Technikabhängigkeit

Ich habe am Wochenende mit meinem Mann gemeinsam eine Folge der Serie seaQuest DSV gesehen, in der es um eine Zeitreise in die Zukunft ging, die durch einen Computer aus der Zukunft ausgelöst wurde. Dieser Computer, eine künstliche Intelligenz sogar, sorgte sich um die letzten beiden Menschen, die es noch gab – aus einer Brutstätte künstlich erschaffen. Die beiden – ein Mädchen und ein Junge – beschäftigten sich mit Video-Spielen und hatten einander noch nie real gesehen. Ziemlich aufgesetzt wurde nun konstruiert, dass die Besatzung der seaQuest den Computer deaktivieren musste, damit die beiden sich real miteinander beschäftigten und den Fortbestand der Menschheit sicherten. Den Computer zu deaktivieren erforderte Menschen aus der Zeit vor der Erstellung dieses Computers, der sehr viele Service-Aufgaben erfüllte, da Menschen, die diesen Computer von klein auf erlebt hatten, sich wohl weigern würden, ihn abzuschalten.

Ganz abgesehen von dem ziemlich seltsamen Weltbild, das in der Folge präsentiert wird – „Der Fortbestand der Menschheit bedingt den Fortbestand der Welt“ – hat mich das Ganze doch zum Nachdenken gebracht. Freilich denke ich nicht in dem technologiefeindlichen Geist darüber nach, den die Folge präsentiert. Aber ich betrachte zum Beispiel nun mal das Gespräch, das ich am Sonntag mit meinem Schwager hatte, als ich gerade bei ihm eine Pause vom Laufen machte, durch diese Sichtweise. Wir – beide Läufer – sprachen zuerst über Laufschuhe. Meine neuen Mizunos kamen zur Sprache, auch wenn ich die Asics an hatte. Aber dann ging es an Puls- und Streckenmessung, Schrittzähler, GPS, Online-Auswertung. Da mein gebraucht gekauftes iPhone 4S akkutechnisch etwas schwach auf der Brust ist, erklärte ich, dass ich über einen mobilen USB-Akku nachdenke, mit dem ich zusätzliche Energie mitnehmen kann, so dass ich mir auch das „mehr“ an Energieverbrauch für im Handy integrierte Pulsmessung via Bluetooth akkutechnisch leisten kann. Wir sprachen über einige Dinge in der Richtung, und mir kam dann daheim der Gedanken: „Eigentlich nutzt Du verdammt viel Technologie.“

Ich unterstelle immer, dass ich noch nicht völlig abhängig davon bin, aber ich denke, das ist eine Illusion. Wir sind schon sehr lange von unserer Technologie abhängig, die älteren Leute sehen nur teils die neuen Technologien, von denen die „Jungen“ abhängig werden und sie noch nicht sind. Besonders augenfällig in heutiger Zeit sind freilich Computer, Internet und das zunehmend Mobile an Rechnern und dem Netz. So gesehen hängen wir aber schon seit sehr langer Zeit recht konsequent von Datenerfassung mit Technologie ab, von abstraktem Ersatz für reale Güter. Wer möchte denn schon auf Bank-Überweisungen verzichten? Oder auf Versicherungen, Rente und dergleichen? All das sind Dinge, die auf Netzwerken, Abgaben für abstrakte, nicht unbedingt vollständig sichere Güter und Datenspeicherung beruhen. Bei den einfacheren Technologien stellt sich dann die Frage: Haben wir uns klar gemacht, dass bereits mit dem ersten Wasserbau, mit den ersten Dämmen der Weg gelegt war für Hoover-Dam und Dreischluchten-Stausee, mit allen kurzsichtigen Aspekten daran, wir zum Beispiel der Unterstellung, dass der Südwesten der USA nicht trockener würde als er ohnehin schon ist? Ich habe kürzlich darüber gelesen, dass die Stauseen das Colorado zunehmend leerer sind als früher, weil weniger Wasser nachkommt und der Südwesten der USA gemessen an den aus dem Colorado speisbaren Trink- und Brauchwasser-Mengen zu viel verbrauchen.

Aber zurück zu mir. Ich frage mich: Würde ich heute noch so ganz einfach mit Stauansage aus dem Radio und Straßenkarte meinen Weg durch die Rush-Hour suchen? Ist nicht schon die Abhängigkeit von einem Auto für 87km Pendelstrecke erschreckend, selbst wenn man mal davon absieht, dass bei mir ständig eine an mobiles Internet gekoppelte Navigation mitläuft, die auf der Basis von anderen Autofahrern mit der selben Navigation ausrechnet, auf welcher Straße man wie gut durchkommt und so optimale Umleitungen empfiehlt und eine recht genaue Prognose der Ankunftszeit liefert?

Es mag sein, dass es erschreckend ist, sich uns ohne unsere Werkzeuge vorzustellen. Und es ist auch definitiv so, dass unsere Werkzeuge beziehungsweise ihr Funktionieren fragiler ist, als aufgrund unseres teils recht totalen drauf Verlassens gut erscheint. Dennoch würde ich nicht sagen, dass es irgendwann die Rettung der Menschheit sein muss, das Netz abzuschalten und die wild gewordenen Werkzeuge los zu werden – ich glaube auch nicht, dass unsere Abhängigkeit von Werkzeugen uns zerstört. Aber ich denke, hin und wieder bringt es etwas, differenziert über die Nutzung von Werkzeugen nachzudenken. Nicht in einer Weise „alle Werkzeuge dieser und jener Art sind böse und nehmen uns zu viel weg, nehmen uns unsere Menschlichkeit weg“. Diese Sichtweise habe ich im Bezug gerade auf vernetzte Technologien, Computeranwendungen – ob nun Spiele, soziale Netzwerke oder anderes – und vor allem Ideen der virtuellen Realität und künstlichen Intelligenz schon öfter gehört. Ich halte das in der Form für Alarmismus. Wir sollten aber drüber nachdenken, ob die Geräte so zuverlässig sind, wie wir uns drauf verlassen. Wir sollten aber unter anderem unter diesem Aspekt auch drüber nachdenken, ob unsere Nutzung von Technologie wirklich total gerechtfertigt ist.

Neulich, als ich zu meiner Trauzeugin nach Stuttgart rein gefahren bin, habe ich nach ihrer neuen Adresse nicht im Stadtplan geschaut, mir keine Linie auf den Stadtplan gemalt, mich nicht vorbereitet. Ich hatte ja mein Navi über Telefon und Netzdienste. Aber könnte ich das noch? Hätte ich auf die Schnelle einen Stadtplan von Stuttgart parat gehabt? Wahrscheinlich schon, denn ich hätte an einer dieser typischen Haltebuchten mit Stadtplänen gehalten und dann versucht, mir den Weg zu merken. Denn – wenn ich das Szenario schon konsequent durchdenke – meine Digitalkamera hätte ich dann ja auch nicht gehabt. Oder ich hätte – ganz altmodisch – jemanden gefragt, nach dem Weg. So wie mein Mann und ich vorgestern von einem Herrn nach dem Weg zur Stöckwiese gefragt wurden. Da wir gerade an der Halle dort vorbei gelaufen waren und die in der Halle stattfindende Feier recht eindeutig als türkische Hochzeit identifiziert hatten, hätten wir dem Herrn auch ohne Kenntnis des Namens der Straße helfen können. Ganz offline. Offenbar gibt’s das Backup-System also noch. In so fern: Alles super, ich werde heute nicht auf meine Stauanzeige mit Google-Maps Navigation zwecks besserem Durchkommen zur Arbeit verzichten.

Nur wo zum Henker ordne ich diese Philosophiererei über Technik vor meinem ganz privaten Kontext hier nun ein? Vermutlich unter allen meinen Kategorien.

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Über Talianna

Physikerin, Pendlerin, Läuferin, phantasievolle Geschichtenerzählerin inzwischen mit Durchhaltefähigkeit für ein ganzes Buch ... und gelegentlich einfach zu abgelenkte Person.
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