An manchen Tagen …

… muss ich mich ernsthaft fragen: Warum?!?

Das ist zwar ein generelles Lamento, was sehr gut auf den gestrigen Tag passt, aber mit der skurrilen Geschichte von gestern möchte ich im Interesse der Beteiligten nun nicht aufwarten.

Heute dagegen kann ich mit einem sehr konkreten, sehr „The-Highway-Tales“-mäßigen Lamento aufwarten: Drift. Wie Drift? Ja, genau, Drift!

Ich meine ganz konkret das Driften von Fahrzeugen, nicht aufgrund von durchdrehenden Rädern oder blockierenden Bremsen, sondern das Driften aus der Spur heraus. Heute Morgen, im Nebel des westlichen Abschnitts meiner alltäglichen Portion Bundesautobahn 8, kam das bemerkenswert häufig vor: PKW oder LKW, völlig egal, jedenfalls erwarte ich von jemandem, der auf einer Autobahn ein Kraftfahrzeug lenkt, dass er entweder die Spur hält oder vor dem Spurwechsel ebendiesen per Blinker ankündigt. Wildes nach rechts Driften, während man am Handy rumspielt und neben ewig freier rechter Spur auf der mittleren entlangfährt, verurteile ich ebenso wie LKW oder PKW, die ohne zu blinken, ohne Vordermann, wegen dem man bremsen müsste oder zu müssen glaubt, auf die mittlere Spur driften. Ich habe heute morgen dreimal Leute angehupt, die genau das gemacht haben. Einmal habe ich sogar einen Stinkefinger geerntet! Man gebe sich das: der andere macht den Fehler, ich hupe ihn an, er zeigt mit den Stinkefinger …

Ein Glück ist ab heute Abend erstmal Weihnachten und Urlaub für mich – somit seid Ihr sicher vor Verkehrs-Lamento und werdet nur mit Büchern, Schreib-Themen und allgemeinem Geschreibsel auf The Highway Tales behelligt.

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… und noch ein Buch: Anleitung für eine Revolution

An anderer Stelle habe ich vor einiger Zeit erzählt, was ich damals gerade am Lesen war – und zwar „Anleitung für eine Revolution“ von Nadja Tolokonnikova, den meisten wohl als Teil von Pussy Riot bekannt.

Ich habe dann meinen persönlichen Eindruck geschildert – und als ich gestern „Es gibt hier nur zwei Richtungen, Mister“ hier in sehr persönlicher Weise vorgestellt habe, kam mir der Gedanke, auch meine Eindrücke über andere Bücher zu posten. Also:

Nadja Tolokonnikova – Anleitung für eine Revolution

Zunächst einmal: Das Buch besteht aus recht kurzen und einigen wenigen längeren Fragmenten. Oft sind diese als Aufrufe aufgebaut, man findet recht häufig die Struktur: Anekdote – griffiger Aufruf in einem Satz – detailliertere (Kurz-)Geschichte aus dem Leben der Autorin.

Großthematisch spielen Feminismus, Anprangerung der autoritäten Verquickung von Kirche und Staat, sowie die in der Gesellschaft verankerten, laut Tolokonnikova rückständigen Überzeugungen in Russland eine große Rolle. Natürlich kommt auch die Provokation nicht zu kurz. Immer wieder taucht das Motiv auf, dass Nadja Tolokonnikova sich nicht in die klassisch-feminine Rolle fügen will, sowohl in der Gesellschaft als auch im Straflager. Teils äußert sich das in dem Wunsch, wie ein Junge oder gar ein Junge zu sein, aber andererseits präsentiert sie sich wieder ganz deutlich als froh, eine Frau zu sein. Vielleicht auch reagierend auf das Verbot von „homosexueller Propaganda“ in Russland erzählt sie in provokativem Ton und teils recht explizit lesbische Abenteuer insbesondere während ihrer Lagerhaft. Es tauchen aber noch eine Reihe weiterer Motive auf: Polizisten Umarmen und Küssen, Protestaktionen mit Leitern, um in einen Garten zu steigen, aber auch das Verstecken vor den Behörden werden thematisiert. Im Teil über ihre Lagerhaft greift sie das Motiv der „Tradition“ auf, die hinter der Lageraufseherschaft der mordwinischen Bürger steht, ebenso wie die Kontinuität zwischen heutigen russischen Straflagern und dem Gulag-System der Sowjetunion. Allerdings habe ich den Eindruck gewonnen, dass Tolokonnikova diese Leute nicht nachdrücklich verurteilt, sondern viele quasi in einer Tradition sieht, der sie schwer entkommen können.

Insgesamt spürt man über den Verlauf des Buchs (wie auch unter dem Eindruck der Aktionen vor dem Punk-Gebet und dem nachfolgenden Prozess) eine gewisse Veränderung in den Motiven hinter der Aktionskunst des Protestes gegen die Autokratie Putins und die Verquickung von extrem konservativen Einstellungen, Kirche und Staat in Russland, die die derzeitige, antidemokratische Tendenz zementiert. Die Lagerhaft macht Tolokonnikova vor allem zu einer Kämpferin gegen die Haftbedingungen in den russischen Lagern. Insgesamt bleibt es aber bei einer teils durchaus provokanten, überspitzten Sprache und bei Motiven, die durchaus vielleicht eher revolutionär als reformerisch sind – wenn auch aktionskünstlerisch-friedfertig-frech – nicht Mahatma Gandhi, aber sicher auch nicht Sturm auf die Bastille, vom Motiv her.

Vom Sprachstil würde ich das Buch als „höher“, als „gebildeter“ ansehen als die Texte, die sie von „Pussy Riot“ in das Buch integriert. Derb ist die Sprache jedoch immer noch, teils sehr plakativ. Mir ist aufgefallen, dass sich viele Motive (Verniedlichungen, Bildung von Bezeichnungen als feststehende Begriffe) aus der Übersetzung von Solschenizyns „Archipel Gulag“ in diesem Buch wiederholen. Ich würde unterstellen, dass hier eine Mischung von typischen Sprachmotiven des gesprochenen Russisch und auch bewusste Annäherung an den Stil von Solschenizyn mischen – denn mit der Lagerhaft, dem Protest gegen die Gesellschaft, die Autokratie und die Haftbedingungen und das Haftsystem ähneln sich die Motive, wenn auch Solschenizyn als „Bildungs-Dissident“ daherkommt und Tolokonnikova bewusst teils ihre Bildung hinter dem Punk-Aktionismus, wie sie es nennt, zurücknimmt.

Insgesamt ein Buch, das ich teils recht extrem finde, mich teils aber auch exakt in den Positionen wieder finde. Ein Buch, das sicher weniger polarisieren wird, als man erwarten würde, selbst wenn es an manchen Stellen provokant – bewusst provokant gehalten ist. Dass Handlungen, die bei uns eher Kopfschütteln verursachen würden, in Russland mit gefühlt archaischen Methoden geahndet werden, ist inzwischen weit verbreitet bekannt. Das reduziert natürlich das Sensationspotential. Außerdem ist es ein Buch, das eine kämpferisch-positive, humoristische Grundhaltung mit schwierigen Themen und schwierigen Methoden zusammenbringt. Ob es mir oder anderen ‚gefällt‘, finde ich nicht so relevant. Ich finde es einfach SEHR lesenswert, würde im Kontext aber auch zu ‚Archipel Gulag‘ raten, falls mandas noch nicht gelesen hat.

Ich bin nicht sicher, ob ich damit dem Buch gerecht werde.

Zwei Richtungen

… „Es gibt hier nur zwei Richtungen, Mister. Die, aus der sie kommen und die, in die sie fahren. Oder sehen sie noch eine andere?“

Mit diesem coolen Spruch lädt sich ein Anhalter bei einem Amerika-Reisenden ein, und mit diesen Worten beginnt ein neuer Teil der Geschichte des Buches „Es gibt hier nur zwei Richtungen, Mister.“ von Reinhold Ziegler. Ich möchte diesem Buch nun endlich einen Beitrag in meinem Blog widmen, da ich es – nun ja, ähm – schon wieder lese. Es ist das 33. Mal, glaube ich, vielleicht auch das 32., möglicherweise auch das 34., aber darauf kommt es nicht an. Das Exemplar, das bei mir Zuhause liegt, ist inzwischen nicht mehr hübsch, reichlich zerfleddert, kurz: ziemlich zerlesen.

Was also bringt mich immer wieder zu diesem Buch? Die Geschichte scheint simpel: Achim fliegt nach Amerika, auf der Flucht vor einer ganzen Reihe von Problemen, die sich nicht auf „Liebe“ reduzieren lassen. Er ist auch auf der Suche nach Antworten auf die Fragen, die der Satz „Papa ist in Amerika“, von der Mutter in sein klein-kindliches Ohr geflüstert, in ihm aufgeworfen hat. Doch Achim ist kein Kind mehr, er ist Anfang 30 und brauchte schon eine große Krise und den Schubs eines Freundes, der aus New York kommt, um endlich aufzubrechen. Was sich dann auf recht überschaubarer Taschenbuchlänge entfaltet, ist ein tiefer Einblick in die Frage: „Wer bin ich, wer will ich sein? Wie kann ich die Balance zwischen dem ‚für mich leben‘ und ‚für andere und mit anderen leben‘ halten?“ Man kann in dem Buch eine Liebesgeschichte sehen, auch wenn Rika, Achims Freundin, fast ausschließlich in Briefen und Telefonaten und vor allem seinen Gedanken vorkommt. Man kann einen Reisebericht darin sehen, über eine Rundreise um die USA. Auch eine Liebeserklärung an die Musik von Simon and Garfunkel und einige ihrer Zeitgenossen kann man darin sehen. Für mich war das Buch immer mehr. Mit vielen persönlichen, erstaunlich treffsicheren Metaphern, mit vielen vermeintlich coolen Sätzen, die sich als mehr entpuppen, als sie zuerst zu sein scheinen, kann man in „Es gibt hier nur zwei Richtungen, Mister“ eine Reise durch Emotionen und Veränderung, durch Erkenntnis und Bewältigung machen. Von Mobbing in der Schule schreibt Zieglers Ich-Erzähler Achim nicht viel, und doch kann man fühlen, dass auch diese Erlebnisse Achim zu demjenigen gemacht haben, der er ist, ebenso wie die Probleme mit der Vater-Figur und deren Erwartungen.

Reinhold Ziegler beschreibt auch, wie Achim in Musik, Büchern und verschiedenen anderen Dingen Trost findet. Besonders beeindruckend fand ich die Passage, in der Achim darüber erzählt, was „Walden“ von Henry David Thoreau für ihn bedeutet. Wenn man ein Suchender sei, nach Sinn, nach mehr, nach Erklärungen suche, finde man in diesem Buch immer wieder etwas Neues. So geht es mir mit dem „Mister“, wie das Buch wohl während seines Entstehens intern von Ziegler und seinen Lektoren und Verlegern genannt wurde. Ich entdecke jedes Mal etwas Neues. Insbesondere für Phasen der Veränderung, des Zweifels und der Verarbeitung möchte ich es empfehlen, es mal mit Achim und seinen Reisebegleitern Sparky und Babe zu versuchen.

Ich bin anders

Ich lebe unter Euch.

Meine Stimme klingt etwas anders als Eure Stimmen, mein Körper sieht etwas anders aus als Eure Körper. Ich kann manches nicht, was Ihr könnt. Mein Lebensweg ist anders verlaufen als Eurer. Manchmal muss ich mich anstrengen, muss Dinge tun, die Ihr nicht wisst, um mehr auszusehen, mehr zu klingen, mehr zu sein wie Ihr. Ich tue das nicht nur für Euch, sondern auch für mich: für mein Selbstwertgefühl, für meine Zufriedenheit mit der Person, die mich aus dem Spiegel anschaut. Denn ich lebe nach Euren Normen.

Ich gehöre dazu, bin gut ausgebildet, habe eine Arbeit, eine Familie, zahle Steuern und Kranken- und Renten- und Arbeitslosen- und Pflegeversicherung. Ich gehöre dazu, viele andere, die nicht so sind, teilen Teile meiner Abweichungen von der „Norm“, von dem, was als normal empfunden wird. Ich habe Freunde, die wissen, dass ich anders bin, und denen es nichts ausmacht. Ich habe Kollegen, Fremde, die wissen, dass ich anders bin, die mich nicht merken lassen, ob es ihnen etwas ausmacht. Ich habe Freunde, Kollegen, Fremde, von denen ich nicht weiß, ob sie wissen, dass ich anders bin.

Es gibt Menschen, die mich kalt und feindselig anschauen. Es gibt Menschen, die das, was ich bin, unnatürlich, unnormal nennen. Es gab Zeiten, in denen undenkbar war, was ich bin. Es gibt Gesellschaften, in denen das, was ich bin, undenkbar zu halten versucht wird, obwohl alle es nun mal gesehen haben. In denen man solche wie mich nicht will, sie bestraft für das, was sie sind. Ich habe es mir nicht ausgesucht, rufe ich! Gehöre ich dazu?

Es macht mir Angst, wenn Menschen sagen: unser Wohlstand ist in Gefahr, wir wollen unter uns bleiben. Unter den Normalen! Denn bin ich normal? Ich bin nicht dort, nicht das, was mein Körper nach der Geburt sagte, dass ich es bin. Man merkt es, dass ich anders bin. Anders ist nicht normal, oder? „Was ist schon normal?“, fragt Ihr. Niemand ist normal, denn es ist ein statistischer Durchschnitt. Dennoch guckt Ihr komisch, redet darüber, wenn ich nicht dabei bin. Das ist okay, klar, man redet über besondere Eigenschaften. Aber wenn es darum geht, dass die Bettdecke tagtäglich etwas kleiner wird, und sei es nur gefühlt, dann ist jeder sich selbst der Nächste. Dann guckt man: wer sticht raus? Der oder die ist nicht normal! Bevor Ihr’s den Normalen wegnehmt, nehmt es denen, die nicht normal sind, uns Geld gekostet haben, die nicht von hier sind!

Auch ich tue das. Ist jemand anders? Guck‘ mal, der oder die ist anders! Andere wie der oder die tun uns dieses oder jenes an, habe ich gehört, sei vorsichtig! Ich guck‘ über die Schulter, wenn ich Schritte hinter mir höre. Wenn der oder die hinter mir „anders“ ist, läuft’s mir gleich nochmal so kalt über den Rücken. Weil ich weiß, dass ich anders bin, verletzbarer. Die, die „anders“ sind, schlagen zuerst mal die, die auf andere Weise oder noch mehr anders sind als „alle“.

Ich habe Angst vor extrem konservativen, traditionellen, „rechten“ Bewegungen. Sie leben davon, alles Übel der Welt denen in die Schuhe zu schieben, die anders sind. Sie leben davon, diese Anderen den angstvollen Normalen aus den Augen zu nehmen, sie wegzuschicken, einzusperren. „Die, die anders sind, kosten uns Geld, machen uns kaputt, gefährden unseren wenigen Wohlstand! Ich will nicht mit denen teilen müssen, die anders sind, die hierhergekommen sind, um unseren Wohlstand, unsere Privilegien, unsere Normalität zu teilen!“

Solche Worte sagt der radikale und manchmal auch der weniger radikale Islam, solche Worte sagt aber auch die AfD, Geert Wilders, Marine Le Pen, Donald Trump. Vor allem aber sagt solche Worte der „kleine Mann“, der um seinen Wohlstand fürchtet. Aber vielleicht hilft es ja gar nicht, die loszuwerden, die anders sind, uns Geld kosten, nicht hier in der Normalität geboren sind. Dann sucht man nach neuen Anderen, die schuld sind. Irgendwann sind die dran, die auf die Weise anders sind, wie ich es bin.

Ihr behauptet, wir wollen Euch aufzwingen, so zu sein wie wir es sind. Ihr sagt Worte wie „Islamisierung“, Sätze wie „Homo-Ehe? Na, so lang’s keine Pflicht wird!“ Was Ihr meint, ist: „Wir sind die Norm. Wir wissen, dass wir darauf pochen, die Norm zu sein, deswegen schreiben wir Euch zu, dass Ihr das auch versuchen werdet. Ihr seid anders. Passt Euch an oder geht uns aus den Augen.“ Aber wenn wir uns anpassen, sind wir verdächtig, kosten Geld. Auch dann wollt Ihr uns nicht.

Haben wir überhaupt eine Chance bei Euch? Ja, sagt Ihr uns. Aber wenn Ihr das Ganze konsequent weiter denkt, könnt Ihr nicht dem Schwulen sagen: „Du hast eine Chance bei uns, Du bist ja mehr wie wir als die anderen.“, und dann den Moslem rauswerfen. Ihr werdet sagen, der Schwule könne nichts dafür, was er ist, und unsere Argumentation gegen uns umdrehen. Misstraut Ihr dem Moslem, weil er Moslem ist? In Euren Köpfen vielleicht schon. Nach außen hin guckt Ihr auf Hautfarbe, Gesichtsschnitt, Klang der Stimme, Akzent. Das kann dieser Andere, der vielleicht kein Moslem ist, nicht ändern, außer er ist Michael Jackson.

Ihr zündelt mit der Angst vor denen, die anders sind. Ihr zieht Linien, aber es ist eine „Defense in Depth“ der Allernormalsten. Wenn es nicht reicht, die eine Gruppe auszuweisen, auszugrenzen, zu internieren, dann kommt der nächste Sündenbock. Davor, genau davor habe ich Angst. Denn ich bin die Nächste auf irgendeiner Liste. Ich war versucht, hier zu schreiben: „Nein, ich bin nicht A, B, C oder D. Sondern ich bin E.“ Was Ihr für die Buchstaben einsetzt, nach absteigendem Ressentiment, könnt Ihr Euch aussuchen. Ich habe es nicht getan, denn ich will nicht diese Linien ziehen, nicht sagen: „Schmeißt die vor mir raus, verprügelt die vor mir, die sind schlimmer als ich!“ Ich schreib’s direkt. Ich bin transsexuell. Geschützt nach einem Gesetz, das dieses Land in einer unfortschrittlichen Phase gemacht hat, in der Fortschritt, gesellschaftlicher Fortschritt erwünscht war. Aber ich trage nicht zur Vermehrung der „aufrechten Deutschen“ bei und ich habe sie durch meine medizinische Behandlung einen Haufen Geld gekostet. Ich bin auf diese Welt gekommen, in dieses Land gekommen (durch Geburt, aber ist das anders, als über die Grenze zu kommen?) und habe mir erstmal meinen Unterleib richten lassen.

Wenn Ihr mit dem Ressentiment weit genug gekommen seid, landet Ihr bei mir. Vor einiger Zeit hatte ich ein Gespräch mit einer hochgebildeten Dame in einer bedeutenden, unterbezahlten, untergewürdigten Position. Sie gehört dazu, sie ist normal in jeder Hinsicht, für mich und für andere. Dann haben wir über Ressentiments gesprochen, und schließlich landeten wir bei der Angst. Ich meinte, „damals“ wär’s bei mir der rosa Winkel an der Häftlingsklamotte gewesen. Sie meinte: „… und bei mir der gelbe Stern.“

Nennt das nicht die Nazi-Keule! Schon applaudieren die ersten Normalen, wenn von den Militanten die Flüchtlinge als unwillkommen verbrüllt werden. Schon denkt einer in einem Land, in dem fast jeder irgendwann eingewandert ist, über Selektion der neuen Einwanderer nach Religion nach, und die Leute bejubeln ihn dafür. Die Normalen, aber auch die, die ein kleines Quäntchen weniger anders sind als die, auf die im Moment gezeigt wird. Sie wollen dazugehören. Das will ich auch. Aber wenn es bröckelt, wer dazugehört, wenn der Ton harscher wird gegen die, die nicht dazugehören, dann brüll‘ ich nicht mit. Denn wie viele, viele andere bin ich anders genug, zu den Nächsten zu gehören.

Denkt mal drüber nach. Verbockt es nicht. Angst, Ressentiment, Sündenböcke Finden ist wie eine Sucht. Man braucht mehr. Es hört nicht auf. Beendet es jetzt, bevor es noch schwerer wird. Bitte!

Rechtsfahrgebot im Mammutsatz

Ist es nicht bigott, ein Überholverbot für LKW zu fordern, weil sie 87km/h auf der mittleren Spur neben einem anderen LKW, der 86km/h auf der rechten Spur fährt, wenn bei Tempolimit 120km/h (oder gar unbegrenzt) PKW  auf der mittleren Spur mit 91km/h die 1,5km zwischen zwei rechts fahrenden LKW in 18 Minuten zurücklegen, ohne rechts rüber zu fahren?

Inspirationen

Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass ich „Am Rand des Strömungsabrisses“ geschrieben habe? Das ist nicht ganz so einfach zu beantworten wie die Frage, wie ich zu meiner Langstreckenpendelei gekommen bin – aber so schwer ist es auch nicht.

Es begann mit zwei Filmsamstagabenden mit meinem Mann, auf dem Sofa liegend. Wir schauten am einen Abend den „Green Lantern“-Film und am nächsten „Top Gun“. Kann auch umgekehrt gewesen sein. Jedenfalls setzte in diesem Moment bei mir ein Mechanismus ein: „Hmm, ich habe Top Gun ewig nicht gesehen, aber cool finde ich ihn immer noch. Auch wenn ich Tom Cruise nicht cool finde. Und sowohl der dann zum Superhelden werdende Hal Jordan als auch Tom Cruise sind mit zu glatt. Und sie sind Jungs…“ An der Stelle hätte ich mich ausklinken können. Aber meine Phantasie gibt sich nicht geschlagen. Die Idee gärte in meinen Gedanken und dann entstand nach und nach Jenny Korrenburr, die lange nicht so cool und glatt ist, wie „Maverick“ in „Top Gun“, aber es zu gerne wäre – und die auch eine Sache zu verarbeiten hatte. Ich begann, meine neue Gestalt in gemeinsamen kleinen Chatspielen mit meinem besten Freund auszutesten, und dann fing es an: Ich begann, „Das erste Mal“, das erste Kapitel von „Am Rand des Strömungsabrisses“ zu schreiben. Damals war der Arbeitstitel noch etwas sperriger: „Leben am Rand des Strömungsabrisses“. Ich denke, ich bin mir mit mir selbst einig, dass das Abschneiden der ersten beiden Worte eine gute Idee war.

Ich habe mich manchmal gefragt, ob ich letztlich eher etwas wie einen Fanfic geschrieben habe, aber inzwischen bin ich mir sehr sicher, dass das nicht der Fall ist. Zudem war die schon in meinem Kopf entstandene, sich immer weiterentwickelnde Welt „Tethys“ eine hervorragende Kulisse für eine Geschichte, die ebenso gefühlvoll und schwierig wie cool sein sollte. Ich würde es glaube ich nicht mögen, mit Jenny zusammenzuarbeiten – aber ich habe sie mit der Zeit einfach liebgewonnen. Manchmal habe ich fast vergessen, dass alles mit einem „Hmm, Hal Jordan und Maverick sind schon cool, aber ich will einen weiblichen Piloten, weniger glatt, weniger cool, und doch cooler.“ begann. Ob das gelungen ist, darf jeder gern selbst beurteilen.

Man lernt nie. Aus!

Tja, dass ich ein Buch geschrieben habe, habe ich hier nun ein bisschen ausgebreitet. Auch, dass das Buch nicht vom Autoverkehr handelt, habe ich Euch erzählt.

Nun habe ich viele Dinge beim Schreiben und zur Veröffentlichung Vorbereiten meines Buchs gelernt – über eBook-Formate, über Lektorat, über … nun, vieles. Eine weitere Sache lerne ich aber gerade in diesen Tagen: Werben. Während ich hibbelig meinen Verleger alle paar Tage mit der Frage nach Verkaufszahlen nerve, überlege ich zugleich, wie man das Buch bekannter machen kann. Neben den üblichen Kanälen – mein Blog, mein Facebook-Profil, das persönliche Gespräch – suche ich nach weiteren Wegen. Ein bisschen was zum Thema Werbung habe ich auch als Kind schon gehört: Meine Mutter hat Graphik-Design studiert und wollte bei einer Werbeagentur anfangen, als ich sozusagen „dazwischenkam“. Somit habe ich durchaus Erzählungen meiner Mutter über Werbung, wie das geht und wie man etwas dafür designt angehört, als ich ein Kind war. Nicht, dass hier ein falscher Eindruck aufkommt: Meine Mutter hat ihre Karriere zwar nicht gerne für mich und meine Schwester hintenangestellt, man könnte auch sagen: aufgegeben. Aber spüren lassen hat sie uns das nie.

Zurück zum Thema: Meine Mutter erklärte öfter, worum es letztlich geht: Aufmerksamkeit Generieren. Das geht auf zweierlei Extreme: besonders gute, intelligente, gewitzte Werbung auf der einen Seite – die schwere Variante. Die Werbung, bei der sich alle an den Kopf fassen und erklären: „Mein Gott, wie schlecht!“, die funktioniert genauso gut und ist zudem leichter zu erreichen. Oder auch: Ein berühmter PR-Manager sagte wohl einmal: „Schreiben Sie über mich, was Sie wollen – aber schreiben Sie meinen Namen richtig!“

Nun bin ich jetzt selbst in der Verlegenheit, ein Produkt zu haben, das ich gerne bekannter machen würde. Ich mag eigentlich nicht den Weg gehen, möglichst tiefes Niveau zu erreichen, um Aufmerksamkeit zu generieren. Zugegeben: mit schlechten Wortwitzen aus meiner Freundeskreise um Likes zu auf Facebook zu heischen, das habe ich zum Sport erhoben. Aber wenn es um „Am Rand des Strömungsabrisses“ geht, will ich das eigentlich nicht so machen. Also habe ich mal ganz unschuldig und sehr neugierig auf den Button „Werben auf Facebook“ geklickt. Ich weiß nicht, wer von meinen Lesern hier wie viel Erfahrung damit hat, in sofern schreibe ich vielleicht nur Triviales, aber vielleicht ist es ja interessant, hilfreich oder zumindest amüsant, wenn ich über meine ersten Erfahrungen berichte:

Als erstes habe ich mal eine Seite für „Am Rand des Strömungsabrisses“ erstellt. Das ist der erste Punkt, in den einen diese Werbung auf Facebook hineinleitet. Es ist auch ganz einfach: Man bestimmt einen Namen der Seite, gibt ihr noch eine direkte Adresse, setzt ein Profil- und ein Hintergrundbild drauf, ganz wie bei einem persönlichen Profil. Die Anordnung der Bilder, Buttons und Leisten ist beim Ergebnis etwas anders als bei einem Profil, aber letztlich doch noch immer sehr ähnlich. Wenn man schon ein geeignetes Titelbild hat (was bei mir durch das Buchcover ja der Fall war), sieht das auch recht schnell ganz hübsch aus. In meinem Falle war dann auch noch das Logo von „Star Cargo“ bereits vorhanden, das für die Firma des Vaters meiner Romanheldin steht – der Stern mit Armen, der ein Paket trägt. Das wurde dann das Profilbild von „Am Rand des Strömungsabrisses“ und somit war das Meiste schon da.

Nun ging es daran, die Seite zu verwalten, mit Beiträgen und relevanten Informationen zu füllen sowie bekannter zu machen. Als erstes lernte ich, dass es ein Textfeld für das Impressum sowie mehrere Textfelder für Kontakt gibt. Ich habe also erstmal ein Impressum erstellt – es gibt da nette Informationen, die man auch per Websuche finden kann. Bei mir fiel die Wahl auf den Guide von erecht24. Im selben Aufwasch habe ich auch das Impressum der Highway Tales etwas erweitert. Anschließend kamen ein paar weitere Informationen hinzu, schließlich habe ich ein paar weitere Informationen als erste Beiträge auf die Seite gestellt – zum Beispiel die Karten, die Leser der Highway Tales schon von hier kennen. Nahezu alle Leute auf meiner Freundesliste einzuladen, war der nächste Akt.

Das Ergebnis

So weit, so gut. Nun sprang mir noch der Button „Call to Action“ ins Auge. Dort verlinkte ich mit dem Button-Titel „Jetzt einkaufen!“ die Webseite des Bayer-Verlags, und zwar konkret die zu „Am Rand des Strömungsabrisses“, wo man Links auf alle Shops, in denen das eBook angeboten wird, angeboten bekommt. Somit sind’s drei Klicks von der Facebook-Seite bis zum eBook. Nicht optimal, aber da es mobi und ePub als Formate gibt und ich noch nicht herausbekommen habe, wie man zwei Buttons setzt, muss das erst einmal reichen.

Nun galt es, Reichweite zu erlangen. Facebook nennt das „Hervorheben“ der Beiträge. Was das meint, ist letztlich: Werbeanzeigen in Form von „empfohlenen Beiträgen“ in den Newsfeed von Facebook-Nutzern zu platzieren. Damit freilich verdient Facebook sein Geld, und somit kostet es etwas Geld, eine solche Kampagne zu starten. Man legt eine Laufzeit fest, einen täglichen Betrag, der von Facebook „möglichst optimal“ ausgegeben wird. Dann lässt Facebook den Werbebeitrag „automatisch“ auf Plätze für zu platzierende Anzeigen bieten, gibt das gegebene Budget oder einen möglichst nahe daran gelegenen Betrag aus. Wichtig dabei ist, eine Zielgruppe festzulegen – man kann Alter, Herkunft, Sprache auswählen, auch geschlechtsspezifisch kann man werben. Rückmeldung bekommt man dabei über ausgegebenes Budget, erreichte Personen (was letztlich heißt: Wie viele Leute haben diese Anzeige in ihrem Newsfeed gesehen) und daraus resultierende Likes und Seiten-Interaktionen. Eine Statistik-Seite zur zu bewerbenden Webseite gibt Aufschluss darüber, wie viele Interaktionen, Likes und so weiter „organisch“ entstanden sind, also durch die eigene Freundesliste und aktives Teilen durch andere Leute, und wie viele „eingekauft“ sind, also aus Klicks auf die „empfohlenen Beiträge“ resultieren. So kann man auch bewerten, ob die Kampagne erfolgreich ist oder nicht.

Da ich nur mal ein bisschen damit gespielt habe und meine erste Kampagne noch läuft, kann ich noch nicht mit schlüssigen Ergebnissen meiner Erfahrung aufwarten. Natürlich sind am Anfang die „organischen“ Likes und Interaktionen in der Überzahl – knapp über 280 Facebook-Kontakte habe ich, dazu ein paar Abonnenten, wenn man denen allen einen Like empfiehlt und auch nur 10% annehmen, dann wird viel mehr bei rumkommen als die „1-3 Interaktionen“, die Facebook bei vergleichbar erschwinglichen Budgets verspricht (und bisher auch gehalten hat, in meiner Aktion).

Ich bin allerdings sehr gespannt, wie das dann über die Zeit weiterläuft: Ob aus organisch entstandenen Likes und Interaktionen (und organisch entstandenem Teilen der Seite des Strömungsabrisses) oder aus neuen Anzeigen mehr zusätzliche Reichweite entsteht. Das muss sich aber über die Zeit zeigen. Ich drohe hier schonmal an, darüber zu berichten … und ende mit dieser Drohung an dieser Stelle.