Das ungewisse Dunkel

Tja … das Dunkel. Als Läuferin ist das frühe Dunkeln am Abend mein Feind. Durch das Pendeln kann ich erst nach der Arbeit UND der Heimfahrt laufen gehen, es sei denn, ich will verschwitzt im Auto sitzen, vielleicht durch den Stau zuckeln – da laufe ich doch lieber nach dem Heimkommen. Aber gerade in der dunklen und von Winterzeit gepägten Jahreshälfte ist das Zeitfenster zwischen Heimkommen und Sonnenuntergang eher knapp.

Will ich trotzdem nicht nur am Wochenende laufen gehen, ist es oft am Dunkelwerden, wenn ich auf die Strecke komme. Durch’s Dorf zu laufen ist so eine Sache, und auf den Feldwegen gibt es keine Straßenbeleuchtung – und an dieser Stelle setzt sie Angst ein. Freilich, ich laufe nicht mitten in der Nacht, außerdem bin ich in der eher langweiligen Gegend um die Dörfer unterwegs. Gefährliche Leute können einem auch tagsüber im Hellen begegnen …

Nichtsdestotrotz: Ist es dunkel, kann jederzeit irgendwer aus dem Gebüsch auf einen zutreten. Man sieht ihn nicht, oder erst, wenn er da ist. Man selbst ist weithin sichtbar: Das Handy mit der Laufapp macht ein bisschen Licht, die Klamotten sind hell und bunt, um nicht von einem Auto überfahren zu werden, das einen in schwarzen Klamotten nicht sieht. Um die geeigneten Laufwege herum wird es einsam, und man will ja nicht präventiv vor jedem davonlaufen, der einem begegnen könnte – und davon abgesehen würde keiner den Schrei hören. Und so spielen sich vor dem inneren Auge Szenarien ab, was passieren könnte – einer oder mehrere Männer, die einem begegnen. Bei einer Joggerin ist an Geld nichts zu holen, aber … und schon ist man in einer Angst-Mühle drin. Ich kann nicht beurteilen, ob es Männern genauso geht, aber ich kenne viele Frauen, die diese Furcht in sich tragen, die ihnen den Atem nimmt und die Vereinbarkeit von regelmäßigem Laufen und spät Heimkommen durch z.B. das Pendeln noch schwerer macht. Ich meine, klar, ich könnte meine tiefste Stimme auspacken und fragen: „Was willst Du?“, wenn jemand herkommt, so tun, als wäre ich ein Mann. Mit meiner Stimme klappt das noch. Aber eigentlich will ich ja genau das nicht. So sind diese Szenarien – unabhängig von ihrer Wahrscheinlichkeit – ein ständiger Begleiter, wenn man alleine durch das Dunkle joggt.

Es ist schwierig, hierfür eine Lösung zu finden. Klar, ich könnte im Ort joggen, unter der Woche im Winterzeithalbjahr gar nicht mehr joggen oder versuchen, es morgens vor der Arbeit hinzukriegen. Eine Laufpartnerin suchen wäre auch drin, aber da ist mit dem Pendeln wieder die Orga schwierig. Prinzipiell ginge das alles. Aber ist es nicht bestürzend, dass mindestens für weibliche Jogger das (auf jeden Fall gefühlt) gefährlichste Tier in unseren nächtlichen Wäldern der eigenen Art, Homo sapiens angehört?

Dieser Beitrag entstand aus mehr oder minder aktuellem Anlass, weil das Angst-Kopfkino beim Laufen am Dienstagabend doch sehr … beindruckend und bedrückend war.

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Über Talianna

Physikerin, Pendlerin, Läuferin, phantasievolle Geschichtenerzählerin inzwischen mit Durchhaltefähigkeit für ein ganzes Buch ... und gelegentlich einfach zu abgelenkte Person.
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2 Antworten zu Das ungewisse Dunkel

  1. somi1407 schreibt:

    Hmm, ich kenne das Problem eigentlich weniger. Ich habe grundsätzlich erst um 18-19 Uhr Feierabend, dann ist es dunkel. Der Lauftreff hier vor Ort startet um 19.30, passt also. Oder ich laufe mit einer Freundin, dann kann ich das Training auch spontan gestalten. Oder morgen, da werde ich alleine laufen. Dann gehts halt durch die Wohngebiete. In der dunklen Jahreszeit kann man so schön in die Wohnungen reinschauen 😉 interessant. Außerdem kommt man dan mal in Ecken, die man eher nicht kennt.

    • Talianna schreibt:

      Ich hab‘ leider keine Freundinnen zum Mitlaufen an der Hand – durch die Wohngebiete ist meine künftige Option, wenn es mal wieder in Dunkelheit stattfinden muss und ich allein bin. Über die Felder allein ist jedenfalls sehr (emotional) unkomfortabel.

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