Die „Neutronenbändigerin“

Ich habe bisher wenig über meine Arbeitsstätte an der Universität Stuttgart geschrieben, sondern viel mehr über das Pendeln, meine Hobbies und dergleichen mehr. Dabei möchte ich es eigentlich auch belassen – das hier ist und bleibt mein privates Blog. Vor kurzem aber wurde ich von einer Freundin mal wieder auf Opengeiger gestoßen, da diese gerade dort ein paar Sachen nachlas. Als der Link dann vor mir lag, fiel mir der Bericht wieder ein, den der Betreiber der Seite zu seinem Besuch bei uns am Tag der Wissenschaft (das ist der Tag der offenen Tür an der Uni Stuttgart) verfasst hatte. Dabei geht es vor allem um den Besuch des Siemens-Unterrichtsreaktors SUR-100 am Institut für Kernenergetik und Energiesysteme, bei dem ich als Betriebsleiterin und Strahlenschützerin zu wirken die Ehre habe. Wer sich jetzt ein Kernkraftwerk vorstellt, darf gerne dem Link folgen und sich eines Besseren belehren lassen – die Maschine ist klein, ihre Leistungsabgabe reicht nicht, um sich selbst zu schmelzen, und im Verhältnis ist’s verdammt wenig Kernbrennstoff. Ein Bekannter nannte das Ding schon „Spielzeugreaktor“ … was mich dann doch schon ein bisschen in meiner Ehre kränkte, aber im Bezug auf die Möglichkeiten, etwas zu lernen, und die inhärente Sicherheit der Maschine durchaus nicht ganz unangebracht ist.

Natürlich spielt hier auch ein bisschen meine Eitelkeit hinein – es macht mir nicht nur Spaß, auf hoffentlich halbwegs humorvolle Weise die Dinge zeigen zu können, mit denen ich arbeite, sondern ich genieße es auch, dabei wahrgenommen zu werden. Wenn wir mit korrekt präsentierten Daten, ohne den Gegenüber mit Meinung oder einem Zuviel an Fakten zu überrennen, auch noch eine gute Show abliefern können, dann ist es meine Mission, das auch zu tun. Niemals darf man dabei vergessen, dass die Leute, die nicht so sehr „Rampensau“ sind, wie ich es bin, dabei den fast noch größeren Anteil am reibungslosen Ablauf haben.

Ich möchte hier aber gar nicht hingehen und „meine Sicht“ auf den damaligen Tag, die Ereignisse und den Bericht von Opengeiger darlegen. Der Bericht spricht für sich. Für mich ist wichtig, dass bei aller eigener Meinung, wir die Fakten nicht in eine Richtung verdrehen, die unsere eigenen Tendenzen widerspiegeln. Eine Meinung, eine politische Ansicht zu haben, das ist natürlich okay – aber wenn ich vor „meinem“ Reaktor stehe (der natürlich dem Institut bzw. der Uni gehört, den ich aber liebevoll als „meinen“ bezeichne), dann beantworte ich Fragen so gut ich kann mit Fakten. Wenn meine Meinung reinspielt, dann kennzeichne ich das – ich hoffe, das schaffe ich möglichst immer. Zumindest in meiner Lesart haben wir – also das Institut im Allgemeinen, ich im Speziellen, das ganz gut hingekriegt, nach Lektüre des Berichts – zum dem es ganz unten einen Link gibt.

Ich sage den Gästen am SUR-100 in Stuttgart gerne, dass das im Bericht beschriebene Experiment – Einbringen von Moderations-Material zum Anfachen, Einbringen von Neutronenabsorber zum Dämpfen der Kettenreaktion bei (ungestört) kritischem Reaktor uns zumindest qualitativ eine Menge sagen kann – über die Auswirkung der Materialien, über verzögerte Neutronen, über das Neutronengleichgewicht, am Ende sogar ein bisschen was über Regelmöglichkeiten für Reaktoren. Nichtsdestotrotz ist es natürlich spektakulär, den Reaktor mit Moderator zu „reizen“ oder mit Cadmium als Absorber zu „dämpfen“. So lange es beim Bild der Torera bleibt und die Tierquälerei des echten Stierkampfes eine Metapher dafür bleibt, wie ich den kleinen SUR-100 kitzle, lass‘ ich mir das Bild gefallen. Den Stierkampf als reale Tatsache lehne ich ab, als historisches Bild ist er nicht zu verleugnen.

Aber genug von mir, hier geht es zum Bericht von Opengeigers Besuch am SUR-100 in Stuttgart. Es gibt da aber noch viel mehr interessante Berichte von Messungen, bei denen der Besitzer eines Dosisleistungsmessgeräts (im allgemeinen Sprachgebrauch auch „Geigerzähler“, obwohl das nicht exakt der richtige Gebrauch der Bezeichnung ist) einfach an der richtigen Stelle hinguckt. Denn in unserer Umgebung strahlen bei weitem nicht nur künstliche Radioaktivität und Röntgengeräte, da gibt es noch viel mehr, vieles davon ist natürliche Radioaktivität. Sowas wie „gute Strahlung“ oder „böse Strahlung“ gibt’s nicht, nur verantwortungsvollen und weniger verantwortungsvollen Umgang mit den möglichen Quellen der Strahlung.

Advertisements

Über Talianna

Physikerin, Pendlerin, Läuferin, phantasievolle Geschichtenerzählerin inzwischen mit Durchhaltefähigkeit für ein ganzes Buch ... und gelegentlich einfach zu abgelenkte Person.
Dieser Beitrag wurde unter Blick über die Leitplanke abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Die „Neutronenbändigerin“

  1. Bernd schreibt:

    Demokratie macht nur Sinn, wenn man das annähernd versteht, worüber man politisch abstimmen darf, sonst nehmen die Medien und die Lobbyisten das in die Hand. Heutige Hoch-Technologien geben oft Anlass zu Sorgen und Angst. Ängste und Sorgen begegnet man aber auch am besten, wenn man sich damit befasst und sich eine auf Realem basierte Meinung macht. Der Tag der Wissenschaft an der Uni Stuttgart ist wirklich eine gute Gelegenheit dazu, die man nutzen sollte.

    Ich war vor etlichen Jahren in einer spanischen Stierkampfarena um mir meine Meinung zu bilden, sonst hätte ich die Assoziation zur Show am IKE wohl kaum gehabt. Nebenbei, die ARD Sendung „Tatort“ ist die am längsten laufende und beliebteste Krimireihe im deutschsprachigen Raum, sagt man. Oft schon habe ich meine Frau gefragt, warum sie diese Sendung so liebend gerne anschaut. Die Show drum rum und die Verknüpfung zu realen, sozialkritischen Themen sei es, meint sie. Warum man dazu das Töten braucht, man könnte doch das soziale Thema auch in eine andre Rahmenhandlung stricken, sage ich dann. Nein, sonst fehlt der Thrill und die Szenen sind ja nur von Schauspielern gespielt, erwidert sie darauf, da stirbt doch keiner wirklich. Ich lasse sie in der Zwischenzeit mit der Sendung alleine und mache was Anderes derweil. Über das in der Sendung verarbeitete Thema aber diskutieren wir oft danach. Und solange das miteinander diskutieren über das Reale noch klappt, komm ich klar damit.

    Bernd

    • Talianna schreibt:

      Es mag bei einem Menschen, in dessen Leben die Phantasie eine so große Rolle spielt, sonderbar erscheinen, aber das fiktive Töten im „Tatort“ und das tatsächliche Töten sind nochmal ein Unterschied.

      Allerdings soll das nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich das Informiertsein für das Abstimmen sehr bedeutsam finde. Tatsächlich ist Angst, ist Emotion bei Hochtechnologie-Themen und auch bei komplexen sozialen Themen, in die auch Ethik mit hineinspielt, kein guter Ratgeber. Für die meisten Menschen braucht es Bilder, Erfahrungen, Geschichten, um sich in ein Thema einzufühlen. Es ist völlig richtig, dass z.B. über den „Tatort“ diese Geschichten in einer (hoffentlich) nicht auf Manipulationsinteressen beruhenden Weise präsentiert werden.

      Dein Bericht – und auch unsere kleine „Show“ – erfüllen den Zweck, echte, nicht gefärbte Information in einer Weise zu transportieren, die auch Menschen zugänglich ist, die mit Neutronen-Diffusions-Gleichungen und der Einheit Sievert nichts anfangen können – erfüllt also die gleiche Aufgabe wie der Tatort.

      Beim Experiment „Pierre Auger Observatory“, bei dem ich gearbeitet habe, bevor ich nach Stuttgart kam, gab es die Abteilung „Outreach“. Dort versuchte man, der Öffentlichkeit (Welt, aber auch ganz lokal in Malargüe/Mendoza/Argentinien) nahezubringen, was wir machen und dass es wichtig ist. Mit dem Interesse, dass die Menschen darüber basierend auf Informationen urteilen, und nicht nur auf der Basis von „kostet Geld, bringt mir nichts“. Nicht zuletzt, um zu verhindern, dass die Detektoren aus fahrenden Autos zerschossen wurden …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s