Viel Trinken

Ich erinnere mich an meine erste Zeit „im Internet“. Es war Anfang der 2000er oder auch „Nuller-Jahre“, ich lebte in meiner Studentenbude und hatte im Gegensatz zu „Zuhause“ bei meinen Eltern eine Verbindung zwischen meinem ISDN-Anschluss und meinem Rechner. Ich trieb mich in Rollenspiel-Chats herum und lernte dabei – über meine Kommilitonen hinaus – weitere neue Leute kennen. Ich erwähne das deswegen, weil mir damals und in Form einer dieser Personen erstmals ein bestimmtes Phänomen begegnete:

Eine – in diesem Falle weibliche – Person klagte über Schwindel und Kopfschmerzen. Als die Leute im Offtopic-Channel des Chats (also jenem, in dem kein Rollenspiel betrieben wurde) fragten, ob sie auch genug getrunken habe, klang in meinen Augen sogar ein gewisser Stolz aus ihrer Antwort: Sie habe an diesem Tag erst 250ml getrunken. Da war es bereits früher Abend! Ich habe in meiner Schulzeit nicht immer gesunde Dinge getrunken (meistens eher nicht), aber GENUG getrunken habe ich immer. Ich wusste, läge ich unter einer bestimmten Menge der Flüssigkeitszufuhr, hätte ich genau diese Symptome. Der Zusammenhang war der betreffenden Person nicht wirklich klar zu machen.

Als ich, etwas später, an einem heißen Abend mit Kopfschmerzen herumsaß und Wasser trank, frische Luft hereinließ, Wasser trank, eine Kleinigkeit aß und dabei auf Mineralstoffe achtete, Wasser trank, den Nacken streckte, Wasser trank … Ihr versteht das Muster, oder? – Jedenfalls wurde ich dann gewarnt, an zu viel Wasser sei schonmal jemand gestorben. Mittlerweile weiß ich, unter welchen Umständen das passierte: Die entsprechende Person schwitzte viel, betätigte sich sportlich und trank nur relativ mineralstoffarmes Wasser. Da fehlten dann natürlich Mineralstoffe. Insofern kann ich die Unkenrufe ob der damals getrunkenen acht Liter Wasser und des massiven Durchspülens an jenem Tag inzwischen lässig zurückweisen.

Ich gehöre auch heute noch zu den „Vieltrinkern“. Wenn ich meinem Körper zu wenig Flüssigkeit zuführe, merke ich recht schnell, dass ich unkonzentriert werde. Klar, man muss darauf achten, dass Natrium, Kalium, Magnesium, Calcium und wie sie alle heißen nicht zu viel ausgespült – oder eher: ausreichend nachgefüllt werden. Man rennt natürlich das eine oder andere Mal auf die Toilette, aber stellt dafür auch sicher, dass die Harnwege nicht nur ihrer Funktion als Wasserabfuhr, sondern auch als Reststoffabfuhr des Körpers gerecht werden können. Heute trinke ich aber ungern ganz pures Wasser – meistens kommt meine Flüssigkeitszufuhr in Form von Tees und Aufgussgetränken zustande: Morgens stehen vier Tassen verschiedenen Tees auf dem Frühstückstisch, von meinem Mann und mir liebevoll „die Batterie“ genannt. Das sind so ca. ein bis 1,2 Liter Flüssigkeit – Kamille ist oft dabei, auch Pfefferminz – verschiedenes Anderes auch, ich steh‘ inzwischen wieder ganz heftig auf Fenchel und einen Früchtetee mit schwarzer Johannisbeere. Auch Grüntee ist meist dabei, zumindest über den Tag hinweg. Auch auf der Arbeit bin ich mit drei Tassen Tee, wie Bierkrüge bei einer (schlechten, sind ja nur drei) Festzeltbedienung auf den Fingern aufgereiht, auf dem Weg von der Teeküche zum Büro ein vertrauter Anblick, der gelegentlich auch bespöttelt wird. Meist komme ich auf drei bis fünf Liter Flüssigkeit pro Tag. Zwei oder drei Tässchen Espresso sind auch dabei, meist eher aus Genuss als zum Wachbleiben. Denn trinke ich Espresso und zu wenig Flüssigkeit dazu, werde ich auf noch viel unangenehmere Weise müde als ganz ohne den Kaffee.

Als ich vor einiger Zeit bei einer Ärztin vom Fach (also einer Urologin) einen Termin hatte, fragte ich – damals noch ein bisschen verunsichert von allen möglichen Unkenrufen – ob man zu viel trinken könne. Sie erklärte, dass bei hinreichender Mineralstoffzufuhr „zu viel trinken“ für die meisten Menschen schlichtweg logistisch auf der Basis ihrer Tätigkeiten nicht möglich wäre. Natürlich gäbe es extreme Szenarien, mit viel Wasser, arm an gelösten Stoffen, und sonst nichts – oder nur Essen, das wenig gelöste Salze enthielte, aber das seien wirkliche Extremfälle. Mit meinen drei bis fünf Litern pro Tag war sie glücklich, weniger ginge auch, aber wenn ich mich damit wohl fühle, solle ich das machen, denn ein „Zuviel“ sei das bei weitem nicht.

So halte ich das nun auch. Gerade, während ich diesen Beitrag tippe, sitze ich beim Frühstück. Das Schälchen mit Haferkleien, Heidelbeeren und Magerquark ist schon leer, die zweite Hälfte der „Batterie“, also der vier Pötte Tee, ist noch in Arbeit. Mein Körper mag’s. Nicht alle Kopfschmerzen und nicht alle Probleme kommen vom zu wenig Trinken – ich kann also natürlich, wie jeder andere auch, nicht jedes Problemchen mit erhöhter Wasserzufuhr lösen. Wenn ich aber zu wenig trinke, kann ich drauf warten, dass mir der Kopf wehtut. Das kommt so sicher wie das berühmte „Amen in der Kirche“ in der berüchtigten Redensart. Und so behalte ich das viele Trinken bei und genieße, was es mit mir macht. Über Unkenrufer, Spötter und Bedenkenträger kann ich mittlerweile nur grinsen, manchmal kokettiere ich auch mit dem Spott – und ändere natürlich dennoch nichts.

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Über Talianna

Physikerin, Pendlerin, Läuferin, phantasievolle Geschichtenerzählerin inzwischen mit Durchhaltefähigkeit für ein ganzes Buch ... und gelegentlich einfach zu abgelenkte Person.
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3 Antworten zu Viel Trinken

  1. Ist ein Muss besonders bei warmen Wetter… Meine drei bis vier Liter trinke ich locker… Ich liebe wasser… Es ist für flüssiges Sauerstoff xD

    • Talianna schreibt:

      Eben genau! Wasserzufuhr ist absolut wichtig.

      Und wir haben den Luxus, dass wir Zugriff auf sauberes, kostenloses, nach Hause und an den Arbeitsplatz geliefertes Trinkwasser haben, das hohen Ansprüchen genügt. Das sollten wir nutzen und unsere Körper nicht künstlich trocken halten.

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