Freiraum

Es gehört zum Leben einer Pendlerin, wesentlich weniger zuhause zu sein als der Partner, auch wenn dieser natürlich auch arbeitet. Zu den im besten Fall zwei Stunden zusätzlich unterwegs pro Tag kommt bei uns noch, dass mein Mann eine geringere wöchentliche Arbeitszeit hat als ich. Außerdem bin ich am Wochenende diejenige, die mehr auf Achse ist – Teezeremonie-Kurs, früher öfter mal in der Disco, Superbowl-Schauen bei Freunden, vor kurzem nun die Faschingsumzüge …

Kurz und gut: Wenn ich daheim bin, ist mein Mann auch daheim. Das ist schön, denn wir können Zeit zusammen verbringen, für mich bin ich ja auf meinen Ausflügen – und beschränkt funktioniert das mit dem „für mich Sein“ und „über mich Nachdenken“ auch am Steuer. Aber unsere Kommando-Zentrale (manchmal auch als Wohnzimmer bezeichnet) beinhaltet beider Schreibtische und das Sofa, insofern finden die meisten Dinge mit Rechner, die man bei uns machen kann, in Beisein des anderen statt, sofern dieser da ist. Meistens ist das gar kein Problem, aber – ganz selten will man auch mal allein im Zimmer sein, und das war für mich die letzte Zeit nicht drin. Wahrscheinlich wäre das nach den siebeneinhalb Jahren, die wir nun zusammenleben, noch immer nicht aufgekommen. Aber es gab eine Situation, die die Sache verschärft hat: Die letzten beiden Urlaube, die ich für „bin mal allein daheim“ genommen habe, war mein Mann jeweils krank. Sprich, er lag auf dem Sofa – Erkältungen treffen ihn immer mit dem Husten sehr stark, und es ist eine Mischung aus seinem Leiden und meinem Mitleiden, die damit natürlich das „nicht allein“ noch etwas schwieriger macht als ohnehin, wenn man sich eigentlich auf „bin mal allein“ eingestellt hat.

An dieser Stelle habe ich dann von einem Freund gesagt bekommen: „Jetzt spring‘ endlich über Deinen Schatten und richte Dir im Gästezimmer einen ‚Arbeitsplatz‘ zum Schreiben, Chatten und Zocken ein!“ Und genau das haben wir getan. Mein Mann hat sich sehr engagiert, mir einen Rechner zusammenzubauen, mit dem ich an meinem neuen Platz spielen kann, dann haben wir nach Leerrohren gesucht und Netzwerk in das Gästezimmer gelegt und siehe da, nun habe ich einen Rückzugsort, genau in dem Raum, in dem auch meine Tee-Ecke ist.

Das Lustige daran ist, dass ich nun den Bereich fast nicht genutzt habe bis jetzt. Freilich, er besteht erst seit vergangenem Wochenende, aber ich habe auch das Gefühl, dass allein die Möglichkeit und gelegentlich mal einen Samstagvormittag dort Sitzen genügt. Dafür einen zweiten Rechner dort stehen zu haben fühlt sich fast wie Verschwendung an, aber eine Rückzugsoase zu haben, um sie zu wissen und sie deswegen spärlich zu nutzen ist – ganz ehrlich – den zugegebenermaßen nicht geringen Aufwand für einen spärlich genutzten Platz wert gewesen. Es ist allein die Möglichkeit, einfach mal die Tür hinter sich zuzumachen und trotzdem all die Möglichkeiten meines Schreibtisches zu haben, zugleich aber nicht auf das gemeinsam nebeneinander am Rechner Sitzen verzichten zu müssen.

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Über Talianna

Physikerin, Pendlerin, Läuferin, phantasievolle Geschichtenerzählerin inzwischen mit Durchhaltefähigkeit für ein ganzes Buch ... und gelegentlich einfach zu abgelenkte Person.
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