Kollateralschaden

Ich sehe schon jetzt eine Woche mit viel Stau, viel Frust auf der Autobahn voraus. Nicht, weil ich pendle. Auch wenn viele Leute in meinem Umfeld die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, dass ich pendle, und dann auf welcher Strecke – normalerweise kriege ich das ganz gut auf die Reihe. „Wie hältst du das aus?“, fragt man mich. Aber so schwer ist das gar nicht, es gibt Mechanismen, damit umzugehen. Und die funktionieren im Moment bei mir ganz gut.

So lange die Straße halbwegs frei ist und ich nicht mehr als das Anderthalbfache der Zeit benötige, die auf einer freien Straße nötig wäre. Aber genau das kündigt sich gerade an. Der Lokführerstreik hat in der Vergangenheit immer wieder dazu geführt, dass die Straßen voll waren – nicht nur um Stuttgart, wo ja auch die S-Bahn von der Deutschen Bahn betrieben und damit vom Streik betroffen ist. Sondern auch an den derzeitigen Engpässen auf der A8. Sowohl an der Baustelle zwischen Pforzheim West und Karlsbad in beiden Richtungen als auch an der Anschlussstelle Pforzheim Ost bricht sich der Verkehr des öfteren, selbst wenn nicht mehr Leute – und vor allem eine Menge mehr Leute ohne die Erfahrung täglichen Auto-Pendelns auf der Straße sind. Es kündigt sich also eine Woche an, in der ich viel auf der Straße stehen werde.

Aber warum das Ganze? Ich bezweifle, dass ich die genauen Modalitäten des Tarifstreits bei der Bahn verstanden habe. Natürlich lese ich darüber Nachrichten, auch Kommentare und dergleichen. Aber im Kern der Sache muss doch mehr sein, als einfach nur die Frage, welche Berufsgruppen von einer Spartengewerkschaft zusätzlich zu deren eigentlicher Sparte neu mit vertreten werden, oder? Weil wenn es nämlich wirklich nur um diesen Punkt ginge – und somit die Berichte, die ich lese, die Kommentare, richtig sind …

In diesem Falle, unter dieser Prämisse ist eigentlich nur ein Schluss möglich: die GDL, der Herr Weselsky und wer immer diesen Streik mit trägt, handeln verantwortungslos und unverantwortlich. Mehr noch, sie handeln bewusst schädlich, um Machtinteressen durchzusetzen. Eine nicht unbeträchtliche Menge Menschen in Deutschland pendeln über nicht unbeträchtliche Strecken zu ihrer Arbeit – um ihr Lebensumfeld nicht zu verlieren, wenn sie an anderer Stelle Arbeit gefunden haben. Diesen Menschen, ob sie nun in bestreikten Bahnen zur Arbeit fahren würden oder auf durch den Streik verstopften Straßen, sagt der GDL-Streik: „Eure Lebenszeit, Eure Arbeitszeit ist weniger wert als ein Machtkampf zwischen zwei Gewerkschaften.“ Ich weiß nicht, was sich die Zugbegleiter und Rangier-Lokführer in der GDL davon versprechen, von der GDL statt der EVG vertreten zu werden. Vielleicht sollten sich GDL und EVG einfach zusammensetzen, wenn man sich eben durch die „Schlagkraft“ der Lokführer bei Streiks erheblich bessere Tarifabschlüsse verspricht, und gemeinsame Strukturen entwerfen und die Bahn für ALLE Zugbegleiter und alle Lokführer, ob nun Rangier- oder nicht unter Druck setzen. Vermutlich würde damit ein für alle passables Ergebnis erzielt, dessen Lohnsteigerungen deutlich über z.B. dem TV-L-Abschluss, der mich betrifft, liegen würde. Und die Streiks wären erheblich schneller gegessen.

Noch ein Gedanke zum Schluss: Ich habe vor Zusammenschluss von Forschungszentrum Karlsruhe und Universität Karlsruhe dort meine Promotion begonnen. Ich saß am Forschungszentrum, war aber durch die Uni angestellt – im selben Büro saßen Doktoranden mit Forschungszentrums-Verträgen. Nicht, dass ich mich über die Modalitäten beschweren will, sicher nicht. Aber die Bezahlung war signifikant unterschiedlich, dafür war die Zahl der Urlaubstage anders ausbalanciert, daneben gab’s noch Stipendien, die wieder anders dotiert waren – wenn Menschen nebeneinander dasselbe tun, aber zu sehr unterschiedlichen Bedingungen, dann schürt das Neid und Unfrieden und Unzufriedenheit. Frust ist nicht gut für das Arbeitsklima, und ein schlechtes Arbeitsklima ist nicht gut für Mitarbeiter und nicht gut für das Unternehmen. In dieser Hinsicht kann ich aus meiner (zugegebenerweise kleinen und unbedeutenden) Erfahrung heraus sagen, dass konkurrierende Tarifabschlüsse vermeiden zu wollen eine sinnvolle Doktrin der Bahn darstellt.

Und nach diesen Gedanken habe ich um so weniger Verständnis für den Streik, der mich vermutlich auf meiner heiß gehassliebten A8 diese Woche einige Nerven kosten wird.

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Über Talianna

Physikerin, Pendlerin, Läuferin, phantasievolle Geschichtenerzählerin inzwischen mit Durchhaltefähigkeit für ein ganzes Buch ... und gelegentlich einfach zu abgelenkte Person.
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