in anderer Reihenfolge tun könnte, jedes Mal siegt der Gedanke, dass sonst der Tee nicht kühl genug ist, um ihn vor dem Gehen zu trinken.

Dann sitze ich mit Espresso-Tässchen, Müsli aus den Kernen und Leinsamen, Haferkleie, gepufftem Amaranth, Joghurt, Obst sowie Haferdrink und vier Tassen Tee am Rechner, lese die News und spiele vielleicht ein bisschen in der Klötzchenwelt von Minecraft. Jeden Morgen wieder scheint die Zeit zwischen 6:25, wenn ich so sitze, und 6:40 fast unendlich angenehm lang. Und dann ist es schlagartig um 7:00 und ich muss mich noch anziehen, Zähne putzen, Rucksack nochmal checken – in 15, besser 10 Minuten. Nach einem kurzen Kuss für meinen Mann, der noch im Bett liegt, aber langsam von seinem Wecker mit ansteigendem Licht geweckt wird, laufe ich los. 1200 Meter zur Bahn, selten in mehr als 13 Minuten, wenn’s sein muss in 10. 7:29, Bahn nach Karlsruhe. Der eigentliche Tag beginnt.

Advertisements

5 Kommentare zu „Alltag 1

  1. Oh, das mag ich sehr. Du hast die ersten Minuten des neuen Tags in deinem Leben ganz wunderbar beschrieben. Hab vielen herzlichen Dank und wenn diese randvolle Woche dann auch mal rum sein wird, dann lese ich auch gerne mehr von dir. Schön, dich über meine Aktion kennenzulernen!
    Herzliche Grüße, Ulli

    1. Da bin ich mal gespannt, was beim daran Denken rauskommen wird … ich habe echt den Reflex zu fragen, wie Du drauf kommst, aber aus „frag mich nicht, warum“ schließe ich, dass Du genau das nicht sagen kannst.

      Spannend, was man manchmal so auslöst!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s