Über die Brücke!

Dieses Jahr habe ich viele Wettkämpfe wieder besucht und an ihnen teilgenommen, die auch letztes Jahr in meinem Programm standen. Das waren: der Campus Run in Stuttgart, der Baden-Marathon und – nunmehr! – der Köhlbrandbrückenlauf.

Der Köhlbrandbrückenlauf!

Ein unglaubliches Erlebnis. Freilich, es ist nicht der Marathon. Es ist keine Meisterschaft größter Leistungen. Aber es ist der Köhlbrandbrückenlauf – in einer großartigen Stadt, über ein beeindruckendes Bauwerk, das man sonst nicht zu Fuß begehen kann. Es ist ein Lauf mit Ausblick: Containerterminals, Wasser und beeindruckende Schiffe auf dem Hinweg, die Elbphilharmonie und die HafenCity auf dem Rückweg, dabei immer wieder die Brücke. Diese wundervolle, beeindruckende Brücke!

Es ist auch ein Lauf, bei dem einen ein schnaufender, ratternder, quietschender Güterzug über zwei Kilometer begleiten kann, eventuell nur knapp schneller als man selbst. Ein Lauf, der zwischen Schienen, Wasserwegen und Straßen verläuft, die ein mehrstöckiges Labyrinth bilden. Es ist ein Lauf für Infrastruktur-Nerds.

Habe ich Fotos gemacht? Nein – ich war zu beschäftigt mit laufen und gucken. Mein Telefon hatte ich auf der Brücke nicht dabei, das hatte ich bei meinem rheinland-pfälzischen Fanclub bzw. meinen Rucksackträgern gelassen.

Wie der Lauf an sich ablief? Nun – ich startete dieses Mal um 15:00. Wir sammelten uns vor der Startlinie, uns wurde der Rekord auf der 12,3-km-Strecke vom Jahr 2017 verkündet, der an diesem Tag noch nicht gefallen war. Allerdings war schon klar, dass die schnellsten Läufer in meinem Lauf starteten. Einige Läufer wurden interviewt, auch einer, der an diesem Tag schon beide vorigen Läufe – um 9:00 und um 12:00 – mitgemacht hatte.  15:00 ging’s dann auch pünktlich los. Wie immer hatte ich mich zu weit hinten eingeordnet, war erst einmal bis zur ersten Rampe am Überholen. Insbesondere laufen ganz oft Grüppchen schön breit nebeneinander auf der Straße und unterhalten sich, während man selbst durchaus schneller laufen will. Aber: Ich finde es für mich viel, viel besser, wenn ich anfangs ein paar Probleme mit dem Überholen von Leuten habe, die nicht so ambitioniert sind wie ich, als dass ich denen im Weg stehe, die schneller, ambitionierter und besser sind als ich. Daher werde ich mich immer zu weit hinten einordnen, da bin ich mir sicher. Als es dann bei Wind auf die östliche Rampe der Köhlbrandbrücke selbst ging, setzte leichter Regen ein. Hamburg zeigte sich von seiner typischsten Seite – die Stadt, in der der Regen von der Seite kommt. In diesem Falle kam der Regen von vorne. Fieser Gegenwind, Steigung, Regen – und die Brücke. Mann, Hamburg! Ich war zeitweite bei 5:45 auf den Kilometer, die mittlere Pace, die meine Uhr anzeigte, lag aber immer noch unter 5:00. Mein Ziel, die Zeit vom letzten Jahr (59:22 auf 12,3km) zu unterbieten, war also noch greifbar. Oben auf der Brücke wurde es dann heller, der Regen setzte aus. Der Wind war aber noch da. Die westliche Rampe der Köhlbrandbrücke, die ja einen 180°-Turn beschreibt, lief es sich hervorragend hinunter, etwa bei Kilometer 5 kamen mir die beiden führenden Männer entgegen – und die spätere Gewinnerin, einige hundert Meter später, die gerade einen Mann überholt hatte, der ihr Tempo die Brücke hoch nicht mitgehen konnte. Natürlich feuerte die ganze Läufergruppe die führenden über die Mittelleitplanke hinweg an. Das kenn ich schon beim Köhlbrandbrückenlauf und liebe es auch: Die, die da auf der anderen Seite um ihre Bestzeit rennen, oder später die, die dem Besenwagen davonrennen, werden über die Mittelleitplanke hinweg lautstark unterstützt. Wir Läufer laufen nicht gegeneinander, sondern gegen oder eher für unsere Ziele. Der andere Läufer ist ein Kamerad, kein Gegner. Zum Gegner wird er erst in der Ergebnisliste, auf der Strecke ist er ein Kamerad. Das war auch an der Wende so – ein anderer Läufer hatte die Kurve um das Ende der Mittelleitplanke bei der Anschlussstelle Waltershof an die A7 zu eng genommen, auf regennasser, öliger Strecke verlor er die Haftung und schlug auf die Seite. Bis ich zu ihm umgedreht hatte, stand er schon wieder und erklärte, es sei alles okay. Aber einem gestürzten davonlaufen und ihn liegen lassen, das geht nicht. Das ist einfach nicht richtig, selbst wenn da Leute an der Strecke bereitstehen, die ihm helfen können. Wir sind Läufer, wir sind fair. Das hat auch einiges Sendungsbewusstsein in sich, ich weiß.

Hoch auf die Brücke zurück, das steilste Stück, wurde von einem der interviewten Läufer am Start als das steilste, härteste, fieseste Stück genannt. Aber es war kein Gegenwind mehr da, die Sonne kam raus. Rückwind hat man da zwar auch nur an wenigen Stellen, da die Rampe eben einen 180°-Turn macht, aber das machte nichts. Meine Geschwindigkeit sank auf der Rampe nicht einmal unter 11km/h. Einen schnaufenden, heftigst schnaufenden Läufer holte ich knapp hinter dem westlichen Pylonen ein, auf dem höchsten Punkt überholte ich ihn. Er rief mir zu: „Sind wir jetzt oben?“ Ich so: „Ja, jetzt sind wir oben. Nur noch bei 11km eine kleine Rampe.“ Und dann ging es ans Fliegen! Mit Rückenwind und Sonne eine fast zwei Kilometer lange, mal mehr, mal weniger steile Rampe hinunter auf Elbinseln – das fühlt sich an, als hebe man im nächsten Moment ab. Ich lief 3:50 auf den Kilometer, teils sogar noch schneller, als wäre ich kaum noch auf dem Boden. Die mittlere Pace auf meiner Uhr stürzte in Richtung 4:30 ab. Auch bei der Rampe an der Brücke Richtung Veddeler Damm zurück wurde ich nicht viel langsamer und stürmte mit breitem Grinsen wieder am Windhukkai auf das Eventgelände. 56:08 zeigte die Uhr über dem Zielbogen, als ich reinkam, netto waren es im Endeffekt 55:55 – mein Personal Best auf dieser Strecke um 3:27 unterboten, ein alkoholfreies Bier in der Hand, die Medaille um den Hals – Glücksgefühl pur, fast intensiver als beim Halbmarathon. Der Köhlbrandbrückenlauf ist einfach geil!

Abends waren wir dann beim Mexikaner essen und ich wurde bewundert, dabei bin ich doch nur eine etwas ambitionierte Hobbyläuferin!

4 Kommentare zu „Über die Brücke!

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