Laufen und Schreiben

Manchmal gibt es seltsame Kombinationen von Dingen, die dennoch hervorragend ineinandergreifen. Dieses Mal ist es bei mir das Laufen und das Schreiben meines Buches. Dafür werde ich allerdings ein wenig „ausholen“ müssen.

Die Welt, auf der mein Buch spielt, ist der unsrigen nicht unähnlich. Aber es gibt einen möglicherweise etwas exzentrischen Grund, warum ich mein Buch ungern auf der Erde spielen lassen wollte. Es geht dabei um Realismus. Schreibe ich eine Geschichte, die in der realen Welt spielt, habe aber vielleicht nicht jeden Aspekt im Detail schon selbst erlebt, so werde ich sehr wahrscheinlich Dinge mit Phantasie füllen, die manche meiner Leser besser wissen. Die Folge wäre, dass man mir berechtigterweise vorwerfen würde, Nichtwissen durch Phantasie zu ersetzen und der Realismus ohnehin gebrochen wäre. Meine Konsequenz war, eine (in meinem Kopf längst vorhandene) Welt zu benutzen, die reichlich erdähnlich ist, aber eben nicht die Erde ist. Es handelt sich um die von mir „Tethys“ benannte Welt, einen Planeten mit Kontinente um die Pole und einem breiten, den gesamten Äquator umspannenden Meer.

Nun ergab sich, dass ich den Unterschied betonen wollte, und das habe ich durch die Zeitrechnung erreicht. Im Staatenbund der Länder des Nordkontinents rechnet man die Jahre (also einen vollen Zyklus der Jahreszeiten) seit Gründung des Staates, der Vormacht dieser Nordallianz ist. 929 n. d. G. ist also das 929ste Jahr nach der Gründung dieses Staates. Da es meine Welt ist, konnte ich auch an der Länge des Jahres feilen – und habe es getan. Das dortige Jahr dauert knapp 1000 Tage statt wie unseres 365,2422. Hat man ein tausendtägiges Jahr, so bietet sich ja auch eine dezimale Einteilung des Tages an. So ist ein (Tages-)Zehntel der Zeitraum, den wir zweieinhalb Stunden nennen würden, ein Hundertstel ist eine Viertelstunde und ein Tausendstel etwa anderthalb Minuten. Ein Hunderttausendstel (auch „Tick“ genannt) entspricht nahezu einer Sekunde.

Natürlich ergeben sich daraus auch andere Einheiten, wie Geschwindigkeit und Frequenz. Die genauen Werte sind nicht wichtig, und ich verwende die Zeitangaben im Buch auch so, dass sich die Länge des Zeitraumes aus dem Kontext ergibt. Man braucht also keine Tabelle – und ich bin auch nicht die erste, die eine solche Zeitrechnung einführt: Die „Blues“ in Perry Rhodan, beherrschende Rasse der galaktischen Eastside, verwendet das Zehntel-System. Und auch hier war eigentlich immer aus dem Kontext ersichtlich, wie lang die Zeiträume waren, als mein Mann mit die entsprechenden Geschichten aus den „Silberbänden“ vorlas.

So, nun endlich der Bezug zum Laufen: die Einheit für Geschwindigkeit sind Schritt. Das sind Meter pro Tick, somit recht nahe an Meter pro Sekunde – der genaue Umrechnungsfaktor ist 1,16. Es ergibt sich also, dass ein „Schritt“ 4,2km/h entspricht. Die Einheit der Frequenz wären natürlich Schwingungen pro Tick … analog zu unserer Einheit „Hertz“, die als Schwingungen pro Sekunde definiert ist. Nach einer Physikerin auf Tethys heißt diese Einheit „Strell“. Ein „Strell“ entspricht ziemlich genau 1,16 Hertz und etwa 70 Schwingungen pro Minute. Und gestern bin ich dann knapp neun Kilometer weit gelaufen, in ziemlich genau einer Stunde – mit einer Herzfrequenz von 140 Schlägen pro Minute. Die Fitteren unter Euch werden sehen, das ist nicht gerade Couch-Potato, aber richtig gut ist es sicher auch nicht. Dennoch. Es waren „2 Schritt, 2 Strell“. Und da Fitness voller Faustformeln ist, wird es in meinem Kopf in Zukunft auf Tethys eine Menge Fitness-Ratgeber geben, die ihren Lesern ans Herz legen, sich „2 Schritt, 2 Strell auf eine bestimmte Strecke“ als Ziel vorzugeben.

Ich denke mir, dass das ein wenig geekig erscheint. Aber ich möchte meine Welt beleben – selbst wenn die Dinge nicht in den Büchern vorkommen. Ich kann nur über Dinge schreiben, wenn sie in einen funktionierenden Alltag eingebettet sind, selbst wenn ich meinem Leser darüber nichts erzähle, in den Büchern. Somit ist die „2 Schritt, 2 Strell“-Regel für mich ein weiteres Puzzle-Teil auf dem Weg zu einem auch im Alltag vollständigen Tethys, in dem hoffentlich viele weitere meiner Geschichten – im Kopf, erzählt und als Bücher geschrieben – erzählt werden können.

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Über Talianna

Physikerin, Pendlerin, Läuferin, phantasievolle Geschichtenerzählerin inzwischen mit Durchhaltefähigkeit für ein ganzes Buch ... und gelegentlich einfach zu abgelenkte Person.
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5 Antworten zu Laufen und Schreiben

  1. autopict schreibt:

    Das passt alles soweit, du könntest noch die Schwerkraft einbinden, dann hebt man ab wenn man zu schnell rennt oder eben die Geschwindigkeiten sind relativ gesehen anders.
    Davon abgesehen ist eine gewisse Logik des Zusammenspiels der Umgebungsvariablen kein Fehler.
    👽

    • Talianna schreibt:

      Die habe ich in etwa gleich gelassen, die gute Schwerkraft. Denn eine viel größere oder viel kleinere Fallbeschleunigung würde ja auch die bevorzugten Formen von Körpern von Lebewesen bedingen – und da hänge ich doch am Modell des Menschen in Sachen Aussehen.

  2. Wortman schreibt:

    Ich finde es interessant, was du da so ausgearbeitet hast.

    • Talianna schreibt:

      Das hat sich über die Zeit entwickelt. Tethys existiert schon recht lang – ich bin nicht sicher, ob ich Tethys angefangen habe zu basteln, als ich vor dem Studium noch bei meinen Eltern wohnte, oder direkt nach Beginn des Studiums – in jedem Falle war es vor dem Jahr 2000 n. Chr. Irgendwann kam dann das Dezimale Zeitsystem, das längere Jahr. Als ich am „Strömungsabriss“, meinem Buch, geschrieben habe, hatte ich zuerst eine Zeitrechnung in Stunden, Minuten, Sekunden etabliert. Aber nach den ersten drei, vier Kapiteln hatte ich völlig Widerwillen zu entwickeln begonnen, das „terrestrische“ System zu verwenden, statt des tethysianischen. Somit habe ich recht rasch Stunden durch Zehntel und Hundertstel, Minuten durch Tausendstel und Sekunden durch Ticks ersetzt.

      In der endgültigen Konsequenz müssen natürlich auch noch Kraft- und Energieeinheiten ersetzt werden, aber da das für die Bücher echt keine Rolle spielt, habe ich es bisher nicht getan. Wenn ich es dann tue, wird es wohl auch nicht gleich in einem Buch landen.

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