Nicht schnell Fahren

„Ich fahre doch eigentlich gar nicht schnell!“

Das ist eine Aussage, die man sehr gerne vorbringt. Vor allem, wenn man gerade geblitzt worden ist. Ich ertappe mich auch manchmal dabei, reflexartig mein Mantra zu wiederholen, dass ich doch gar nicht schnell fahren würde.

Aber mal Hand auf’s Herz: „Nicht schnell“ ist ziemlich relativ. Auf einer baulich getrennten, pro Richtung mehrstreifigen, gut asphaltierten Straße sind 120 Stundenkilometer nicht schnell. Oder vielleicht doch? Vor allem sind 120 Stundenkilometer auch auf so einer Strecke VERDAMMT schnell, wenn so ein komisches, rundes, rotgerändertes Schild mit einer schwarzen 80 auf weißem Grund daneben prangt. So erlebt heute morgen: Ich rollte nett mit 85 – oder zugegebenermaßen wohl eher 95 Stundenkilometern Tachoanzeige von Pforzheim Nord hinunter Richtung Pforzheim Ost. Im Interesse der geplagten Anwohner dort gibt es da ein Tempolimit – jene ominöse 80, die ich oben genannt hatte. Die LKW auf der rechten von zwei Spuren waren nicht viel, aber doch spürbar langsamer als ich. Und mit doch ein wenig mehr als dem Tempolimit auf dem Tacho dachte ich gar nicht daran, rechts rüber zu fahren und meinen 3,41m kurzen Toyota Aygo in eine 30m kurze Lücke zwischen zwei LKW zu quetschen, nur um Leute mit 100 oder mehr Stundenkilometern durchzulassen. 14m Abstand zum LKW vorne und hinten jeweils wäre auch sehr wenig.

Nun stellte ich aber fest: Hinter mir wollte jemand unbedingt schneller fahren und bekundete das auch sehr nachdrücklich durch dichtes Auffahren. Also rollte ich mit knapp 15km/h über dem Limit laut Tacho gefühlt weniger als eine Autolänge vor einem anderen PKW an langsameren und eng hintereinander fahrenden LKW hinunter ins Tal der Enz. Als dann die Begrenzung auf 80 durch die Begrenzung auf 100 Stundenkilometer ersetzt wurde, beschleunigte ich auf 110 Stundenkilometer – noch immer etwas viel. Noch immer hing der Hintermann gefühlt in meinem Kofferraum. Und dann kam die dritte Spur rechts dazu, die LKW machten Platz und ich machte – knapp vor dem weiteren Hochsetzen des Limits auf 120 – meinem Hintermann die linke Spur frei. Ergebnis nun den Berg hoch – er war sogar erstmal langsamer als ich, fing sich dann langsam auf 120, die ich längst erreicht hatte, überholte mich. Und dann wurde es eben und jegliche Geschwindigkeitsbegrenzung wurde aufgelöst. Wunderbar – nur wer beschleunigte nicht weiter? Mein ehemaliger Hinter- und nun Vordermann. Also überholte ich ihn mit etwa 130, was schon ganz schön schnell ist, finde ich. Also langsam fahre ich nicht.

Nun finde ich das ziemlich seltsam: Ich fahre leicht schneller als die eher langsamen Begrenzungen und werde bedrängelt – und dann bekomme ich das folgende weniger restriktive Limit nicht ausgenutzt und muss den Drängler von vorher wieder überholen.

Wenn man immer 110-120 fährt auf Autobahnen und immer 65-80 auf der Landstraße, dann kann man das sicher für „nicht schnell“ halten – aber nicht nur Tempolimits, sondern auch Straßenverhältnisse und Verkehrsdichte können bedingen, dass 110 auf der Autobahn eben echt nicht schnell – oder andererseits verdammt viel ZU schnell ist. Und genau darauf wollte ich hinaus. „Nicht schnell“ ist so ein richtig schön dehnbarer Begriff, den ich viel zu oft missbrauche und missbraucht sehe.

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Über Talianna

Physikerin, Pendlerin, Läuferin, phantasievolle Geschichtenerzählerin inzwischen mit Durchhaltefähigkeit für ein ganzes Buch ... und gelegentlich einfach zu abgelenkte Person.
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