Guten Lauf gehabt?

Ungefähr das ist es, was mein Mann mich immer fragt, wenn ich von einer Trainingseinheit zurückkomme, wenn er nicht gerade dabei war. Er interessiert sich wirklich dafür und bekommt meistens auch kein „Ja!“ oder „Nein!“, sondern die detaillierte Version: Wie schnell lief es, wie fühlte es sich an, wie weit bin ich gelaufen, gab es besondere Ereignisse … und warum bin ich gegebenenfalls so langsam/so schnell gewesen.

Nun stelle ich mir gerade – ein wenig in Distanz gehend – die Frage: Was ist eigentlich ein guter Lauf? Da ich in meinen Körper höre, in erster Linie der Colitis Ulcerosa wegen, folge ich keinem eigentlichen Trainingsplan. Klar, aus meinen Laufbüchern und dem Lesen an verschiedenen Stellen weiß ich durchaus, wie ein Trainingsplan für meine jeweiligen Ziele im Groben auszusehen hat. Aber der eigentliche Trainingsplan, an dem ich „Ziel erreicht = gut“ festmachen könnte, der ist nicht da. Klar, an manchen Tagen gehe ich raus und weiß: Jetzt kommt ein langer Lauf, den ich auch in meinem groben Raster brauche, und wenn der sich gut anfühlt, ich ihn durchhalte, dann war der Lauf sicher gut.

Da tut sich ein Kriterium auf: Die volle geplante Strecke, vielleicht sogar eine spontane Modifikation zu einer etwas längeren Runde durchhalten und dabei nicht langsamer, sondern über den Verlauf eher schneller werden. DAS ist dann sicher ein guter Lauf! Anhand dieses Beispiels kann ich auch den Unterschied zwischen zwei im August absolvierten 20km-Läufen festmachen: Beim einen lief es ganz gut, das Tempo war konstant, aber dann ging meinem Körper das Wasser aus und ich hatte damals noch keines dabei. Die letzten vier Kilometer waren nur Qual – es ging nicht weiter, ich fühlte mich unheimlich erhitzt, der Kopf begann zu schmerzen und trotz der ständigen Selbstmotivation „nur noch kurze Strecke, Du schaffst das“ wurde ich immer langsamer. Klar: ein schlechter Lauf. Dann, etwas später, lief ich 20 Sekunden auf den Kilometer schneller als beim letztgenannten Lauf auf den ersten 16 Kilometern, hatte Wasser dabei, fühlte mich danach pudelwohl – ein guter Lauf.

Nun kann man die Frage stellen: Der oben genannte schlechte Lauf zeigte mir, ich muss Wasser mitnehmen, wenn ich längere Strecken laufe. Lauf mit Lerneffekt – ein guter Lauf also.

Wie Ihr seht, ich tue mir schwer, ein richtig gutes Kriterium zu finden. Zudem war es in den letzten Wochen meist so, dass ich während meiner Läufe immer schneller wurde. Nach ungefähr zwei bis drei Kilometern begann die durchschnittliche Geschwindigkeit in Minuten pro Kilometer (auch als „Pace“ bekannt) konstant zu fallen – meist so um die zehn bis zwanzig Sekunden pro Kilometer pro zehn Kilometer – auch auf den Zwanzig-Kilometer-Läufen meiner Halbmarathon-Vorbereitung. Das fühlt sich gut an. Waren das nun alles gute Läufe? Gefühlt nicht jeder davon – wenn auch die meisten.

Am Ende lande ich – wie man sich das vielleicht schon denken konnte – eben doch wieder dabei, dass das Gefühl, das sich aus dem Lauferlebnis und der Gesamtheit der Eigenschaften des Laufs zusammensetzt, das einzige Kriterium für „gut“ oder „schlecht“ ist bei einem Lauf – zumindest für mich. Das ist manchmal recht eindeutig – zum Beispiel, wenn der Körper offenkundig zu wenig Wasser hat. Meistens ist es aber nicht eindeutig aus den harten Fakten des Laufs ablesbar, ob ich mich dabei gut fühlte – denn das erklärte und das gefühlte Ziel können auch noch voneinander abweichen. Eigentlich schade, ich hätte gerne ein messbares Kriterium gehabt, das ich aus den tabellierten, harten Fakten ableiten kann. Gibt es – zumindest bei mir – aber nicht. Aber vielleicht ist das auch gut so, weil ich damit gezwungen bin, auf meinen Körper und mein (schlaues!) Unterbewusstsein und Gefühlsleben zu hören.

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Über Talianna

Physikerin, Pendlerin, Läuferin, phantasievolle Geschichtenerzählerin inzwischen mit Durchhaltefähigkeit für ein ganzes Buch ... und gelegentlich einfach zu abgelenkte Person.
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