Zwei Richtungen

… „Es gibt hier nur zwei Richtungen, Mister. Die, aus der sie kommen und die, in die sie fahren. Oder sehen sie noch eine andere?“

Mit diesem coolen Spruch lädt sich ein Anhalter bei einem Amerika-Reisenden ein, und mit diesen Worten beginnt ein neuer Teil der Geschichte des Buches „Es gibt hier nur zwei Richtungen, Mister.“ von Reinhold Ziegler. Ich möchte diesem Buch nun endlich einen Beitrag in meinem Blog widmen, da ich es – nun ja, ähm – schon wieder lese. Es ist das 33. Mal, glaube ich, vielleicht auch das 32., möglicherweise auch das 34., aber darauf kommt es nicht an. Das Exemplar, das bei mir Zuhause liegt, ist inzwischen nicht mehr hübsch, reichlich zerfleddert, kurz: ziemlich zerlesen.

Was also bringt mich immer wieder zu diesem Buch? Die Geschichte scheint simpel: Achim fliegt nach Amerika, auf der Flucht vor einer ganzen Reihe von Problemen, die sich nicht auf „Liebe“ reduzieren lassen. Er ist auch auf der Suche nach Antworten auf die Fragen, die der Satz „Papa ist in Amerika“, von der Mutter in sein klein-kindliches Ohr geflüstert, in ihm aufgeworfen hat. Doch Achim ist kein Kind mehr, er ist Anfang 30 und brauchte schon eine große Krise und den Schubs eines Freundes, der aus New York kommt, um endlich aufzubrechen. Was sich dann auf recht überschaubarer Taschenbuchlänge entfaltet, ist ein tiefer Einblick in die Frage: „Wer bin ich, wer will ich sein? Wie kann ich die Balance zwischen dem ‚für mich leben‘ und ‚für andere und mit anderen leben‘ halten?“ Man kann in dem Buch eine Liebesgeschichte sehen, auch wenn Rika, Achims Freundin, fast ausschließlich in Briefen und Telefonaten und vor allem seinen Gedanken vorkommt. Man kann einen Reisebericht darin sehen, über eine Rundreise um die USA. Auch eine Liebeserklärung an die Musik von Simon and Garfunkel und einige ihrer Zeitgenossen kann man darin sehen. Für mich war das Buch immer mehr. Mit vielen persönlichen, erstaunlich treffsicheren Metaphern, mit vielen vermeintlich coolen Sätzen, die sich als mehr entpuppen, als sie zuerst zu sein scheinen, kann man in „Es gibt hier nur zwei Richtungen, Mister“ eine Reise durch Emotionen und Veränderung, durch Erkenntnis und Bewältigung machen. Von Mobbing in der Schule schreibt Zieglers Ich-Erzähler Achim nicht viel, und doch kann man fühlen, dass auch diese Erlebnisse Achim zu demjenigen gemacht haben, der er ist, ebenso wie die Probleme mit der Vater-Figur und deren Erwartungen.

Reinhold Ziegler beschreibt auch, wie Achim in Musik, Büchern und verschiedenen anderen Dingen Trost findet. Besonders beeindruckend fand ich die Passage, in der Achim darüber erzählt, was „Walden“ von Henry David Thoreau für ihn bedeutet. Wenn man ein Suchender sei, nach Sinn, nach mehr, nach Erklärungen suche, finde man in diesem Buch immer wieder etwas Neues. So geht es mir mit dem „Mister“, wie das Buch wohl während seines Entstehens intern von Ziegler und seinen Lektoren und Verlegern genannt wurde. Ich entdecke jedes Mal etwas Neues. Insbesondere für Phasen der Veränderung, des Zweifels und der Verarbeitung möchte ich es empfehlen, es mal mit Achim und seinen Reisebegleitern Sparky und Babe zu versuchen.

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Über Talianna

Physikerin, Pendlerin, Läuferin, phantasievolle Geschichtenerzählerin inzwischen mit Durchhaltefähigkeit für ein ganzes Buch ... und gelegentlich einfach zu abgelenkte Person.
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