Kritik überleben …

Das ist in schwieriges Thema. Es geht dabei nicht so sehr um mein Blog, sondern mehr um Bücher, Texte und so weiter. Na klar, wir sind alle topp-kritikfähig, wir wissen alle, dass man für manche Dinge blind wird, wenn man etwas entwickelt, baut, schreibt. Wir wissen alle, dass die Kritik gut gemeint ist, bei manchen Dingen auch persönliche Geschmack hineinspielt und vor allem, dass nicht wir selbst angegriffen, sondern unsere Arbeit betrachtet, bewertet, eventuell verbessert wird.

Aber das Gefühl dabei ist ein anderes. Das Ego bäumt sich auf, fühlt sich verletzt, man hat Herzblut oder zumindest doch eine Menge Lebenszeit in etwas hineingesteckt, es ist das eigene Werk und es hat (dem Gefühl nach) dem anderen verdammt nochmal zu gefallen! Zumindest empfinde ich oftmals so und merke, das tut meiner Kritikfähigkeit, die auf einer rationalen Ebene sehr gut funktioniert, gar nicht gut. Im Endeffekt ist es eben doch so, dass man sich mit einer Arbeit identifiziert – gerade bei Dingen, die einem wichtig sind. So ist es insbesondere auch mit meinem Buch, das ich geschrieben habe. Wagt man sich ins Feuer des Veröffentlichunsprozesses, in welchem man Korrekturleser, Lektoren braucht, und gar an die Veröffentlichung, so bekommt man manche gewollte, manche ungewollte Kritik. Beileibe nicht jede, oft sogar ziemlich viele sind nicht so, wie man sie sich vorgestellt hat! Natürlich wird man mit der Zeit blind für Dinge, die man bei anderen Leuten moniert hat – beim Schreiben konzentriert man sich auf ganz andere Sachen. Dann stößt einen jemand drauf und man ist hin- und hergerissen zwischen Ärger, diesen Fehler gemacht zu haben und einer gewissen Bestürztheit, so einen „fehlerbehafteten Mist“ an andere herausgegeben zu haben. Dann gibt es da Dinge, die man selbst gerne hat, Dinge, die man selbst anderen nichtmal verzeihen würde, sondern gut fände – die aber der Kritiker nicht gut findet. Manchmal IST das Geschmackssache, aber wenn es „ein, zwei, drei Leutchen gegen den Rest der Welt“ ist, wird aus „Minderheiten-Geschmack“ schnell etwas, das am Rande zu „falsch“ steht. Solche Kritik tut mir besonders weh, weil ich eben – wie wohl viele von uns – erstmal darauf kommen muss, dass meine bevorzugte Formulierung, Textstruktur, Idee nicht die bevorzugte aller ist, noch nicht einmal die der meisten. Tja, und dann gibt es da noch die Sachen, die wirklich pure Geschmackssache sind.

Mir ist in den letzten Wochen und Monaten natürlich einiges an Kritik widerfahren, wobei ich Kritik hier allgemein halten möchte – es gab negative, aber auch sehr positive, es gab ausführlich-hilfreiche, aber auch knappe. Kritik-Formen, die ich bisher nicht abbekommen habe, sind äußerst knappe Ablehnung, äußerst knappe, nicht hilfreiche oder gar destruktive Rückmeldungen. Ich gehe davon aus, dass es eher leicht ist, diese abzutun, auch wenn ich es nicht weiß und mir auch das Gegenteil vorstellen könnte. Applaus tut natürlich immer gut, und von dem habe ich auch das eine oder andere Stück bekommen. Und dann gibt es da die ausführlichen, gut fundierten, an Beispielen festgemachten Rückmeldungen – die, die einem richtig viel bringen, einen zum Überdenken von Strukturen des Buchs bringen oder auch bestimmen, wie man weitermacht, je nachdem, ob sie positiv oder negativ sind. Das sind oft auch Rückmeldungen, bei denen es sich lohnt, zwei oder mehrere zu vergleichen. Ohne irgendwem unrecht tun zu wollen, habe ich davon derzeit vier im Kopf, die weniger im Detail an der Produktion des Textes beteiligt waren und somit einen Gesamtüberblick des fertigen oder zumindest quasi fertigen Textes haben, den sie als Grundlage ihrer Resonanz verwendeten. Eine davon war sehr, sehr kritisch, eine weitere tendenziell eher negativ, deklarierte sich aber selbst als Geschmackssache – eine dritte war überwiegend positiv mit dem einen oder anderen kleinen Kritikpunkt – und die vierte war gefühlt voll positiv, allerdings mit einigen konstruktiven Vorschlägen. Ich ordne die Rückmeldungen ganz bewusst nicht den Urhebern zu, aber die intellektuell und schreibtechnisch hochstehendsten und in diesen Eigenschaften von mir geschätztesten Kritiker waren auch die beiden Extreme. Insbesondere deswegen tat der gefühlte „Verriss“ auch sehr weh. Dennoch habe ich es geschafft, das Ganze nicht als Kritik an meiner Person zu sehen, sondern als Kritik an meinem Text. Ich bin sehr dankbar, dass ich auf der einen Seite in eine Diskussion über meinen Text geriet, als ich diese Kritiken erbat und bekam, andererseits aber auch darauf hingewiesen wurde, dass es erstens keine Kritik an meiner Person, sondern nur an meinem Text ist.

Wie überlebt man also Kritik, nachdem ich hier wirr aus meinen Erfahrungen erzählt habe? Einerseits ist Distanzierung wichtig. Der Kritiker kritisiert nicht die Person, sondern den Text. Man selbst hat sich ins Feuer der Kritik gewagt und kann auch daraus ein gewisses Gefühl der Überlegenheit schöpfen: „Ich hatte diesen Mut, und das ist schon ein Wert an sich, selbst wenn ein negativer Kritiker recht hat – egal, ob ich das einsehen kann oder nicht.“ Zum anderen ist auch der Vergleich mehrerer Meinungen wichtig. Manches, was vernichtend erscheint, weist auf einen weit kleineren, leichter zu behebenden Fehler hin, als man das zuerst dachte. Das findet man oft in der Diskussion mit anderen heraus – auch eine Kritik ist nicht unbedingt immer genau das, als was man sie wahrnimmt. Letztlich gibt es noch etwas, das für mich persönlich ein gutes Gefühl vermittelt hat: Auch über meinen loyalen Freundeskreis hinaus habe ich ein breites Spektrum von Rückmeldungen bekommen, nicht nur positiv und negativ, sondern auch im Bezug auf die Wahrnehmung und das Verständnis bestimmter Aspekte. Ist es nicht so, dass zu polarisieren auch heißt, wahrgenommen zu werden?

Und selbst wenn ich manche Dinge von mir gewiesen habe, oder als Geschmackssache abtat, merke ich doch, dass ich jeden Input, den ich über Kritiken bekommen habe, auch beim Weitermachen verwende. So habe ich zum Beispiel bemerkt, dass das zerrissene, noch etwas schwierig geschriebene erste Fünftel von „Am Rand des Strömungsabrisses“ vielleicht die große Hürde für manche ist – und dass ein solch schwieriger Part in „Aus Feuer und Stahl“, an dem ich gerade schreibe, in dieser Form nicht existiert.

Somit kann ich nur damit enden, mich bei allen zu bedanken, die meine Arbeit kritisieren, ob am Buch oder woanders, so sehr mich die Resoanzen vielleicht auch manchmal treffen oder nerven. Ich hoffe nur, dass diejenigen, in deren studentische Arbeiten, mir vorgelegten Texten oder anderen Werken auch mal harsche, hoffentlich immer konstruktive Kritik von mir steht, diese so annehmen können, wie ich mir das Annehmen von Kritik immer wieder neu erarbeite(n muss), aber doch immer wieder fruchtbar und nicht furchtbar finde.

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Über Talianna

Physikerin, Pendlerin, Läuferin, phantasievolle Geschichtenerzählerin inzwischen mit Durchhaltefähigkeit für ein ganzes Buch ... und gelegentlich einfach zu abgelenkte Person.
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