Die Überhol-Schlange

Vorkommen: Auf Straßen mit mehreren Richtungsfahrstreifen. Generell und überall, besonders aber bei hohen – in dem Fall dann aber eher: Ehemals hohen Geschwindigkeitsdifferenzen zwischen den Fahrstreifen.

Symptome: Freier rechter Fahrstreifen hinter einem langsam fahrenden Fahrzeug – ob nun LKW, aus dem letzten Loch pfeifender Bus, von altem Mann mit Hut oder anderen erstaunlichen Gestalten des Verkehrs gesteuertes Fahrzeug oder irgendwas in der Art. Jedenfalls langsam. Und dahinter gefühlt mehrere Kilometer freie rechte Spur. Links davon eine sich in Zeitlupe am langsam fortbewegenden Hindernis vorbeiwälzende Kolonne von Fahrzeugen, die gefühlt mehrere Kilometer vor dem Hindernis beginnt und sich regelrecht magisch direkt nach dem Hindernis auflöst.

Unterstellte Ursachen: Jeder möchte möglichst genau das Tempo fahren, das er am liebsten hat. Dafür bräuchte man für jedes Auto eine eigene Spur – und so viel Platz ist nicht. Also müssen sich die Leute, die gerne mit 95 einen LKW überholen würden, aufgrund von seltsamem Schalten, Steigung oder was auch immer gerade mal 87 schaffen, die Spur neben dem LKW mit dem von hinten mit 100, 110, 120, manchmal mehr anrollenden Verkehr teilen. Oft genug wird die Überholspur (ob es nun die mittlere, die linke oder was auch immer ist) dann auch noch von Störungen ausgebremst – jeder, der kurz hinter dem LKW mit 83 ausschert, weil er ja überholen darf, bringt den folgenden Überholverkehr auf 83 oder weniger. Zwangsläufig. Je kürzer die Lücke, um so mehr wird der Verkehr dahinter ausgebremst. Und so sammelt sich ein Fahrzeug nach dem anderen schräg links hinter dem Hindernis, und die Reihe wird immer länger. Das Rechtsfahrgebot hilft wenig, weil es von den einen als „sofort vor dem LKW einscheren, dass der schon bremst wie verrückt, und dem LKW auf’s Nummernschild auffahren, dabei abbremsen und dann ausscheren“ interpretiert wird – und von den anderen als „da vorn ist noch ein LKW, am Horizont, mit Fernglas zu sehen – ich bin im Überholvorgang!“.

Nervfaktor: Auftreten wie auch Nervfaktor steigt mit der Verkehrsdichte. Insbesondere die Fahrer, die rechts vorbei fahren und sich vorne reindrängeln, verkürzen die Abstände weiter – und verlängern die Überhol-Schlange. Hintenan schleichen verletzt aber – gefühlt – das Rechtsfahrgebot. Für mich persönlich ist der Nervfaktor enorm, weil man genau wie beim Ende eines Fahrstreifens im Stau sieht, dass jeder Abstand, jede Lücke, die man vielleicht bis zur Zusammenführung offen halten könnte, rücksichtslos zugefahren wird. Und die Abstände und Lücken fehlen bei der Zusammenführung – ob nun durch Spurende oder durch LKW aka dynamisches Spurende – dann. Und da könnt ich in’s Lenkrad beißen.

Inspiriert von Philipp! Vielen Dank!

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Über Talianna

Physikerin, Pendlerin, Läuferin, phantasievolle Geschichtenerzählerin inzwischen mit Durchhaltefähigkeit für ein ganzes Buch ... und gelegentlich einfach zu abgelenkte Person.
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