Wer bin ich? Ich bin Vaiana

Wie schon im Titel genannt, geht es in diesem Beitrag und den Disney-Film „Vaiana“, im amerikanischen Englisch „Moana“. Da ich die englische Version für Europa gesehen habe und auch den Soundtrack zu dieser Version am laufenden Band höre, kommt in meinen Zitaten des englischen Texts auch der Name „Vaiana“ für die Hauptfigur vor – das ist auch im englischen Soundtrack für den europäischen Markt so.

Wie kam ich eigentlich zu Vaiana? Vor nicht allzu langer Zeit war das gar nicht so selbstverständlich, dass ich Disney-Filme von nach 1995 auch wirklich angesehen habe. „Tangled“, also „Rapunzel: Neu verföhnt!“ war der erste, mit dem ich wieder eingestiegen bin. Dann war da natürlich das Remake in Realfim von „Beauty and the Beast“, der damals in Zeichentrick mein allerliebster Disney-Film war und nun als Realverfilmung bleibt. Dass ich neben Tangled und Beauty and the Beast nun auch noch Frozen und Vaiana kennengelernt habe, ist einer Freundin zu verdanken, deren heute 10- und 14-jährige Töchter natürlich dafür sorgen, dass die Mama auch den ein oder anderen Disney-Film kennenlernen würde, wenn sie nicht selbst wollte – aber sie will. Zum Thema „Vaiana“ sagte sie zu mir: „Den musst du sehen. Der ist so unheimlich etwas für dich! Die Lieder erinnern mich so an dich!“

Was soll ich sagen: Sie hatte recht. Wie so oft – aber das ist eine andere Baustelle. Wer ist nun Vaiana? Vaiana ist die Tochter des Dorfhäuptlings, die vom Meer angezogen wird und deren Schicksal es ist, eine Großtat auf dem Meer zu vollbringen. Mehr möchte ich gar nicht spoilern. Für mich so bedeutend ist, wie Vaiana sich fühlt und welche Entwicklung sie über den Film durchmacht. Das ungeschickte Huhn, das lustige Schwein Pua und der Halbgott Maui, der mit seinem Haken in das Abenteuer eingreift, sind für mich nur Statisten.

Am Anfang steht da Vaiana, die ihren Vater, den Dorfhäuptling beerben soll. Doch immer wieder zieht es sie zum Wasser, benennen kann sie es aber nicht. Es ist diese Linie zwischen dem Meer und dem Himmel, der Horizont, der Vaiana ruft. Sie weiß nicht, wieso. Sie möchte die Rolle erfüllen, die das Dorf für sie bereithält, die man von ihr erwartet. Sie möchte das sein, was die anderen wollen, dass sie es ist, was die anderen brauchen – einen neuen Häuptling, wenn Vaianas Vater sich zur Ruhe setzt.

https://www.youtube-nocookie.com/watch?v=cPAbx5kgCJo

Ein für mich ganz wichtiger Schlüsselmoment ist diese Sequenz, in der mitten in dem Willen, die vorgesehene Rolle zu erfüllen, sich die Sehnsucht einschleicht.

But the voice inside
Sings a different song

What is wrong with me?

Was habe ich mich das schon gefragt! Ich war immer ein ruhiges Kind, ich hatte viel Vorstellungskraft, lebte teils in meiner Phantasie. Dann waren da Dinge, die an mir anders waren, aber benennen konnte ich sie lange nicht. Erst später wurde mir klar, dass ich vielleicht meine Rolle neu interpretieren müsse, nicht in der vorgezeichneten Weise hineinleben müsse.

Dann kommt der Aufbruch. Natürlich geht Vaiana doch auf ihre Heldenreise – hey, es ist ein Disney-Film und wenn das ein Spoiler wäre … Der Wunsch nach dem Aufbruch, die Sehnsucht nach dem unbestimmten Anderen, aber auch das Wissen, dass da mehr ist als nur etwas „Falsches“ in Vaiana, hier über die Rolle der Ahnen in der Gesellschaft und über die Lebensart der Ahnen, begleiten sie und geben ihr Halt. Sie verlässt dabei ihre Insel, ihr Dorf und bricht mit der Rolle. Auch das kenne ich sehr gut …

https://www.youtube-nocookie.com/watch?v=keGr19WWwoA

Und natürlich kommt sie, die Krise. Draußen auf dem Meer, am Rand des Scheiterns. Doch da ist der Geist der Mentorin – in meinem Fall war’s oft der Mentor, mein Großvater. Bei Vaiana/Moana ist es Tala, die Großmutter, deren musikalisches Thema mit „The Village’s Strangelady“ überschrieben ist. Rachel House singt sie – auch den Geist der Großmutter, der Vaiana hier in ihrer dunkelsten Stunde begegnet. An dieser Stelle kommt dann alles zusammen: Tala stellt Vaiana die Frage: „Vaiana, do you know who you are?“ Die verunsicherte Vaiana antwortet mit der Wiederholung der Frage: „Who am I?“ An dieser Stelle spüre ich all das, was ich – wie eben Vaiana – an Weg gegangen bin. Bereits bei der Wiederholung des immer wiederkehrenden „It calls me!“ ist die Gänsehaut fast unerträglich.

I’m a girl who loves my island
And a girl who loves the sea
It CALLS me!

Wie soll ich sagen? An dieser Stelle wird es klar. Ich muss mich nicht zwischen dem vorgezeichneten Weg und dem, was mich ruft, entscheiden. Es kommt zusammen, es sind nicht zwei Wege, es ist die Herausforderung, sie zu einem zu verweben. Ich könnte auch zu dem weiteren, zu jeder Zeile, so viel schreiben. Doch das wird zu viel. Wichtig ist noch der Moment, in dem Vaiana feststellt, dass der Ruf, der „Call“ in ihr ist, nicht von außen kommt. Hey, der Ruf, dieses Gefühl, dass da was nicht stimmt oder besser, dass da mehr ist, der ist gar nicht von außen, nicht falsch. Er gehört zu mir. Er ist in mir!

https://www.youtube-nocookie.com/watch?v=PicBPFZFpKU

Es ist selten, dass ich es so herausschreien kann, wie Vaiana das am Ende ihrer Lyrics in diesem Lied tut. Aber das ist der Moment, in dem wirklich alles zusammenkommt – so intensiv, dass es außer im Moment der Erkenntnis selbst immer unglaublich peinlich ist. Unglaublich heftig, so dass es zu groß ist für die Welt und deswegen alles wegwischt. Dass das, was man über sich lernt, über die Synthese aus dem, was die anderen erwarten und man erfüllen kann und dem, was man ist und niemals verleugnen kann, plötzlich alles ausfüllt. Das ist dieser „I am Vaiana!“-Moment, in dem alles klar wird und in dem aus all den Fragmenten ein Ganzes wird.

Pathos? Vielleicht. Aber da bin ich bei Vaiana. Da BIN ich Vaiana. Wenn aus all den Bruchstücken, aus all dem, was man für andere ist, was in einem selbst unverleugbar ist, aus all den Scherben, plötzlich ein Mosaik findet, in dem alles zueinander passt. In dem kein Widerspruch mehr ist – und das SCHÖN ist. Das ist … die Selbstwerdung, die ich erlebt habe, immer wieder erlebe. Mein Vaiana-Moment.

3 Kommentare zu „Wer bin ich? Ich bin Vaiana

  1. Hab das Buch dieses Jahr meiner 1. Klasse vorgelesen. Ohne solche Querdenker, die an sich und ihre Ziele glauben, wären wir noch in der Steinzeit. Klar, es gehört immer eine Portion Egoismus dazu, sich über andere und ihre Meinungen hinwegzusetzen. Na und? Deswegen schlecht fühlen? Es ist mein Leben. Und am Ende verbessert man das Leben von Vielen, weil du den Weg für sie gegangen bist.

    1. Großartig! Es ist genau richtig, vor allem Kindern diese Botschaft zu vermitteln. Das sage ich als … Physikerin, Person mit überwundenem Identitätskonflikt und Mobbingopfer. Ich würde sagen, das qualifiziert mich an mancher Stelle durchaus, zu sagen, dass ich weiß, wovon ich rede. Deswegen berührt mich auch Vaiana so sehr. Und deswegen finde ich Deine Aktion so großartig!

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