Bleibt alles anders

Viele von uns denken gerne an Dinge zurück, die früher waren, wollen sie eigentlich erhalten. Es ist eine vermeintlich heile Zeit. Doch die Zustände zu konservieren, indem man alles gleich hält, wird nicht funktionieren. Es hat nicht funktioniert, funktioniert nicht und wird nicht funktionieren. Warum eigentlich nicht?

Tja. Die Welt verändert sich. Die Technik, die Menschen. Nicht zuletzt wir selbst und unser Blick auf die Welt sind nicht konstant. Unsere Ansichten wandeln sich, Dinge, die uns begeistert haben, werden uns langweilig. Ich habe in einem Buch mal gelesen, mit vielen großartigen, lang erwarteten Dingen sei es wie mit Weihnachtsgeschenken: Am Heiligen Abend oder Weihnachtstag sind sie großartig, machen sprachlos vor Staunen. Noch an Silvester werden die Besseren herumgezeigt, spätestens am Dreikönigstag sind sie alltäglich und es geht weiter mit Wünschen. Das ist vielleicht eine sehr negative Betrachtungsweise – aber es läuft darauf hinaus: aus Geliebtem wird Gewohnheit, aus nicht behebbar Ungeliebtem ebenfalls. Es nimmt uns nicht mehr so sehr ein, es ist Platz für Neues, das man sich wünschen, herbeisehnen oder bekämpfen kann. Um den Bogen nach „draußen“ wieder zu schlagen: Freunde ziehen um, finden weitere Freunde, sind beruflich beschäftigter. Neue Technik erlaubt neue Kommunikation, zum Beispiel.

Konservativ ist ein schönes Wort. Es klingt nach Beständigkeit, nach „muss mich an nichts Neues gewöhnen“. Für diese Beständigkeit brauchen wir aber ein beständiges Verändern, um gewisse Dinge gleich zu halten – wir können wählen, was wir erhalten wollen, und die Veränderung danach orientieren, aber den Zustand von vor einem Jahr, drei Jahren, zehn Jahren, fünfzig Jahren bekommen wir nicht in allen seinen Aspekten erhalten, weder im Großen noch im Kleinen. Das liegt daran, dass sich die Rahmenbedingungen verändern, aber auch daran, dass wir gewisser Dinge überdrüssig werden und zwangsläufig auch als gut erlebte Zeiten ungerechtfertigt verklären. Wir vergessen gerne, dass wir um acht ins Bett mussten und wie sehr wir es hassten, wenn wir unsere Kindheit verklären – als ganz einfaches Beispiel.

Wie komme ich nun darauf?

Das ist ein weites Feld. Sehr viele Menschen sehnen sich nach einfacheren Zeiten zurück, in denen es weniger komplex war zu leben. Heute verteufeln wir deswegen das Smartphone, beklagen die Fremden und den Terrorismus und den ganzen Krieg auf der Welt. Dass früher mehr Terrorismus herrschte, mehr Krieg, sich Verabreden viel komplizierter war – das sehen wir nicht. Es waren ja einfachere Zeiten, weil wir die Komplexitätsprobleme nicht hatten, die wir heute haben, nicht all das Leid so leicht sehen konnten wie heute. Weil ein Mensch mit psychischen Problemen, der in eine Menschenmenge fuhr, sofern er nicht in der Tagesschau genannt wurde, höchstens lokal für Angst sorgte, nicht bundesweit. Aber diese Brücke habe ich nur aufgrund eines Beitrages auf Seppolog zu den tragischen Ereignissen in Münster und der Reaktion einer Politikerin darauf geschlagen.

Konkret – und wesentlich positiver konnotiert – kam mir die Erkenntnis gestern Abend. Kopfschmerzgeplagt saß ich zwischen meinen Trek-Monday-Leuten auf meinem Sofa. Ich hatte nicht absagen wollen, es ging mir zwar mies, aber konzentrieren musste ich mich ja nicht und ich wollte nicht vor den Schmerzen kapitulieren, nicht auf das Treffen mit meinen Freunden verzichten. Also saßen acht Leute plus mein Mann um mich herum.  Für einen montagabendlichen DVD-Abend sind das viele. Tatsächlich führt mein Mann seit geraumer Zeit eine Tabelle, wie viele wir sind – nicht von Anfang an, aber eben doch schon eine Weile. In der Zeit waren’s einmal neun Leute, dreimal acht – plus das vierte Mal acht Leute gestern. Dabei fiel mir dann auf: Der Trek Monday, mein regelmäßiger SciFi-DVD-Abend hat über bald 11 Jahre hinweg zweimal seinen Tag (also ist es noch nicht immer der „Trek Monday“) und dreimal die Location gewechselt. Von den ursprünglichen Leuten aus den ersten paar Monaten sind noch zwei Leute dabei – mein Mann und ich. Auch über die Jahre hat sich die „Crew“ des Trek Monday immer wieder verändert, genau wie die Serien, die wir schauten. Hätten nicht einige Teilnehmer immer wieder neue Teilnehmer angeschleppt, hätten wir uns nicht mit Babylon 5, Space Rangers: Fort Hope, Space: Above and Beyond, Firefly und nun Dr. Who über das ursprünglich reine Star Trek hinaus entwickelt, ich glaube nicht, dass es den Trek Monday heute noch gäbe.

Und so bleibt am Ende die Erkenntnis:

Man kann Schönes, Richtiges, Gutes, Geliebtes erhalten. Aber egal, ob es eine Partnerschaft, ein DVD-Abend, eine Freundschaft, ein Staat oder eine Gesellschaft ist, der Erhalt des Status Quo in einer Hinsicht erfordert Veränderung in anderer Hinsicht. 

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