Ich gehe von mir aus

Ja, genau das tue ich. Wie soll ich es auch anders machen?

Viele Menschen beraten andere, als sei das, was sie wissen, denken und für richtig halten, von allgemeiner Gültigkeit und Relevanz. Dass diese Ratschläge tatsächlich solch weitreichende Gültigkeit und Relevanz besitzen, billige ich durchaus einigen Experten zu, aber oft genug kommen die vehementesten, am nachdrücklichsten als kompakte Weisheit deklarierten Ratschläge von Menschen, die die Ansicht eines Experten und ihre eigene Erfahrung zusammenlegen. Dass der eigentliche, zitierte Experte (falls es denn einer ist) oft auch erklärt, welche anderen Wege es gibt und was Irrwege waren, wird vom nachdrücklich Zitierenden oft unterschlagen.

Ich selbst beschreibe lieber ganz bewusst, was FÜR MICH funktioniert hat und was nicht. Was andere dann draus machen, ist deren Sache. Für mich führen viele Wege zum Ziel, ich habe mir welche ausgesucht. Außerdem versuche ich, auch klar zu machen, dass ich mir meine Experten ausgesucht habe, denen ich folgen mag, und ihnen nicht in jeder Hinsicht folge – soweit mir das bewusst ist. Dazu bin ich ein Mensch, und Menschen sind verschieden. Manchmal wirkt es vielleicht egozentrisch, zu beschreiben, was für mich funktionierte und mir wahr erscheint – aber in vielerlei Hinsicht bin ich für das, zu dem ich was sagen mag, nicht so weit Expertin, dass ich ohne Beschränkung der Allgemeinheit meiner Aussagen sprechen zu können glaube. Also beschreibe ich, was mich zu dieser Ansicht brachte und dass es meine Ansicht ist, nenne eventuell noch Quellen.

Insbesondere im Bereich „Lebensberatung“ habe ich im Netz häufig Ratschläge gefunden, die alternativlos formuliert waren, Glaubenssätze und Dogmen darstellen. Gerade in diesem Bereich habe ich die Therapeuten, die ich bisher erlebt habe, als zurückhaltend wahrgenommen. Sie sagten mir nicht, was ich tun soll, sondern hörten zu und gaben dann Hinweise, was ich mal versuchen könne – oder ließen mich das weitere Vorgehen entwickeln.

Viele dieser „Berater“, die genau zu wissen scheinen, was man tun sollte, was richtig und falsch ist und wie alles geht, gehen von sich aus oder sagen, was man hören will, um ihnen zu folgen. Sie verkaufen es nur als allgemeine Wahrheit, als kompakte Weisheit. Ich habe die Welt und die Wege, die zum Ziel führen, auch die Ziele, die erstrebenswert sind, mit allem, was ich mehr wusste, mehr erfahren habe, als unsicherer und unklarer, darin wählbarer und freier erlebt. Das macht das Leben kompliziert, gibt aber Freiheit.

Wie ich nun auf so etwas komme? Mir wurde mal gesagt, ich sei egozentrisch, spräche nur über mich. EINE Komponente dessen, was glaube ich zu dieser Aussage führte, ist eben: Ich gehe von mir aus. Ich gebe (idealerweise nach vollständigem Zuhören, manchmal aber nicht) Beispiele aus meinem Leben, die ich vielleicht als ähnlich und hilfreich ansehe, wenn jemand ein Problem hat und mir schildert. Dadurch rede ich viel über mich. Letztlich bin ich aber der Auffassung, dass die meisten Menschen sehr viel über sich reden, sie stellen es nur als unabhängig von sich dar – oft nicht beabsichtigt. Ich für meinen Teil finde es ehrlicher, zuzugeben: „Das ist meine Lösung unter vielen. So habe ich sie erlebt. Kannst Du nehmen oder es lassen, je nach dem, was Du glaubst, dass für Dich passt.“ Der zweite Grund ist, dass ich aktuell an einigen Stellen vorstoßen möchte, neue Gruppen schaffen möchte, in denen ich mit anderen Dinge zusammen betreibe. Natürlich wird es nicht ohne ein gewisses Aufdrücken des eigenen Stempels gehen, wenn man etwas, das man gerne macht, initiativ beginnt, mit anderen in Gruppe zu betreiben – zum Beispiel beim Laufen. Aber anderen aufzudrängen, wie ich es mache, gleich, wie es für sie richtig ist, wäre falsch. Die eigene Erfahrung als allgemein gültige Wahrheit zu verkaufen, das ist aus meiner Sicht die perfideste Weise, anderen seinen eigenen Weg aufzudrängen – ob nun bewusst oder unbewusst.

Und genau das will ich nicht machen. Deswegen denke ich drüber nach. Deswegen schreibe ich diesen Beitrag, um meine Gedanken dazu zu ordnen.

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3 Kommentare zu „Ich gehe von mir aus

  1. Ich gehe auch oft einfach nur von mir aus, da weiss dann jeder gleich Bescheid. Viele Aussagen werden dadurch relativiert, nicht verabsolutiert. Das ist weder egozentrisch noch egoistisch. Und beim Bloggen ist es sowieso legitim, von sich zu sprechen. Was mich betrifft, bemühe ich mich immer, Einträge zu schreiben, die wirklich nur ich schreiben kann. Auch Deine Einträge könnte niemand ausser Dir schreiben. Das bist ganz Du. Gefällt mir!

  2. Hallo, und ich bin ja nur durch Zufall hier gelandet, weil ich von dem Kommentar, den du auf dem Schreibmanblog hinterlassen hast, so angetan war, dass ich neugierig hier rumgestöbert habe.
    Ich habe zwar nur die obersten Beiträge, die hier stehen, gelesen – aber es hat mir gut gefallen, was du so schreibst. Ich finde, du bringst die Sachen sehr gut auf den Punkt und lieferst eine gute Begründung, das gefällt mir sehr.
    Dieser Beitrag gefiel mir besonders gut, eben weil ich Menschen mag, die von sich aus gehen und nicht durch Verallgemeinerungen den Eindruck erwecken, sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen und wären zudem im Besitz der einzig gültigen Wahrheit.
    Ich gebe mir in aller Regel Mühe, das auch so zu machen und finde Menschen, die offen und freiwillig von sich erzählen, ihre Sichtweise darlegen und eben einfach Informationen über sich anbieten wesentlich angenehmer als Menschen, denen ich die Würmer erst aus der Nase ziehen muss, wenn ich wissen will, wie sie ticken, was sie denken und was sie schon so erlebt haben.
    Egozentrisch finde ich das überhaupt nicht, egozentrisch wäre es erst, wenn man im Gegenzug nicht bereit wäre zuzuhören, wenn der andere etwas über sich erzählt.
    Sich vorzunehmen, neue Gruppen zu schaffen, mit denen man etwas unternehmen möchte, finde ich (aus meiner Sicht) schon ein mutiges Vorhaben, liegt aber vielleicht auch daran, dass ich es auf Dauer stets sehr kompliziert fand, Teil einer Gruppe zu sein und damit auch der manchmal recht eigenwilligen Gruppendynamik ausgesetzt zu sein, mit der man sich dann halt zurechtfinden muss.
    Die Idee, also das Grundvorhaben, überhaupt etwas unternehmen zu wollen und die Organisation dann selber anzustoßen und so auch neue Gruppen zu finden/zu bilden finde ich grundsätzlich toll, bei mir scheitert es dann meist schon daran, dass ich ein permanentes „Zeit-Organsisations-Problem“ habe und Aktivitäten in einer Gruppe meist feste Uhrzeiten bedeuten und das kann bei mir leicht zu Stress führen. Aber das ist ganz sicher nur mein persönliches Drama, ich nehme mir zwar seit über zehn Jahren regelmäßig vor, daran zu arbeiten, ich fürchte jedoch, ich bin ein hoffnungsloser Fall.
    Jetzt wird meine Antwort etwas unstrukturiert, weil ich mir deinen Beitrag noch mal durchgelesen habe und unbedingt noch etwas zu den ersten beiden Sätzen sagen möchte:
    Viele Menschen beraten andere, als sei das, was sie wissen, denken und für richtig halten, von allgemeiner Gültigkeit und Relevanz. Dass diese Ratschläge tatsächlich solch weitreichende Gültigkeit und Relevanz besitzen, billige ich durchaus einigen Experten zu, aber oft genug kommen die vehementesten, am nachdrücklichsten als kompakte Weisheit deklarierten Ratschläge von Menschen, die die Ansicht eines Experten und ihre eigene Erfahrung zusammenlegen.
    Über diese Sätze musste ich grinsen, weil sie so wahr sind.
    Ich bin ja von Beruf tatsächlich „Berater“ (Steuerberater), insofern ist es sogar mein Beruf, bestimmte Dinge besser zu wissen als andere, wüsste ich das nicht, habe ich entweder die falschen Mandanten oder meinen Beruf komplett verfehlt. Was ich im privaten Umfeld aber regelmäßig sehr spaßig finde, ist, zuzuhören, wie andere Leute, die nur „Hobbyberater“ sind, großspurig ihr Wissen verteilen und so tun, als hätten sie die gesamte Steuerverwaltung fest im Griff und wüssten haargenau, wie der Hase läuft und mit welchen Tricks man sich eine goldene Nase verdient.
    Wenn ich mir vorstelle, dass ich bei einem Thema, von dem ich vergleichsweise so wenig Ahnung habe, wie diese Stammtischsteuerrechtler von meinem Fachgebiet, wenn ich da also auch so eine Welle machen würde und das bekäme jemand mit, der wirklich Ahnung hat und sich dann innerlich über mich totlacht – nun, das wäre mir so peinlich, dass ich es schon deshalb freiwillig nie tun würde.
    Aber auch Menschen, die irgendein Fachgebiet studiert haben, müssen deshalb nicht automatisch Experten sein, ich denke hier grade an Lehrer…..
    Ich finde deshalb Ratschläge à la „Bei mir hat das und das geholfen“ oder „Bei mir was das so und so“ aber auch vorsichtige Vorschläge wie „Hast du mal das und das probiert?“ sehr angenehm, bei allen anderen Vorschriftsratschlägen reagiere ich dagegen grundsätzlich und spontan komplett bockig, zucke die Schultern und gehe weg.

    1. Hui … danke für diesen Kommentar! Da steckt viel drin, bei dem ich das große Nicken bekommen habe.

      Bezüglich des Fachwissens und des Selbstvertrauens würde ich den Dunning-Kruger-Effekt anführen – davon gibt es auch viele lustige graphische Bearbeitungen in Form einer Competence-Confidence-Curve. Dazu muss ich unbedingt mal was schreiben …

      Der Egozentrik-Vorwurf in diesem und anderen Feldern hat damals sehr an mir genagt, da ich den Eindruck hatte, sehr wohl zuzuhören, wenn da was kam – aber oft kam halt einfach nichts, und das füllte ich dann … weil ich zu dem Thema noch etwas zu sagen hatte. Und dann kam die Watsche!

      Bezüglich des Organisierens einer Gruppe – das habe ich schon mehrfach hinter mir, Enttäuschungen und Wundern bis Ärgern über die Dynamik inbegriffen. Feste Termine sind für mich Komponenten, meinen Alltag zu ordnen – insbesondere das, was aus der Arbeits-Organisations-Schiene nicht wichtig ist, fällt so leicht unter den Tisch. Deswegen habe ich gerne meine regelmäßigen Termine, zu denen ich etwas mit anderen zusammen mache. Dass jemand, der ein paar Mal dabei war, gleich versucht, das Ganze thematisch zu kapern oder andere ausschließen will, kenne ich auch. Immerhin läuft meine „längste Gruppe“ seit über elf Jahren, hat sich dabei auch ordentlich verändert und auch den einen oder anderen ohne Gründe des Wegziehens oder dergleichen hinter sich gelassen … das schreckt mich nicht ab. Manchmal bin ich dann furchtbar genervt von manchen Dingen (äh. Leuten), aber im großen Mittel lohnt es sich doch für mich eher, was anzufangen, zu formen und dann zu erhalten. Ich bin zwar „anders gesellig“, aber durchaus ein geselliger Mensch.

      Nun nehme ich mir seit Deiner Antwort beim Schreibmanblog vor, mal in Dein Blog zu sehen, aber irgendwie – naja, kommt noch. Hoffe ich.

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