„Damit es keinen trifft, den wir mögen…“

Wie immer fällt einem das Beste ein, wenn man den Beitrag schon geschrieben hat. Das ist ja meistens so.

Konkret meine ich den Beitrag Miteinander Umgehen vom gestrigen Tage, der sich mit meinem Umgang mit Konflikten innerhalb der Community meines privaten Minecraft-Servers beschäftigt. Den ein oder anderen Gedanken habe ich schonmal da rein investiert, zum Beispiel zur goldenen Regel und dem kategorischen Imperativ. Nun habe ich ja schon ein wenig Zeit damit verbracht, mich mit Regeln zu befassen – als Strahlenschutzbeauftragte im Job, bei der Betreuung von Studenten im Job, beim Organisieren meines DVD-Abends „Trek Monday“ und bei der Mitgliedschaft in Gilden-Leitungen oder zumindest als Gilden-Offizierin in verschiedenen Online-Spielen.

Wo immer man hinschaut, bei kleineren Gemeinschaften, die langsam wachsen, funktioniert vieles automatisch. Man muss keine Regeln aufstellen, weil sich alle mehr oder minder an einen Kodex halten, der nicht niedergeschrieben ist. Oder es gibt einen Kodex und innerhalb dessen werden Aufgaben, Rechte und Pflichten frei interpretiert, im Konsens. Dann geht irgendeinem wegen irgendwas die Hutschnur hoch, die Gruppe vergrößert sich stark oder es ist einfach nur die Sache, dass etwas nur Bestand haben kann, wenn es sich verändert. So wie bei obigem Anlass auf dem Minecraft-Server ergeben sich aus Veränderungen auch Anzweiflungen der ungeschriebenen Gesetze oder der ungeschriebenen Auslegungen geschriebener Regelwerke. In diesem Moment kann das Chaos beginnen – oder der Anpassungsprozess. Wichtig finde ich in solchen Situationen, dass man fair bleibt. Dieses fair bleiben ist nicht immer einfach, denn niemand verändert sich gerne, niemand passt sich gerne an neue Regeln an. Daraus erwachsen Arbeit an sich selbst und den Prozessen – und Unsicherheit, ob alles richtig läuft. In diesem Kontext sehe ich gerne das empörte: „Natürlich machen wir das so! Wir haben das immer so gemacht!“ Es ist eine Kurzschlusshandlung, die sich gegen die Unsicherheit einer meist nötigen Veränderung stemmt.

In einer meiner Zeiten in einer Gildenleitung habe ich aber auch schon etwas anderes erlebt. Ich bin mir nicht mehr sicher, um was es ging. Wobei, beim Schreiben kommt es langsam, aber im Interesse des Schutzes aller Beteiligten werde ich einfach mal unterlassen, es zu spezifizieren. Kurz und gut, es ergab sich eine Veränderung, neue Leute waren da, deren Verhalten war Alteingesessenen nicht recht. Verwarnungen sollten ausgesprochen werden, Leute rausgeworfen, Regeln aufgestellt, keine neuen aufgenommen werden – wie auch immer. Von allem ein bisschen. Im vorliegenden Falle ergab sich aber (von mir und anderen bemerkt) der Umstand, dass das, was die Initiatoren der neuen Regeln an den neuen Leuten störte, etwas war, das auch andere taten. An den Alteingesessenen wurde es toleriert, an Neuen nicht. Das ist unfair, das widerspricht dem kategorischen Imperativ und es ist auch nur ganz, ganz schwer mit der goldenen Regel in Einklang zu bringen. In jenem Fall, an den ich mich hier erinnere, fiel die Forderung, man müsse die neuen Regeln so gestalten, „dass es niemanden trifft, den wir mögen.“

BÄM! Das ist ein ganz schöner Hammer, nicht? Man gestaltet die Regeln nicht so, dass sie sich gegen toxisches oder unerwünschtes Verhalten richten, sondern dass sie sich gegen eine subjektiv ausgewählte Personengruppe richten! Aus dem Reflex heraus handelt man oft so. Aber es ist zutiefst unlauter, Regeln nicht nach dem Grad des Problematischseins eines Verhaltens auszurichten, sondern nach der Personengruppe, die es betrifft.

Und ganz genau das möchte ich nicht tun. Ich möchte mir selbst auf die Finger schauen, dass ich nicht aus Reflex, nicht unbewusst und mal erst recht nicht bewusst Regeln schaffe, die Personen nur auf der Basis von Sympathie oder Antipathie ausschließen oder stigmatisieren. Wenn ich auf der Basis von Sympathie oder Antipathie eine Gruppe wähle, dann sollte ich dazu stehen. „Passt meiner Meinung nach nicht.“ ist sicher nicht ganz das treffende, aber immer noch näher als zu analysieren: „Der, der und die da drüben, die sind’s, die wir nicht mögen. Was machen die, was die Leute, die wir mögen, nicht machen?“ – und daraus dann eine Regel konstruieren.

An dieser Stelle kann man den ganz großen Bogen zur Politik und Gesellschaft schlagen. Muss man aber nicht. Man kann an dieser Stelle auch sagen: „Wo nun das Problem mit Fehlverhalten in Sachen des Tons aufgekommen ist, wird die Konsequenz von Fehlverhalten jeden auf dem Minecraft-Server treffen, der sich fehlverhält. Egal, ob er oder sie neu ist oder zum Stamm der Serverpopulation gehört.“ Dazu passt auch, dass ich nach der allgemein sichtbaren Verkündung, dass höflicher Ton und gegenseitige Rücksichtnahme vorausgesetzt würden, eine Debatte entstand, in der ich den Eindruck einer Rechtfertigung hatte. Jemand sah sich in einer schwachen Position und fürchtete sich, argumentierte, warum er nicht schuld sei. Dabei hatte ich keine Namen genannt. Ich hatte nur – anlassbezogen – Regeln, eigentlich nur Empfehlungen aufgestellt, die für alle gelten sollen.

Ich selbst werde mich hüten, Einstufung und Ahnung von Fehlverhalten nach Sympathie oder Intensität der Bekanntschaft zu staffeln. Das ist anfechtbar und unfair. Offenbar liegt’s aber nahe, ein solches Willkür-Verhalten zu unterstellen … oder vielleicht triggert man mit Regel und der Möglichkeit von Kontrolle auch das Schuldbewusstsein … auf der Autobahn hat man vor jeder fest installierten Geschwindigkeitskontrolle den Beweis, dass die Androhung von Kontrolle schon Schuldbewusstsein triggert, selbst wenn die Kontrolle weder durchgeführt noch erkanntes Fehlverhalten tatsächlich mit Konsequenzen belegt wird.

2 Kommentare zu „„Damit es keinen trifft, den wir mögen…“

  1. Also ganz ehrlich, mit dem Eintrag kann ich leider nichts anfangen. Ist ja auch nicht schlimm. Wenn man alles weg-anonymisiert bleibt halt manchmal nicht mehr viel übrig.

    1. Vielleicht hätte ich eine Geschichte draus machen sollen und die real Beteiligten durch ähnliche, fiktionale Charaktere ersetzen. Habe ich aber nicht – vielleicht beim nächsten Mal 🙂

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