… und noch ein Buch: Anleitung für eine Revolution

An anderer Stelle habe ich vor einiger Zeit erzählt, was ich damals gerade am Lesen war – und zwar „Anleitung für eine Revolution“ von Nadja Tolokonnikova, den meisten wohl als Teil von Pussy Riot bekannt.

Ich habe dann meinen persönlichen Eindruck geschildert – und als ich gestern „Es gibt hier nur zwei Richtungen, Mister“ hier in sehr persönlicher Weise vorgestellt habe, kam mir der Gedanke, auch meine Eindrücke über andere Bücher zu posten. Also:

Nadja Tolokonnikova – Anleitung für eine Revolution

Zunächst einmal: Das Buch besteht aus recht kurzen und einigen wenigen längeren Fragmenten. Oft sind diese als Aufrufe aufgebaut, man findet recht häufig die Struktur: Anekdote – griffiger Aufruf in einem Satz – detailliertere (Kurz-)Geschichte aus dem Leben der Autorin.

Großthematisch spielen Feminismus, Anprangerung der autoritäten Verquickung von Kirche und Staat, sowie die in der Gesellschaft verankerten, laut Tolokonnikova rückständigen Überzeugungen in Russland eine große Rolle. Natürlich kommt auch die Provokation nicht zu kurz. Immer wieder taucht das Motiv auf, dass Nadja Tolokonnikova sich nicht in die klassisch-feminine Rolle fügen will, sowohl in der Gesellschaft als auch im Straflager. Teils äußert sich das in dem Wunsch, wie ein Junge oder gar ein Junge zu sein, aber andererseits präsentiert sie sich wieder ganz deutlich als froh, eine Frau zu sein. Vielleicht auch reagierend auf das Verbot von „homosexueller Propaganda“ in Russland erzählt sie in provokativem Ton und teils recht explizit lesbische Abenteuer insbesondere während ihrer Lagerhaft. Es tauchen aber noch eine Reihe weiterer Motive auf: Polizisten Umarmen und Küssen, Protestaktionen mit Leitern, um in einen Garten zu steigen, aber auch das Verstecken vor den Behörden werden thematisiert. Im Teil über ihre Lagerhaft greift sie das Motiv der „Tradition“ auf, die hinter der Lageraufseherschaft der mordwinischen Bürger steht, ebenso wie die Kontinuität zwischen heutigen russischen Straflagern und dem Gulag-System der Sowjetunion. Allerdings habe ich den Eindruck gewonnen, dass Tolokonnikova diese Leute nicht nachdrücklich verurteilt, sondern viele quasi in einer Tradition sieht, der sie schwer entkommen können.

Insgesamt spürt man über den Verlauf des Buchs (wie auch unter dem Eindruck der Aktionen vor dem Punk-Gebet und dem nachfolgenden Prozess) eine gewisse Veränderung in den Motiven hinter der Aktionskunst des Protestes gegen die Autokratie Putins und die Verquickung von extrem konservativen Einstellungen, Kirche und Staat in Russland, die die derzeitige, antidemokratische Tendenz zementiert. Die Lagerhaft macht Tolokonnikova vor allem zu einer Kämpferin gegen die Haftbedingungen in den russischen Lagern. Insgesamt bleibt es aber bei einer teils durchaus provokanten, überspitzten Sprache und bei Motiven, die durchaus vielleicht eher revolutionär als reformerisch sind – wenn auch aktionskünstlerisch-friedfertig-frech – nicht Mahatma Gandhi, aber sicher auch nicht Sturm auf die Bastille, vom Motiv her.

Vom Sprachstil würde ich das Buch als „höher“, als „gebildeter“ ansehen als die Texte, die sie von „Pussy Riot“ in das Buch integriert. Derb ist die Sprache jedoch immer noch, teils sehr plakativ. Mir ist aufgefallen, dass sich viele Motive (Verniedlichungen, Bildung von Bezeichnungen als feststehende Begriffe) aus der Übersetzung von Solschenizyns „Archipel Gulag“ in diesem Buch wiederholen. Ich würde unterstellen, dass hier eine Mischung von typischen Sprachmotiven des gesprochenen Russisch und auch bewusste Annäherung an den Stil von Solschenizyn mischen – denn mit der Lagerhaft, dem Protest gegen die Gesellschaft, die Autokratie und die Haftbedingungen und das Haftsystem ähneln sich die Motive, wenn auch Solschenizyn als „Bildungs-Dissident“ daherkommt und Tolokonnikova bewusst teils ihre Bildung hinter dem Punk-Aktionismus, wie sie es nennt, zurücknimmt.

Insgesamt ein Buch, das ich teils recht extrem finde, mich teils aber auch exakt in den Positionen wieder finde. Ein Buch, das sicher weniger polarisieren wird, als man erwarten würde, selbst wenn es an manchen Stellen provokant – bewusst provokant gehalten ist. Dass Handlungen, die bei uns eher Kopfschütteln verursachen würden, in Russland mit gefühlt archaischen Methoden geahndet werden, ist inzwischen weit verbreitet bekannt. Das reduziert natürlich das Sensationspotential. Außerdem ist es ein Buch, das eine kämpferisch-positive, humoristische Grundhaltung mit schwierigen Themen und schwierigen Methoden zusammenbringt. Ob es mir oder anderen ‚gefällt‘, finde ich nicht so relevant. Ich finde es einfach SEHR lesenswert, würde im Kontext aber auch zu ‚Archipel Gulag‘ raten, falls mandas noch nicht gelesen hat.

Ich bin nicht sicher, ob ich damit dem Buch gerecht werde.

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Über Talianna

Physikerin, Pendlerin, Läuferin, phantasievolle Geschichtenerzählerin inzwischen mit Durchhaltefähigkeit für ein ganzes Buch ... und gelegentlich einfach zu abgelenkte Person.
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