Alanna von Trebond / Song of the Lioness

Nach einer ganzen Weile möchte ich hier mal wieder ein Buch – oder in diesem Falle eher vier davon vorstellen. Es geht dabei um den „Alanna-von-Trebond“-Zyklus von Tamora Pierce, im Englischen als „Song of the Lioness“ zusammengefasst. Konkret besteht der Zyklus aus den vier Bänden:

  • Die Schwarze Stadt (Originaltitel: Alanna: The First Adventure), 1983
  • Im Bann der Göttin (Originaltitel: In The Hand Of The Goddess), 1984
  • Das Zerbrochene Schwert (Originaltitel: The Woman Who Rides Like A Man), 1986
  • Das Juwel der Macht (Originaltitel: Lioness Rampant), 1988

Die vier Bücher haben jeweils ungefähr 250 groß und lesefreundlich beschriebene Seiten – ich habe die einzelnen Bände damals jeweils an einem Tag verschlungen, als ich 14 war und mehr, wesentlich mehr Zeit zum Lesen hatte. Es ist also auch kein besonders umfangreicher Stoff, zusammengenommen ist das Lied der Löwin durchaus ein Werk epischer Länge, das durch die Strukturierung der vier Bände überschaubar wird.

Die Hintergrundwelt des Lieds der Löwin ist das Land Tortall, das nach Augenschein mittelalterlich ist. Intrigen und Schwerter und Kriege gibt es, aber nicht in einer blutigen Intensität wie das in „Game Of Thrones“ der Fall ist. Dazu ist’s keine „High Fantasy“, Elfen, Zwerge und dergleichen wird man vergeblich suchen. Aber es gibt Magie, es gibt Götter, die sich auch in das Leben der Sterblichen einmischen. Ab „Im Bann der Göttin“ spielen dann auch andere Länder eine gewisse Rolle, „Das Juwel der Macht“ spielt sogar zum größten Teil außerhalb Tortalls. So weit die Welt zum Verständnis der Bücher nötig ist, wird sie ausreichend erklärt, aber umfangreiche Exkurse zu Details gibt es nicht, die Handlung geht immer voran – dabei ist hilfreich, dass Alanna selbst aus „der Provinz“ kommt und somit viele der Dinge selbst noch nicht kennt. Viele wichtige Figuren erlebt man in allen Bänden, neben Alanna selbst treten viele der Figuren über den gesamten Zyklus hinweg immer wieder auf, manche davon mit Pausen. Es ist möglich, in Alannas Weg eine Art der typischen „Heldenreise“ zu sehen, allerdings schlägt sie sich mit (für ihre Situation) ganz normalen Problemen herum. Allerdings ist Alannas Situation nicht ganz normal: Als der „Wildfang“ des Zwillingspaares Thom und Alanna ist es ihr ein Gräuel, als sie von ihrem Vater in ein Kloster geschickt werden soll, wo sie die Etikette der feinen Damen lernen soll, um anschließend an den Hof zu kommen. Thom dagegen hat zwei linke Hände und hängt sehr an der magischen Gabe, die er ebenso wie Alanna hat – während Alanna selbst sich vor der Magie fürchtet. Thom will also nicht den vorgezeichneten Weg als Ritter nehmen, Alanna nicht den ihrigen als Dame annehmen. Praktischerweise liegen die Akademien für die Magie in derselben Stadt wie das Kloster, in das sie soll – und so tauschen die beiden die Rollen. Mit gefälschten Briefen des Vaters brechen sie auf – für Thom ist das einfach, er kann ein Junge bleiben. Aber die Ausbildung über Page und Knappe zum Ritter ist Jungen vorbehalten – und so wird aus Alanna Alan. Mehr spoilern möchte ich auch gar nicht, denn sehr viele der Probleme und Schwierigkeiten, die Alanna beschäftigen, sind mit ihrem Inkognito und dem dazugehörigen Mangel an Erklärung, was sie als Mädchen in der Pubertät erwartet, bereits angelegt.

Für mich war sehr wichtig und schön zu sehen, wie Alanna mit all dem umgeht – sie geht es direkt an, kämpft für ihren Platz zuerst unter den Pagen und Knappen, später bei Hof und in der Welt. Selbstzweifel werden illustriert, aber auch Hartnäckigkeit, genauso wie die Frage nach Selbst- und Fremdbestimmung, sowohl gegen Einmischung von anderen Menschen als auch des Schicksals beziehungsweise der Götter. Längere Passagen, in denen nichts oder nur wenig passiert, lassen die Bücher aus, sie konzentrieren sich auf die Phasen mit (innerer oder äußerer) Entwicklung. Ich fand für mich wertvoll, eine Figur an die Hand zu bekommen, die Ideale hat, aber durchaus mit ihrem Temperament und der Umgebung hadert, wenn sie diese Ideale verfolgen will – und die sich im Laufe der Zeit stark entwickelt, ohne ihre Eigenständigkeit aufzugeben. Dabei lässt Tamora Pierce an vielen Stellen Platz für eigene Vorstellungen, gerade auch die Phasen, in denen wenig passiert, kann man eben als „die leere Seite zwischen zwei Kapiteln“ ansehen, oder sie mit plastischen Bildern, für deren Vorstellung die Information aus dem Buch ausreicht, auffüllen – letzteres war mein Weg.

Ich habe die vier Bücher als Jugendliche zweimal gelesen – und später dann, jenseits der dreißig, noch weitere zweimal. Mein Blickwinkel und was ich darin sehe, das hat sich verändert. Nicht verändert hat sich dagegen, dass hier eine ungewöhnliche Geschichte einer starken Figur erzählt wird, die aber an keiner Stelle oberflächlich bleibt. Nicht zuletzt ist Alanna auch eine Figur, an der man sich in Entwicklungsphasen festhalten kann. Sie macht nicht alles richtig, ihr fehlt manchmal die Kontrolle ihres Temperaments, manchmal auch die Information und Reife, um eine bestimmte Situation so zu lösen, wie es eigentlich richtig wäre – dennoch versucht sie, so gut es geht, damit fertig zu werden.

Nicht zuletzt sind Themen wie gesellschaftlich ungewöhnliche Wahl der Rolle, die man einnehmen möchte, Liebe, Gefühle und Umgang mit Gefühlen, aber auch ernste Themen wie Mobbing und die erschreckende, an manchen Stellen auch ungewollte Entwicklung von Körper und Rolle beim Erwachsenwerden behandelt, ohne psychologisierend oder vorschreibend daherzukommen.

Leider sind die Bücher nur noch antiquarisch zu bekommen, aber ich würde die empfehlen – für Heranwachsende, wie ich sie damals mit 13 oder 14 gelesen habe, aber auch für Erwachsene, die keine Berührungsängste mit Jugendbüchern haben.

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Über Talianna

Physikerin, Pendlerin, Läuferin, phantasievolle Geschichtenerzählerin inzwischen mit Durchhaltefähigkeit für ein ganzes Buch ... und gelegentlich einfach zu abgelenkte Person.
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