Radikale Maßnahmen?

Den (vorhandenen) aktuellen Anlass für einen Post dieser Thematik werde ich Euch nicht auseinandersetzen, zumal es sich dabei nicht um mein eigenes Problem dreht. Mir kommt nur zur Zeit ein allgemeines Problem bei der Lösung von problematischen Situationen wieder recht deutlich zu Bewusstsein.

Grundsätzlich gibt es im Leben eine ganze Reihe verschiedener Kategorien von Problemen. Kleine Probleme mit klaren Lösungen gibt’s zwar recht häufig, aber um die soll es hier nicht gehen. Das Leben ist sehr komplex und oft spielen ganz verschiedene Aspekte zusammen, die aus einer Menge kleiner Reibereien und Probleme, die allein lässig gelöst oder ertragen werden könnten, einen riesigen Knoten machen. Ganz konkret möchte ich meine Situation anführen: Sechs Jahre lang pendelte ich nach Stuttgart, fast 90 Kilometer eine Strecke, über eine zunehmend dauerverstopfte Autobahn. Dabei lag mein Lebensmittelpunkt weiterhin nahe Karlsruhe, die Arbeit meines Mannes nahe am Wohnort zwischen Karlsruhe und Rastatt. Dazu bin ich eine sehr auf soziale Interaktion gepolte Person, die rausgeht, Leute trifft, viele Leute kennen mag, während mein Mann ein ruhiger Typ ist, dem es eher zuwider ist, wenn zu viele Personen um ihn herum sind. Ganz langsam, schleichend, über ein paar andere Aspekte, die nicht so toll waren, schlichen sich immer mehr ungesunde Mechanismen in die Situation ein. Mein Mann veränderte sich im Unternehmen beruflich und wusste nicht, ob das gut oder schlecht war, ich laborierte zeitweise mit der Colitis ulcerosa herum, eine von mir gewollte Veränderung an anderer Stelle hing ein Jahr lang in der Luft und scheiterte dann. Aufgaben blieben zwangsläufig liegen und stauten sich an, zugleich wurde die Fahrt zur Arbeit nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv immer länger und unentspannter.

Natürlich entwickeln sich in so einer Situation Momente, in denen man den anderen an die Wand klatschen will – für etwas, das einem sonst ganz egal gewesen wäre. Momente, in denen man sich fragt, ob’s allein nicht besser ginge, ob man nicht die Zwänge des Zusammenlebens abschütteln will. Ich habe das nicht getan, und ich wollte es auch nie wirklich. Aber einfacher wär’s an manchen Stellen schon erschienen, entweder spontan die Pendelei ohne neue Option an den Nagel zu hängen oder von der Beziehung weg, zur Arbeit hin zu ziehen. Nur: Das hätte kurzfristig Momente gelöst, aber neue Probleme geschaffen. Ich habe nicht ohne Grund damals meinen Mann geheiratet und nicht ohne Grund mit einer gemeinsam gekauften Wohnung und mehr Bindungen geschaffen. Vor ungefähr zwei Jahren, so genau kann ich das gar nicht sagen, war recht deutlich zu merken, dass ich immer unzufriedener wurde. Oft äußert sich das bei mir in Laune – und Musik. Ein Freund und mein Mann, mit denen ich regelmäßig Mittwochs am PC spiele, waren geschockt von meiner negativen Reaktion auf ein neues Spiel, das wir ausprobierten. Ich reagierte zwischen resigniert und sauer, wollte aber unbedingt dran bleiben. Ich bin noch immer der Ansicht, dass meine Reaktion überinterpretiert wurde, aber die beiden kennen mich schon lange – und nicht nur durch Spiele, sondern auch in vieler anderer Hinsicht sehr gut. Wenn sie eine „schockierende“ Reaktion sehen, dann ist das eine Warnung. Es gab noch mehr. In meinem Kopf vereinigten sich zudem an manchen Stellen Kleinigkeiten, die mein Mann tat (und die eigentlich gar nicht schlimm waren) zu einen vor-sich-hinsingen der Zeile „You know the bed feels warmer sleeping here alone“ aus Kelly Clarksons „Stronger“, weil ich vor lauter Druck das Schöne nicht mehr sehen konnte, all die wichtigen Dinge, die ich aus meiner Beziehung und meinen Freundschaften nehme.

Nun hätte ich aus diesen Momenten, die durchaus nicht wenige waren, einen radikalen Schnitt ableiten können. Zeitweise hätte das vielleicht sogar richtig gewirkt. Es klingt einfach, schafft aber neue Probleme. Meistens kommen solche Probleme aus sich selbst heraus und aus den anderen heraus. Meistens stauen sie sich eine Weile an und lassen sich nicht oder nur mit massivem Kollateralschaden auch auf sich selbst schnell und radikal lösen. Das angesammelte Problem aus vielen kleinen, lösbaren Komponenten, die zu einem verstopfenden, unentwirrbaren Knäuel werden, nimmt man mit sich mit, wenn man es wie den Gordischen Knoten durchschlägt. Die losen Enden verknotet man doch wieder und die Hälfte des Knotens bleibt so unlösbar wie zuvor, durch das nonchalante Wiederverknoten vielleicht sogar noch unlösbarer als der ganze Knoten zuvor.

Liebgewonnenes und für das persönliche Leben und das Umfeld Wertvolles zu erhalten, das man im radikalen Schnitt verlieren würde, kann man aber schaffen. Oft sind die zugrundeliegenden Probleme schwer zu lösen – die Anfangseuphorie nach dem radikalen Schnitt überdeckt sie nur, dann kommen sie wieder. Man sagt ja gerne, dass Menschen doch immer wieder bei demselben toxischen Typus Partner landen, wie oft sie sich auch trennen. Es geht auch nicht darum, den Partner zu ändern, sondern einen nicht toxischen Umgang mit dem Typus Mensch zu finden, mit dem man sich instinktiv gerne verbindet, mit der Art Arbeit, die man gerne und gut macht, und den Hobbies und Freunden, die einem wichtig sind. Das ist unendlich viel schwerer und langwieriger als der radikale Schnitt, aber es ist auch nachhaltiger. Ohne tiefgreifende Analyse und Veränderung des Weges, der in die verfahrene Situation geführt hat, ändert sich nämlich auch nach Trennung nichts. Man wiederholt dann nur. Das Problem an diesen langwierigen, nachhaltigen Veränderungen ist, dass nach Erkennen des Problems erst einmal das Entwerfen von Veränderungen ansteht. Danach kommt das Umsetzen dieser Veränderungen – und insbesondere sich selbst zu verändern ist schwierig und dauert. Nach der Aufbruchsstimmung des erkannten Problems folgt die Ernüchterung: Es dauert, eine adäquate, nicht so viel Pendeln erfordernde Arbeitsstelle zu finden. Es dauert, bequeme und liebgewonnene Schuldzuweisungsmechanismen für eigene Unzulänglichkeiten abzulegen. Oft dauert es sogar, aus der Analyse der Komponenten der komplex-katastrophalen Situation die richtigen Veränderungen abzuleiten, das geht teils in Irrwege, teils ist es schlicht zäh.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wenn eine Situation über lange Zeit und viele, langsam zusammenkommende Komponenten unerträglich geworden ist, braucht’s eine langfristige Veränderung, die nachhaltig ist. Im ersten Moment mag ein radikaler Schnitt wie die Lösung erscheinen. Wenn der Schnitt Raum für diese Veränderung gibt und man mit dem Verlust all der schönen und wichtigen Dinge leben kann, die einen nicht viel früher abhauen haben lassen, okay. Ansonsten ist es aber die Sache wert, durch das tiefe Tal, durch den Trog zu gehen und gemeinsam mit denen, die einen in das Tal begleitet haben, den anderen Hang wieder zu erklimmen.

Ist ein bisschen wie mit einer Diät oder einem Burnout. Wenn ich über Jahre, vielleicht Jahrzehnte in falscher Weise zu viel gegessen habe oder in toxischer Weise zu viel gearbeitet oder das zu sehr an mich herangelassen habe, wird das nicht mit zwei Monaten Diät oder Psychotherapie, neuen Klamotten oder einem neuen Job gelöst. Die Mechaniken sind weiter in uns drin. Sie werden uns wieder an den Punkt bringen, wenn die Euphorie und die Aufbruchstimmung des Schnitts vorbei sind. Zwei Monate lang nix essen und dann wieder Burger im Vorbeirennen und Berge von Schokolade am Schreibtisch lösen das Problem nicht. Mit Beziehungen, Familie, Arbeit und dem Konglomerat aus Sozialem und Lebenswandel ist es auch nicht anders.

Am Ende des Tages hat man aus der furchtbaren Situation und einem unendlich erscheinenden Tal Automatismen geschaffen, die einen oben halten, wo vorher welche waren, die einen runterzogen. Ich bin heute glücklicher, stärker und zugleich rücksichtsvoller, aber auch besser im Einfordern von Rücksicht als noch vor drei, vier Jahren. Auch das verdanke ich dem Willen zu bleiben und der Scheu vor dem Davonlaufen, die mich ZWANGEN, an mir und meinem Umfeld zu arbeiten. Vielleicht ist dieses Verändern dann doch die radikalere Maßnahme als das Davonlaufen oder Rauswerfen.

13 Kommentare zu „Radikale Maßnahmen?

  1. Klingt irgendwie dramatisch. Wenngleich ich auch rätselrate, was die tieferliegende Erkenntnis dabei ist. Vermute mal sowas wie „wenn man irgendwo weggeht, nimmt man sich immer selbst mit“. Oder auch „change the Running System if it Burn you out“. Oder so. Du scheinst jedenfalls nicht an Prokastination zu leiden 😉. Klingt aber auch irgendwie nach fast verarbeiteter Frustration über Beruf, Beziehung und Gesundheit. Hmmm. Da bleibt mir nur ein schönes Wochenende zu wünschen…

    1. Die tieferliegende Erkenntnis ist tatsächlich, dass man eine Großteil seiner Probleme mitnimmt, wenn man davonläuft. Manchmal ist das weglaufen absolut nötig, aber oft muss man auch einfach an sich und anderen arbeiten, weil die Mechanismen, an denen es liegt, in einem selbst oder dem Typus von Leuten, mit denen man sich umgibt, eigentümlich sind.

      Und: Nein. So dramatisch ist es nicht. Das ist es selten, man empfindet es nur manchmal so.

      1. „Eigentümlich“ ist ein nettes Wort 😉🙈. Ist ja alles nur subjektiv. Aber schön, dass du so pragmatisch denkst. Anderswo ist anders, aber oft nicht besser. Sagt mir so meine Erfahrung. Trotzdem fühle ich mich nicht als Spießer ( könnte man ja von außen denken ), ich bin einfach nur „limitiert“. Aber ab und zu denke ich auch, man müsste mal raus aus dem persönlichen Käfig. Aber dann steht man plötzlich in der freien Wildbahn und fühlt sich auch nicht so richtig wohl. Da hast du grundsätzlich schon die richtige Einstellung. Aber was würdest du denn anders machen/haben wollen, wenn es ginge ?

        1. Ausbrechen, wieder wie Mitte 20 im Studium leben, jeden Freitag und Samstag in die Gothic-Disco, mal wieder hemmungslos mit dem Feuer spielen, auch in Sachen Flirt und mehr … weniger Abende fest verplant, nehmen, nicht geben. Das hätte schon was, die wilden Zeiten aufleben zu lassen. Andererseits weiß ich, wie einsam und verzweifelt ich damals manchmal war, wenn ich nach Hause kam. Es ist schon so in Ordnung, wie es ist – mit vielen Dingen geregelt. Mir hat in letzter Zeit sehr geholfen, die bei meinem festen Zeitplan durch spontane Eingebungen, besondere Events oder unvermeidliche Abweichungen entstehenden Reibereien lockerer zu nehmen. Denn eigentlich schätze ich die Regelmäßigkeit und meine feste Partnerschaft, dann kommt’s wenigstens zustande, was man machen will.

          Ich weiß nicht, ob das Deine Frage nun beantwortet 😉

        2. Tut es. Ich dachte, ich könnte dir ein bisschen gute Laune verpassen, aber erstens bin ich kein Fan von pseudoklugen Sinnsprüchen und zweitens bin ich da dann auch plötzlich recht ideenlos. Aber macht nix, man ließt sich ja wahrscheinlich trotzdem. Aber du könntest dir für nächste Woche ja mal irgendwas verrücktes vornehmen – das bringt gute Laune, auch wenn’s erst mal Überwindung kostet. Zumindest bei mir.

        3. Keine Sorge. Gerade ist erstmal Fasching. Da bin ich alleine unterwegs. Mein Mann mag Fasching nicht. Mit meinen Hexen heute auf dem Umzug war’s klasse. Morgen gehe ich nochmal auf einen Umzug.

          Das E-tropolis-Festival steht auch schon lange auf dem Plan, dazu überlege ich, in zwei Wochen direkt vom Teezeremonie-Unterricht zu einer Electro-Party zu fahren … letzteres kam, weil ich Deinen Kommentar gelesen habe. Die anderen Sachen sind von langer Hand geplant 🙂

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