Die Foren-Elfe

Es ist schon eine ganze Weile her, da hatte ich mit einem Bekannten eine Diskussion über das Verhalten im Internet und den Wert der Anonymität. Es ging dabei auch um Facebook und Twitter bzw. den Klarnamenzwang bei Facebook.

Nein, ich habe nicht die Lanze für den Klarnamenzwang gebrochen, aber ich habe angemerkt, dass die Anonymität (zu) oft für Trolling und Mobbing missbraucht werde. Tendenziell war ich – in der Unterhaltung auch die ältere Person – eher diejenige, die den Wert respektvollen Verhaltens hochhielt, auch wenn das Recht auf Anonymität und Freiheit im Internet für mich wichtig ist. Ich selbst fand es sehr schwierig, in für das Opfer schädlichen Trolling-Situationen zwischen der (Meinungs-)Freiheit durch Anonymität und dem Schutz der Opfer ausgehebelter Regeln des respektvollen Umgangs abzuwägen. Mein Gegenüber sah das Problem, hielt aber den Wert der Anonymität generell für bedeutender, oder zumindest in einem weiteren Spektrum von Szenarien als ich.

Nun – wie so oft, wenn man zwar respektvoll und nett miteinander umgeht, aber im genauen Grad dessen, was man haben will, nicht zusammenkommt, glitt das Thema über Beispiele und Erzählungen weg, Anekdoten wurden angebracht, gemeinsame Erfahrungen von zwei Seiten beleuchtet und eigene Geschichten erzählt. Ich glaube, das Ganze hatte sich damals an der erklärten Absicht meines Gesprächspartners entzündet, den Urheber einer seiner (und nebenbei auch meiner) Ansicht nach indiskutablen These zu „trollen“.

Kurz und gut, ich vertrat die Ansicht, dass bei allem Schätzen von Ironie und Sarkasmus, allem Zynismus und aller erklärten Bösartigkeit, man doch erstmal davon ausgehen solle, der Gegenüber wisse es nicht besser. Freilich, bei vielen Thesen und Ansichten ist der drölfzigste Vertreter einer gegen eine beliebige Gruppe oder gegen alle respektlosen oder schlichtweg dumm-falschen Aussage schwer als der drölfzigste potentiell Ahnungslose zu akzeptieren. Ich plädierte und plädiere aber dafür, weiterhin bei jedem anzunehmen, er wisse es bisher nur nicht besser – und sei somit weder ein Agitator noch ein Troll. Zugegeben, das ist schwer aufrecht zu erhalten, bei der Fülle von Trollen und – nun, ähm – Idioten, die sich im sprichwörtlich Mulder’schen „da draußen“ tummeln. Aber ich konnte damals anhand meines Verhaltens, das er soweit auch mitbekommen habe, glaubhaft aufzeigen, dass ich es zumindest versuche.

Daraufhin bedachte er mich mit dem Attribut der „Foren-Elfe“ im Gegensatz zum „Foren-Troll“. Wie ich in den vergangenen Absätzen schon angedeutet habe, ist das ein Ideal, dem ich nicht gerecht werde. Gerade in Zeiten von Meinungsblasen, propagandistisch agierenden Bots und dergleichen wird man die Trolle durch Verblasen von Internet-Elfenglitzerstaub nicht vollständig neutralisieren können. Ich denke aber, es wird sehr vielen Menschen, die im Moment im Interesse ihres Eigenschutzes drastische Einschränkungen der Anonymität im Netz befürworten oder sich nur auf (anderweitig, verborgen restriktiven) geschlossenen und mit bestimmten Interessen betriebenen Netzwerken herumtreiben, vielleicht ein bisschen Hoffnung machen, auch ohne neue Mauern sicher und nicht allein zu sein, wenn es ein paar mehr Internet-Elfen gibt. Wenn ich den Netz-Troll aussperre, wird’s draußen wilder und ich bin dem Schutzgeber auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Betätige ich mich als Netz-Elfe und lebe vor, was ich gerne erfahren möchte, hole ich vielleicht den einen oder anderen Troll auf die helle Seite des Netzes.

Wir sind alle keine Harfe spielenden Engel, da bin ich sicher, ich bin ganz bestimmt keiner. Aber wenn wir wagen, mal nicht Feuer mit Feuer zu bekämpfen, sondern mit Wasser – hat das schon was für sich. Oder wenn wir unserem andere Meinungen vertretenden Gegenüber mal versuchen, unsere Wahrheit wie einen Bademantel zum Hineinschlüpfen hinzuhalten, statt sie ihm wie ein nasses Handtuch über den Kopf zu schlagen, wer weiß, was wir zurückbekommen?

Ich jedenfalls versuche, mich daran zu erinnern, dass es da dieses Ideal gibt, das mein Bekannter die „Foren-Elfe“, im weiteren Sinne die „Internet-Elfe“ nannte – und diesem Ideal gerecht zu werden. Es gibt viele da draußen, die das auch tun – und je mehr es sind, um so weniger brauchen wir all die Filterblasen, Wälle und Block-Funktionen.

Für mehr Internet-Elfenglitzerstaub!

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Über Talianna

Physikerin, Pendlerin, Läuferin, phantasievolle Geschichtenerzählerin inzwischen mit Durchhaltefähigkeit für ein ganzes Buch ... und gelegentlich einfach zu abgelenkte Person.
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3 Antworten zu Die Foren-Elfe

  1. Wortman schreibt:

    Leider gehen diese Elfchen bei den ganzen Trollen meistens unter 😉

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