Mal was ganz Anderes …

Am heutigen Weltfrauentag stellt sich mir – angesichts einer Debatte, die vor kurzem unter einem Beitrag einer Freundin stattfand – eine ganz bestimmte Frage.

Doch zunächst die Vorgeschichte: Eine Freundin hat einen Artikel gepostet, in dem die deutliche Asymmetrie zwischen den Geschlechtern bei Hass- und Herabwürdigungsbotschaften thematisiert wurde. Das Ganze fügt sich in eine ganze Reihe von Berichten ein, die ich schon gelesen habe, deswegen möchte ich hier nicht einen einzigen Artikel heranziehen. Letztlich geht es darum, dass erfolgreiche und/oder sich in irgendeiner Weise selbstbewusst sichtbar machende Frauen deutlich mehr, deutlich stärker auf als weibliche Schwächen gedeutete Aspekte gemünzte und deutlich anmaßendere und verbal brutalere Rückmeldungen per Internet (ob nun Mails, Kommentarspalten, Tweets) bekommen als Männer, die sich in ähnlicher Weise exponieren. Vielleicht lebe ich in einer Meinungsblase, aber ich halte diese Asymmetrie inzwischen für ein Faktum. Das ist problematisch, weil es dazu geeignet ist, meinungsstarke Frauen aus dem Web zu mobben und vielleicht auch genau deswegen geschieht. Ich möchte aber nicht jedem Hass- oder Vulgärkommentator planvolles Vorgehen unterstellen – schlimm genug ist es in beiden Fällen.

Unter diesem Post kam eine Anmerkung, bei der ich in der Form, wie sie abgefasst war, sehr ärgerlich wurde. Es wurde moniert, dass „Frauen, Homosexuelle usw. sich nicht zu wundern bräuchten, wenn Ihnen dieser Hass entgegenschlüge, weil sie unter dem Label der Gleichberechtigung eine Bevorzugung anstreben würden“. Zunächst mal ist der rechtfertigende Aspekt – „Ihr fordert was, was ich für ungerechtfertig halte, also ist herabwürdigender Hass auf alle, die grob der Gruppe angehören, die das fordert, kein Wunder (und implizit gerechtfertigt)“ – unter aller Kanone. Forderungen sind eine Sache, die können abgelehnt und/oder diskutiert werden. Persönliche Angriffe rechtfertigen sie nicht. Aber es gibt einen anderen Aspekt, über den ich auch schon ein paar Mal nachgedacht habe. Nämlich den Aspekt der Symmetrie.

Wenn wir – ausgehend von der oben frei zitierten und von mir zerpflückten Äußerung – mal die Forderungen von Homosexuellen nach Gleichstellung ihrer Lebenspartnerschaften mit sexuell motivierten, aber heterosexuellen Lebenspartnerschaften ausgehen, dann kann hier von „Besserstellung unter dem Label der Gleichstellung“ keine Rede sein. Homosexuelle Liebe ist nicht besser und nicht schlechter als heterosexuelle Liebe, außer man ist homophob, bezeichnet heterosexuelle Liebe nicht miteinander fortpflanzungsfähiger Männer und Frauen ebenfalls als minderwertige Liebe und entzieht ihr die Rechte der Ehe oder dergleichen.

An einer anderen Stelle muss man aber durchaus einen Punkt anerkennen. Es ist das Ding mit der heißdiskutierten Quote. Ich bin bezüglich der Quote eher indifferent – wenn nichts Anderes hilft gegen das Aufbrechen von Männer-Clubs, in die auf einer bestimmten Macht- und Einkommensebene keine Frauen mehr reinkommen, dann wäre die Quote sicher ein Werkzeug. Ob das so ist, kann ich aber nicht genug beurteilen, um ein qualifiziertes Urteil abzugeben. Gehen wir nun aber mal davon aus, dass eine Geschlechter/Gender-Quote als einziges, letztes Mittel gerechtfertigt ist, um gläserne Decken zu durchbrechen. Stellt sich die Frage: Wollen wir ein Pflaster für eine aktuelle Wunde, oder wollen wir gleich ein Paket und es richtig machen, so dass das Pendel weder in die eine noch in die andere Richtung so stark ausschlagen kann, dass wir es monieren müssen?

An dieser Stelle frage ich mich schon immer: Wenn wir – ich als Frau eingeschlossen – einen 100% aus Männern bestehenden Aufsichtsrat als etwas anerkennen, das es Frauen problematisch macht, in diese Stufe der Macht einzusteigen, wäre das nicht auch so, wenn in 10, 50, 200 Jahren rein weibliche Aufsichtsräte existierten, nur eben für die Männer? Wie können wir also eine asymmetrische Quote fordern, mindestens 30% Frauen, aber nicht mindestens 30% Männer im Gegenzug gleich mit?

Für mich persönlich steht natürlich immer der akute Missstand, wie eben eine asymmetrische Diskrimierung durch selbsterhaltendes Übergewicht einer Gruppierung, im Vordergrund, wenn ich darunter leide. Aber gemäß des Kant’schen Kategorischen Imperativ sollte ich mir doch überlegen, dass ich das, was ich für mich als untragbaren Missstand identifiziert habe, auch für die anderen ausschließe, wenn ich eine Regelung zum Abbau des Missstandes entwickle? Oder etwa nicht?

Natürlich gibt es viel mehr Themen dazu, aber ich möchte ganz bewusst auf dieses erstmal Zielen, da noch ein weiterer Mit-Diskutierer in dem Anlass-gebenden Kommentarthread auf die negativen Reaktionen verwies, die (nach seiner Erfahrung bzw. seinen Quellen) Männerrechtlern entgegenschlagen. Auch das Ausweiten der „Quote“ in Macht und Gehalt nach „unten“, das ich schon oft gefordert gelesen habe, habe ich hier bewusst außenvor gelassen. Nicht, weil ich keine Meinung dazu hätte, sondern weil es sonst schlicht zu viel auf einmal wird.

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Über Talianna

Physikerin, Pendlerin, Läuferin, phantasievolle Geschichtenerzählerin inzwischen mit Durchhaltefähigkeit für ein ganzes Buch ... und gelegentlich einfach zu abgelenkte Person.
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3 Antworten zu Mal was ganz Anderes …

  1. Wortman schreibt:

    Das große Problem ist immer, das solche Quotenfrauen selten ernst genommen werden. Sie hängen immer zwischen dem Dilemma, die Intelligenz zu besitzen, diesen Job zu machen und dem Zusatz, du sitzt auf dem Posten weil es Quote ist.

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